Politik

Heimliche Bodenreform: Spekulanten kaufen im großen Stil deutsches Ackerland

Lesezeit: 2 min
21.07.2013 23:51
Die Boden-Preise sind in den vergangenen Jahren in vielen Regionen Deutschlands regelrecht explodiert. Investoren sehen die Flächen als gewinnbringende Anlage. Kleinbauern können sich den Kauf oder die Pacht hingegen nicht mehr leisten.
Heimliche Bodenreform: Spekulanten kaufen im großen Stil deutsches Ackerland

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

In Deutschland werden Bauern als Grundeigentümer zusehends von institutionellen Investoren verdrängt. In einigen Regionen wurden bereits bis zu 30 Prozent der verfügbaren landwirtschaftlichen Flächen von diesen Kapitalgebern übernommen.

Das geht aus einer aktuellen Studie der Kleinbauernbewegung La Via Campesina und des Netzwerks „Hands-off the Land“ hervor. Anhand von elf europäischen Ländern schildern die Autoren darin, wie die traditionelle Landwirtschaft durch die Konzentration des Landbesitzes und die Investitionstätigkeit von Spekulanten bedroht wird. Die Landkonzentration sei heute auch in Europa mit den Dimensionen in Brasilien, Kolumbien oder den Philippinen vergleichbar.

Zwischen 1991 und 2012 hat sich die Zahl der Höfe mit mehr als fünf Hektar Land in Deutschland annähernd halbiert, von 541.000 auf 287.500. Und dass obwohl nach der Wende viele großflächige Agrar-Genossenschaften aus der ehemaligen DDR aufgeteilt wurden. Allein in den vergangenen fünf Jahren schlossen 34.100 landwirtschaftliche Betriebe. Heute arbeiten gerade einmal noch 1,6 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft.

Die Zahl der Betriebe mit mehr als 100 Hektar Boden hat hingegen über die vergangenen Jahre hinweg zugenommen. Der Prozess der fortschreitenden Land-Konzentration spielt dabei eine große Rolle: 11,7 Prozent der Betriebe halten heute 56 Prozent des gesamten landwirtschaftlich genutzten Bodens.

Als Folge stiegen die Boden-Preise in den letzten Jahren in ungeahnte Höhen. Kostete ein Hektar im Jahr 2005 durchschnittlich noch 8.692 Euro, waren es 2011 bereits 13.493 Euro – ein Anstieg von 55 Prozent innerhalb von sechs Jahren. In gewissen Regionen lag die Steigerung noch wesentlich höher.

Agrarexperte Roman Herre von FIAN Deutschland nennt in der Studie zwei Hauptgründe für diese Entwicklung: Einerseits das Vordringen kapitalstarker und oftmals branchenfremder Investoren, andererseits den durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) geförderten Boom der Agro-Energie. Pflanzlicher Sprit und die Ausbreitung von Biogasanlagen sind seit Jahren preistreibende Faktoren.

Von den Folgen betroffen sind in erster Linie die klein- und mittelständischen Landwirte, die durch die exorbitant steigenden Kauf- und Pachtpreise zusehends unter Druck geraten. Die Wertschöpfung der landwirtschaftlichen Tätigkeit bleibt nicht mehr in der Region, sondern fließt zu den Investoren ab. Angebaut wird, was am meisten Profit verspricht. Dabei gehe es den neuen Eigentümern in erster Linie nicht einmal darum, die Biogasförderung einzustreifen. Bodenkauf gilt als steuerschonende Investition, weil die für den Bodenerwerb aufgenommenen Schulden mit Gewinnen aus der Hauptgesellschaft gegengerechnet werden können.

Obwohl das Phänomen „Land-Grabbing“ auch in Deutschland um sich greift, ist das Problem in den neueren EU-Mitgliedsstaaten in Osteuropa noch viel drastischer. In Rumänien, Ungarn oder Bulgarien geht es dabei oft um mehrere Tausend Hektar bei einem einzigen Geschäftsdeal. Das Kapital kommt meist nicht aus China oder den Golfstaaten, wie dies für andere Weltregionen gern mit Land-Grabbing verbunden wird. Die Investoren sind vielfach aus Europa, oft auch aus dem jeweiligen Land selbst. Die Geschäftspraktiken sind jedoch teilweise ebenso dubios, wie dies bei Boden-Deals in Afrika oder Südost-Asien der Fall ist.

