Bürgeranleihen: Bundesregierung rät zu hochriskanten Geschäften mit Stromkonzernen

Lesezeit: 2 min
21.07.2013 23:40
Bundesumweltminister Altmaier hat lange für die Bürgeranleihe geworben. Die Deutschen könnten sich am Ausbau des Stromnetzes beteiligen und auch noch fünf Prozent Rendite erhalten. Kein schlechter Deal. Doch der Schein trügt: Die Rendite ist keineswegs sicher. Sicher ist nur, dass der Käufer einer solchen Bürgeranleihe im Falle einer Insolvenz des Konzerns sein Geld verliert.

Mit riskanten Geschäften dürfte sich die deutsche Bundesregierung sehr gut auskennen. Bestes Beispiel dafür ist die EZB mit ihrer Geldpolitik. Und mit gescheiterter Energiepolitik kennt sich die Bundesregierung auch aus – das zeigt der immer wieder aufflammende Disput mit der EU. Doch wie kann man die deutschen Bürger vom Ausbau der Stromnetze überzeugen, was viel Lärm, hässliche Masten in schöner Landschaft und Strahlung zur Folge hat? Umweltminister Altmaier weiß das: Man sagt den Bürgern einfach, sie können sich am wichtigen Ausbau des Stromnetzes beteiligen und damit auch noch eine sichere Rendite einsacken.

„Ich schlage vor, dass wir eine Bürgerdividende beim Ausbau der Netze einführen“, sagte Altmaier vor etwa einem Jahr der FAZ. „Die Bürger sollen die Möglichkeit haben, sich mit ihrem Kapital zu einem festen Zinssatz zu beteiligen.“ Schon ab 500 Euro solle Investitionen für den Bürger möglich sein und mit einer garantierten Rendite von jährlichen fünf Prozent verzinst werden. Klingt gut. Ähnlich wurde es auch im Ministerium angekündigt:

„Vom Netzausbau betroffene Bürgerinnen und Bürger sollen sich künftig finanziell am Leitungsbau auf der gesamten Übertragungsnetzebene beteiligen können und für ihre Einlagen bis zu fünf Prozent Zinsen erhalten.“

Und auch Wirtschaftsminister Rösler war begeistert:

Der Umbau unserer Energieversorgung ist ein Großprojekt, bei dem alle mithelfen müssen. Die Energiewende wird nur dann ein Erfolg, wenn es uns gelingt, die Kosten zu begrenzen und die Menschen auf dem Weg mitzunehmen. Die Bürgerdividende kann dazu einerseits einen Beitrag leisten, andererseits den notwendigen Leitungsausbau beschleunigen. Wir wollen vor allem den Menschen in den betroffenen Regionen die Möglichkeit geben, sich an Netzausbau-Projekten finanziell zu beteiligen und hiervon zu profitieren. Gemeinsam mit den Übertragungsnetzbetreibern haben wir heute die Grundlage dafür geschaffen.“

Und weiter schreibt das Umwelt-Ministerium:

„Die vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW werden in den kommenden Monaten entsprechende Beteiligungsmodelle entwickeln und geeignete Ausbauprojekte benennen. Dabei werden Erfahrungen mit dem Bürgerbeteiligungsmodell der TenneT in Schleswig-Holstein einfließen.  Bereits heute können sich Bürgerinnen und Bürger finanziell an der Westküstenleitung in Schleswig-Holstein beteiligen und erhalten für ihre Einlagen bis zu fünf Prozent Zinsen.“

In Schleswig Holstein ist die Bürgeranleihe schon zu haben. Der niederländische Konzern TenneT bietet diese an. Doch was da von der Bundesregierung so toll beworben wurde, ist in Wirklichkeit ein hochspekulatives Geschäft. Die Bundesregierung rät Bürgern zu hochriskanten Geschäften, wie von der FAZ zu Rate gezogene Analysten nun bestätigen.

Denn anders als es von Altmaier und Rösler präsentiert wurde, kaufe der Bürger mit einer derartigen Anleihe, wie sie TenneT nun ausgibt, keine Beteiligung an einer Stromleitung und auch nicht am Betreiber der Leitung. Vielmehr gibt der Bürger TenneT einen Kredit. Geht TenneT pleite, schützt kein deutscher Staat vor einem Verlust. Die Anleihen sind sogar so ausgelegt, dass die Bürger nachrangige Gläubiger sind und somit keine Vorrechte auf Ausbezahlung haben – so ähnlich wie es im Falle der rasierten Gläubiger zukünftiger insolventer Banken Europas zu sehen sein wird (hier). Schlimmstenfalls verliert der Bürger also sein Geld.

