Politik

Revolte in Pariser Nobel-Bezirk gegen Obdachlosenheim

Lesezeit: 2 min
20.03.2016 01:24
In einem Pariser Nobelviertel soll eine Unterkunft für Obdachlose errichtet werden. Die Anwohner gehen auf die Barrikaden. Die Stadtpolitiker reagieren mit bemerkenswerter Hilflosigkeit.
Revolte in Pariser Nobel-Bezirk gegen Obdachlosenheim
Das 16. Arrondissement in Paris. (Foto: unjourplusaparis.fr)

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Fran Blandy berichtet für die AFP von einer bemerkenswerten Konfrontation in 16. Arrondissement von Paris: 

Im sonst so gesetzten Nobel-Bezirk 16. Pariser Arrondissement stehen die Zeichen auf Revolte. „Die Menschen im 16. haben den Ruf, den Arsch nicht aus dem Sessel zu bekommen, Fernsehen zu schauen und Kaviar zu essen“, warnt der konservative Bezirksbürgermeister Claude Goasguen. „Aber sie verteidigen ihre Interessen genauso wie alle anderen auch.“

Und ihre Interessen sehen die Bewohner des bürgerlich-vornehmen Bezirks im Pariser Westen durch eine Obdachlosen-Unterkunft gefährdet, die direkt vor ihrer Haustür entstehen soll. 200 Menschen sollen ab dem Sommer in sechs modularen Gebäuden am Rande des Stadtwaldes Bois de Boulogne Platz finden. Die Anwohner befürchten die Ankunft zahlreicher Flüchtlinge und Zustände wie im nordfranzösischen Calais – dass sich der Wald also in einen neuen „Dschungel“ verwandelt, wie das Flüchtlingslager am Ärmelkanal genannt wird.

Zehntausende Bewohner des ruhigen Wohnviertels, in dem hinter eleganten Fassaden sündhaft teure Wohnungen liegen, haben bereits eine Petition gegen die geplante Obdachlosen-Unterkunft unterzeichnet. Bezirksbürgermeister Goasguen droht mit „Demonstrationen und rechtlichen Schritten“. Eine Informationsveranstaltung endete kürzlich in Tumulten, eine Behördenvertreterin musste sich als „Schlampe“ beschimpfen lassen – eine in dem schicken Bezirk eher unübliche Vokabel.

Rathaus und Regierung – beide sozialistisch geführt und deswegen im stramm konservativen 16. Bezirk ohnehin wenig geschätzt – aber bleiben hart: „Das Zentrum wird gebaut“, bekräftigte Premierminister Manuel Valls vor wenigen Tagen. In ganz Paris gebe es 78 Obdachlosen-Unterkünfte, im 16. Bezirk nicht ein einziges. „Die Aufnahme von Menschen in Schwierigkeiten darf sich nicht auf Arbeiterviertel konzentrieren.“

Das Pariser Rathaus beteuert zudem, die Unterkunft sei für Obdachlose gedacht und gar nicht für Flüchtlinge. Ein Argument, dass die Anwohner nicht überzeugt. Denn in Paris leben eben auch viele Flüchtlinge auf der Straße – unklar ist, wie da eine Unterscheidung getroffen werden soll. Und selbst der Pariser Stadtrat begründet das Projekt mit der Notwendigkeit, „auf die Bedürfnisse von Obdachlosen und Flüchtlingen einzugehen“.

Im Kampf gegen die geplante Unterkunft sind die Gegner um Argumente nicht verlegen. „Wir sind eine der Städte mit den wenigsten Grünflächen, und daran wird jetzt geknabbert“, sagt Christophe Blanchard-Dignac, der eine Initiative gegen das Projekt anführt. Mit Blick auf ein nahegelegenes Freibad sagt er: „Die Eltern haben Angst.“ Schließlich kenne jeder die „Gewalt“, die es in Calais „und in Deutschland“ gegeben habe.

Sogar das Wohl der künftigen Bewohner der Unterkunft selbst führt Blanchard-Dignac an: „Werden sie sich in einem Viertel mit so hohen Preisen wohlfühlen?“ Eine Restaurantbesitzerin aus der Gegend stößt ins gleiche Horn: „Die Supermärkte hier sind unbezahlbar, sogar der marokkanische Gemüseladen ist zu teuer.“

Doch nicht alle Bewohner teilen die Ablehnung. „Es ist immer die gleiche Reaktion: Sogar meine Frau sagt, dass sie unseren Kindern die Kehlen durchschneiden werden“, sagt ein Mann. „Wir Reichen müssen den Armen helfen.“

Dominique Versini, als Vizebürgermeisterin im Pariser Rathaus für soziale Fragen zuständig, setzt darauf, dass es im 16. Bezirk auch „viel Großzügigkeit, viel Menschlichkeit“ gebe. Doch ironische Spitzen gegen die in der Regel betuchten Anwohner kann sie sich auch nicht verkneifen: „Ich verstehe, dass es für das 16. der Schock über das Unbekannte ist“ – Äußerungen, die nicht unbedingt dazu beitragen, die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen.