Die Agrarföderungen der EU spielen dabei ebenfalls eine Hauptrolle. Besonders eklatant ist die Fehlentwicklung in Rumänien, wo etwa die Hälfte der Subventionen an gerade einmal ein Prozent der Betriebe geht (hier).

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Der grüne Eifer wird zum Bumerang: Wie die Begeisterung fürs Holz den Wald gefährdet

In seiner äußerst detaillierten und tiefschürfenden Analyse zeigt DWN-Kolumnist Ronald Barazon, warum deutscher und europäischer Wald...

DWN
Finanzen
Finanzen Spekulanten setzen auf Inflation und auf Joe Biden: Die eine Wette ist sicher - die andere hochriskant

Die großen Akteure im US-Anleihemarkt ändern zunehmend ihre Strategie: Sie wetten jetzt auf steigende Anleihe-Renditen. Die Märkte...

DWN
Politik
Politik Verzerrte Statistiken, verschleierte Tatsachen: Wie die deutschen Medien Schwedens Corona-Politik verunglimpfen

Die Berichterstattung vieler deutschen Medien über Schwedens Umgang mit der Corona-Pandemie ist unzureichend und fehlerhaft. Das findet...

DWN
Finanzen
Finanzen Serie „So werde ich zum Anleger“: Das Depot

Einsteiger verzweifeln oft, wenn sie in Fonds, ETFs oder Aktien investieren wollen. Wir erklären Ihnen Schritt für Schritt, auf welche...

DWN
Finanzen
Finanzen Gazprom: Steuer-Querelen ärgern die Aktionäre

Die russischen Börsen sind auch für die deutschen Anleger von besonderem Interesse, weil hier mit Gazprom, Lukoil und Rosneft Unternehmen...

DWN
Politik
Politik China dominiert, die Agenda lautet "grün": So sieht die Welt im Jahr 2030 aus

Harvard-Professor Joseph S. Nye entwirft fünf Szenarien, wie das internationale Staatensystem in zehn Jahren beschaffen sein könnte.

DWN
Unternehmen
Unternehmen "Spaßkäufe" für kleine Internet-Händler zunehmend existenzbedrohend

Eigentlich brummt während der Krise das Geschäft mit dem Verkauf von Waren über das Internet. Doch betrifft das nur die großen...

DWN
Finanzen
Finanzen Erstes Land der Welt führt eine Digitalwährung als legales Zahlungsmittel ein

Die Bahamas haben eine digitale Zentralbankwährung zum legalen Zahlungsmittel gemacht. Der sogenannte Sand-Dollar muss nun von allen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Dunkle Wolken am Konjunktur-Himmel: KfW-Studie deckt verheerende Folgen des Lockdowns auf

Eine aktuelle Studie der KfW zeichnet ein düsteres Bild der Lage, in der viele kleine und mittelgroße Unternehmen in Deutschland stecken....

DWN
Politik
Politik Lagebericht Syrien: Islamisten treffen sich an türkischer Grenze und werden von US-Drohnen liquidiert

Die amerikanische Armee hat im Nordwesten Syriens zahlreiche Islamisten-Söldner mithilfe von Drohnenangriffen liquidiert.

DWN
Politik
Politik Nach Mord in Dresden: „Abschiebepflichtige Gefährder und schwere Straftäter dürfen wir nicht nach Syrien abschieben“

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius beschwichtigt in der nach dem islamistischen Mord von Dresden aufgekommenen Debatte um eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Derivate - Finanzielle Massenvernichtungswaffe oder wichtige Stütze der Wirtschaft? Teil 2

Die Politik hat versagt: Der Spekulationskreislauf an den Märkten ist aus dem Ruder gelaufen. Die eigentlich nützlichen Derivate...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Renaissance der Kernkraft in Europa: Polen steigt in die Atomenergie ein, Deutschland mit „Energiewende“ isoliert

Während die Bundesregierung aus „klimapolitischen“ Gründen massiv in die Windkraft investiert, startet unser östlicher Nachbar eine...

DWN
Deutschland
Deutschland Neueste Zahlen zeigen extrem niedrige Sterblichkeitsrate bei Corona-Infektionen

Neueste Zahlen des Robert Koch-Instituts sowie der Weltgesundheitsorganisation zeigen eine extrem niedrige Wahrscheinlichkeit, dass...