Finanzen

Strafzinsen: Commerzbank erwägt Lagerung von Bargeld in Tresoren

Um keine Strafzinsen bei der EZB zahlen zu müssen, erwägt die Commerzbank, einen Teil ihrer Gelder lieber in Tresoren zu horten. Seit März liegt der Satz bei minus 0,4 Prozent.
09.06.2016 00:38
Lesezeit: 2 min

Die Commerzbank erwägt Finanzkreisen zufolge mehrere Milliarden Euro zu horten, statt bei der EZB Strafzinsen dafür zu zahlen. Sie wäre das erste deutsche Geldhaus, das die Negativzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) so in großem Stil umgeht, wie vier mit Vorgang vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters sagten. Auch in Europa ist bisher keine Großbank bekannt, die Geld auf diese Weise dem Zugriff der Notenbank entzieht. „Die Commerzbank prüft diese Option“, sagte einer der Insider. Eine Entscheidung sei jedoch noch nicht gefallen. Derzeit bunkere das Institute keine Milliarden in Tresoren, erklärte ein Sprecher der zweitgrößten deutschen Bank. „Wir machen das aktuell nicht.“

Die EZB verlangt von Geschäftsbanken seit Sommer 2014 Strafzinsen, wenn diese Geld über Nacht bei ihr parken. Seit März liegt der Satz bei minus 0,4 Prozent. Die Währungshüter wollen Finanzinstitute auf diese Weise dazu bewegen, mehr Kredite zu vergeben und so die Wirtschaft anzukurbeln.

Dass die Commerzbank das Vorgehen der EZB nun mit ihrem Tresor-Plan unterminieren könnte, ist politisch brisant, denn der deutsche Staat hält knapp 16 Prozent an dem Frankfurter Institut. Mehrere deutsche Politiker hatten die ultralockere Geldpolitik der EZB in den vergangenen Monaten kritisiert. Finanzminister Wolfgang Schäuble warnte, ihre Folgen nährten in der Bundesrepublik „euroskeptische Bestrebungen“. Die deutschen Finanzbehörden seien über die Pläne der Commerzbank im Bilde und hätten bisher keine Einwände, erklärten zwei Insider. Die EZB wollte sich dazu nicht äußern. Sie kann Banken keine Vorgaben machen, was diese mit ihrer überschüssigen Liquidität anstellen.

Zwei Milliarden Euro in 200-Euro-Scheinen wiegen etwa elf Tonnen. Ob es für Finanzinstitute Sinn macht, solche Mengen in den eigenen Tresoren zu bunkern, hängt von den Kosten für den Transport, die Lagerung und die Versicherung des Geldes ab. Einige Banken haben dies bereits kalkuliert und abgewinkt. Bei einem negativen Einlagezins von 0,4 Prozent lohne sich das noch nicht, sagte Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon im März. Einige Sparer würden dagegen bereits reagieren. „Die Kundenschließfächer werden immer stärker nachgefragt.“

Große Versicherer bekommen immer mehr Anfragen, Tresore und Schließfächer zu versichern, wie die Münchener-Rück -Tochter Ergo erklärte. Wegen der EZB-Politik könnten Sparer in großem Stil Geld von ihren Konten abziehen, warnt WGZ-Bank-Chef Hans-Bernd Wolberg. „Schließfächer haben Konjunktur.“ Der weltgrößte Rückversicherer Münchener Rück legte sich als Reaktion auf die EZB-Politik bereits Gold und eine zweistellige Millionensumme in den Tresor, wie Vorstandschef Nikolaus von Bomhard im März sagte. „Wir probieren das jetzt einfach mal aus. Daran sehen sie, wie ernst die Situation ist.“

Zahlreiche Banken verlangen von großen Investoren und Unternehmen inzwischen Strafzinsen, wenn diese über Nacht hohe Geldsummen bei ihnen parken. Commerzbank-Finanzchef Stephan Engels kündigte im Februar an, diese Maßnahme auch auf Mittelständler auszuweiten. An Privatkunden geben Banken die negativen Einlagezinsen der EZB dagegen bisher nicht weiter, sondern tragen die Kosten selbst. „Es ist eine außergewöhnliche Situation“, sagte Deutsche-Bank-Chef John Cryan im März auf einer Finanzkonferenz. Wenn ein Kunde hohe Summen auf sein Konto bei der Bank einzahle, denke er: „Oh no - nicht noch mehr Geld, mit dem ich Verluste machen werde. Denn niemand will das Geld, ich kann es nicht verleihen.“ Die Kreditnachfrage von deutschen Unternehmen ist geringer als das Angebot der Banken. Und wenn die Institute die Kunden-Einlagen bei der EZB parken, müssen sie Strafzinsen berappen.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie BradyPrinter i7500: Revolution im Hochpräzisionsdruck

Sie haben genug vom altmodischen Druck großer Etikettenmengen? Keine Kalibrierung, keine Formatierung, kein umständliches Hantieren mit...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ostdeutsche Textilbranche kämpft mit Umsatzeinbußen – trotz erfolgreichen Neustart
03.04.2025

Sachsen und Thüringen zählen noch zu den größten Textilstandorten bundesweit. Doch die ostdeutsche Textilbranche hat erheblich zu...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX aktuell: DAX-Kurs fällt nach Trumps Zollankündigung - wie sollten Anleger reagieren?
03.04.2025

Die erneute Zollankündigung von US-Präsident Donald Trump hat am Donnerstag die Aktienmärkte stark unter Druck gesetzt. Der DAX-Kurs...

DWN
Politik
Politik Trump Strafzölle: Warum fehlt Russland auf Trumps Zölle-Liste?
03.04.2025

Die von US-Präsident Donald Trump verkündeten Strafzölle treffen eine Liste von 185 Handelspartnern – Russland fehlt darauf, im...

DWN
Panorama
Panorama April 2025: Lohn, Pakete, Elterngeld - die wichtigsten Änderungen
03.04.2025

Beschäftigte im Bau erhalten mehr Lohn, Pakete werden teurer und auch im neuen Bundestag steht einiges an. Der neue Monat bringt zudem...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft DGB-Studie: Chinesische Investoren auf Rückzug in Europa
03.04.2025

Eine Analyse der SPD-nahen Hans-Böckler-Stiftung vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) analysiert, dass die Firmen-Mitbestimmung nach...

DWN
Panorama
Panorama Marode Infrastruktur: Deutschlands bröckelnde Brücken - Geld allein reicht nicht
03.04.2025

500 Milliarden aus dem Schuldenpaket von Union und SPD sollen in die marode Infrastruktur fließen: Brücken, Schienen und Straßen – oft...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Trump-Zölle könnten Preiskarussell, Zinserhöhungen und Insolvenzen anheizen - die EU bereitet sich vor
02.04.2025

Die Regierungen weltweit bereiten sich auf die massive Einführung von Zöllen durch US-Präsident Donald Trump vor, die, so sein Plan,...

DWN
Finanzen
Finanzen Tesla-Aktie stürzt ab: Miese Tesla-Auslieferungen belasten - was das für Anleger bedeutet
02.04.2025

Die weltweiten Auslieferungen des US-Autobauers Tesla sind im vergangenen Quartal um 13 Prozent auf 336.681 Fahrzeuge zurückgegangen....