Für den normalen Kleinanleger sei es zudem kaum möglich, diese Anleihe zu verstehen, sagte Rodger Rinke, Anleiheanalyst der Landesbank Baden-Württemberg, der FAZ. „Selbst Profis tun sich mit dieser Struktur schwer.“ Angesichts des Risikos müsste die Rendite sogar bei mindestens sieben Prozent liegen, so Rinke. Doch bezüglich der Anleihe hat TenneT sogar das Recht, die versprochene Rendite von fünf Prozent zu verringern oder die Auszahlung dieser auf die lange Bank zu schieben, wenn kein Geld da ist.

Die Anleihe sei, so die Analysten, den Bürgern auf keinen Fall zu empfehlen. Die Bürgeranleihe habe nicht einmal eine feste Laufzeit, es gebe kein fixes Rückzahlungsdatum. Man könne die Bürgeranleihe zwar notfalls an der Börse verkaufen, aber die Analysten sehen dafür keinen Markt und entsprechend würden auch dabei massive Verluste entstehen. Die Ratingagentur Standard &  Poor’s hat die Anleihe übrigens mit BB+ bewertet – wie für eine hochspekulative Anleihe.


Mehr zum Thema:  

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Deutschland, Japan, Südkorea: Die Exportweltmeister straucheln in die Krise

Der weltweite Abschwung hat vor allem in den großen Exportländern wie Deutschland, Japan und Südkorea zu einem Einbruch der Konjunktur...

DWN
Finanzen
Finanzen Daimler unter Ola Källenius: Ein Weltkonzern auf dem Rückzug an allen Fronten

Der Daimler-Vorstandsvorsitzende Ola Källenius hat tiefe Einschnitte angekündigt. Die geplanten Maßnahmen lesen sich wie ein Rückzug...

DWN
Finanzen
Finanzen Analysen: Weltwirtschaft so schwach wie am Ende der letzten globalen Rezession

Umfragen der wichtigen Datenanbieter Ifo und IHS Markit zeichnen ein düsteres Bild der Weltwirtschaft. Beiden Instituten zufolge befinden...

DWN
Politik
Politik China baut Griechenland zum europäischen Brückenkopf der Neuen Seidenstraße auf

Chinas Staatschef Xi Jinping hat während seines Besuches weitere Investitionen in Griechenland angekündigt. Mithilfe der Chinesen stieg...

DWN
Politik
Politik Bundesregierung beschließt Impfzwang für Kinder, Migranten und Gesundheitspersonal

Die Bundesregierung hat einen Impfzwang für Kinder, Migranten und Angestellten von Asylzentren und Krankenhäusern beschlossen.

DWN
Deutschland
Deutschland Windkraft-Krisengipfel in Hannover: Die Politik steht zwischen Unternehmen, Bürgern und Verbänden

Die Windkraftbranche wird derzeit von Nackenschlägen erschüttert. Am vergangenen Freitag hat Enercon einen massiven Stellenabbau...

DWN
Politik
Politik Inspekteur der Deutschen Marine: Um abzuschrecken, müssen wir kämpfen können

Die Deutsche Marine hat entbehrungsreiche Zeiten hinter sich: Jahrzehntelang wurde sie in hohem Maße vernachlässigt und finanziell sowie...

DWN
Finanzen
Finanzen Russlands Staatsfonds baut seine Dollar-Anlagen in großem Umfang ab

Russland wird den Anteil von Dollar-Assets in seinem Staatsfonds von aktuell rund 45 Milliarden Dollar deutlich reduzieren. Diese...

DWN
Finanzen
Finanzen Verluste deutlich ausgebaut: Die WeWork-Blase platzt

Das Unternehmen WeWork wurde erst von Medien und interessierten Kreisen gefeiert, nun setzt der Kater ein. Statt Gewinnen erwirtschaftet...

DWN
Finanzen
Finanzen Nach Problemen mit Libra startet Facebook neues Bezahlsystem

Politik und Zentralbanken laufen Sturm gegen Facebooks Pläne mit der Kryptowährung Libra. Daher startet das soziale Netzwerk nun das...

DWN
Technologie
Technologie Dudenhöffer: „Teslas Pläne sind für die Autobauer gut, für die Bundesregierung ein Problem“

Die Pläne des US-Elektroautoherstellers Tesla zum Bau einer großen Batteriefabrik nahe Berlin wirken sich dem Autoexperten Ferdinand...

DWN
Deutschland
Deutschland Heckler&Koch steht zum Verkauf: BND untersucht dubiose Interessenten

Der deutsche Waffenproduzent Heckler&Koch wird von Schulden bedrückt. Jetzt gibt es Meldungen, dass er verkauft werden soll. An wen, ist...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Strom-Klau durch E-Rikscha-Fahrer wird zur Bürde für Indiens Energieversorgung

Indien, das stark unter Smog leidet, treibt die Entwicklung der E-Mobilität voran. Doch es gibt ein großes Problem dabei.

DWN
Politik
Politik „Klappe halten“: Frankreichs Eliten streiten um Wiederaufbau von Notre Dame

In Frankreich gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, wie die durch ein Feuer zerstörte Kathedrale Notre Dame einmal wieder aussehen...

celtra_fin_Interscroller