Die Gegner der Obdachlosen-Unterkunft jedenfalls wollen nicht aufgeben, wie Blanchard-Dignac ankündigt: „Wir werden dieses Projekt bis zum letzten Moment bekämpfen.“

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Marktbericht
Marktbericht Mit digitalem Gold auf Erfolgskurs

Die Vervielfachung der Geldmenge hat enorme Auswirkungen. Die Inflation ist nicht mehr aufzuhalten. Auf der anderen Seite zeichnet sich...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Der Ausverkauf geht weiter: Nächster deutscher Hightech-Konzern wird vom Ausland übernommen

Trotz ständigen Bekundungen der Bundesregierung, strategisch wichtige Unternehmen vor Übernahmen aus dem Ausland zu schützen, geht der...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Zwischen Russland und Saudi-Arabien bahnt sich ein neuer Ölpreis-Krieg an

Im März findet das nächste Treffen der OPEC + statt. Während Saudi-Arabien die Öl-Produktion weiter drosseln will, plädiert Russland...

DWN
Politik
Politik Jetzt bahnt sich auch ein digitaler EU-Impfpass an

Am 25. und 26. Februar werden die Mitglieder des Europäischen Rates zusammenkommen, um über die Einführung von digitalen Impfpässen zu...

DWN
Deutschland
Deutschland Plötzlich üben die Medien Kritik an Spahn, doch es ist zu spät

Die Medienlandschaft hat sich dazu durchgerungen, Jens Spahn zu kritisieren. Doch es ist zu spät, obwohl die Deutschen...

DWN
Finanzen
Finanzen Bundesbank warnt vor überhöhten Immobilienpreisen

Im vergangenen Jahr haben die „markanten Preisübertreibungen“ auf dem Wohnungsmarkt zugenommen, so die Bundesbank. Teilweise liegen...

DWN
Finanzen
Finanzen Digitale Zentralbankwährungen für den Großhandel und Einzelhandel bahnen sich an

In einem aktuellen Bericht plädiert die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich für die Einführung von digitalen...

DWN
Finanzen
Finanzen Bargeld-Nutzung in den USA ist während der Pandemie gestiegen

In den USA ist nach Angaben eines Unternehmens für Sicherheitsdienste und Werttransporte die Bargeldnutzung gestiegen.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Schwab hatte es „vermutet“: Großunternehmen werden größer, während Kleinunternehmen ganz verschwinden

Der Gründer des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab schreibt in seinem Buch „Covid-19: Der Grosse Umbruch“, das im Juli 2020 erschienen...

DWN
Deutschland
Deutschland Bundeskabinett beschließt Einführung des digitalen Impfpasses

Das Bundeskabinett hat am Montag die Einführung eines digitalen Impfpasses beschlossen, damit Geimpfte Restaurants und Konzerte besuchen...

DWN
Politik
Politik Blackwater-Gründer Prince spielte zentrale Rolle im Libyen-Krieg

Einem UN-Bericht zufolge spielte der Blackwater-Gründer Erik Prince eine wichtige Rolle im Libyen-Konflikt. Dass die UN erst jetzt auf...

DWN
Finanzen
Finanzen BÖRSE AKTUELL: Heftige Korrektur bei Bitcoin - jetzt wird der Einstieg vollends zum Vabanque-Spiel

Gestern vermeldeten wir den rapiden Kursverfall der Kryptowährung "Bitcoin". Heute liefert unser Börsen-Experte Andreas Kubin, wie...

DWN
Finanzen
Finanzen Dax: Anleger hoffen nach Powells Rede weiter auf Riesen-Konjunkturpaket aus den USA

Die Börsen entwickeln sich langsam weiter. Heute Nachmittag warten die Anleger auf wichtige Konjunkturdaten.

DWN
Politik
Politik E-Patientenakte: Merkel und Spahn haben den Datenschutz ausgehebelt, doch keiner hat es bemerkt

Die Bundesregierung hat durch ein neues Patientenakten-Gesetz den Datenschutz ausgehebelt. In der Akte sollen alle relevanten...

DWN
Deutschland
Deutschland Geduld des Handels ist am Ende: Klagewelle gegen Lockdown rollt

Obi, Media Markt, Breuninger und Co. wollen nicht länger auf Zugeständnisse der Politik warten. Immer mehr Händler versuchen, vor...