Bank-Runs in Bulgarien: Spekulationen über einen Mordversuch

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 2 min
01.07.2014 00:35
Die Hintergründe der bulgarischen Bank-Runs sind völlig undurchsichtig. Der bulgarische Bankensektor steht relativ solide da, doch wirtschaftliche und politische Krisen haben die Bulgaren verunsichert und traumatische Erinnerungen an die 90er Jahre wachgerufen.

Benachrichtigung über neue Artikel:  

Zwei Bank Runs in einer Woche, erst auf die Corpbank, dann auf die First Investment Bank, nun sucht Bulgarien gar Hilfe bei der EU. Wie DWN bereits berichteten, hat die EU-Kommission ihre Kreditlinie für Bulgarien erhöht, damit das Land seinen Banken helfen kann.

Die Hintergründe der bulgarischen Bankenprobleme sind dagegen nach wie vor undurchsichtig. Analysten der Standard Bank sehen in den Vorfällen klassische Bank Runs, die ein Finanzinstitut zu Fall bringen können und im Falle der Corpbank auch getan haben. Verursacht wurden sie von Spekulationen und Gerüchten, die über E-Mail und SMS verbreitet wurden, behauptet die bulgarische Regierung.

Der jetzt enteignete Hauptanteilseigner der Corpbank, Tzvetan Vassilev, macht laut Financial Times lokale Medienberichte für den Ansturm auf seine Bank verantwortlich. Diese hatten berichtet, Vassilev stünde im Verdacht, den Mord an einen Parlamentsabgeordneten in Auftrag gegeben zu haben.

Der bulgarische Premierminister Plamen Orescharski glaubt, die umlaufenden Gerüchte seien Vorboten eines angespannten Wahlkampfes. Tatsächlich sollen die Bulgaren am 5. Oktober vorzeitig ein neues Parlament wählen, nachdem die bisherige Regierung ihre Mehrheit im Parlament verloren hat.

Die Einlassungen Orescharskis lenken den Blick weg vom Bankensektor und hin auf die allgemeine politische und wirtschaftliche Situation Bulgariens. Und tatsächlich gelten die meisten bulgarischen Banken unter Fachleuten als solide. Die Eigenkapitalausstattung der Branche liegt bei vorbildlichen 20 %. Zudem gehören die meisten Banken mehrheitlich ausländischen Instituten, die im Notfall bereit und in der Lage sind, Kapital nachzuschießen. Dies galt allerdings nicht für die Corpbank, die von der bulgarischen Zentralbank übernommen werden musste.

Die Regierung Orescharski kam dagegen quasi seit Amtsantritt vor gut einem Jahr aus den Schwierigkeiten nicht mehr heraus. Sie gilt als abhängig von reichen Oligarchen.

Die wirtschaftliche Situation des Lands sieht ebenfalls nicht rosig aus. Bulgarien hat bis heute nicht den Schock der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 überwunden. Das Wirtschaftswachstum blieb gering und so lag das BIP 2013 noch immer 0,4 % unter dem von 2008. Dieses Jahr sollte alles anders werden. Noch im April prognostizierte der bulgarische Finanzminister für 2014 ein Wirtschaftswachstum von 2,1 %. Die jüngsten Ereignisse machen dies jedoch eher unwahrscheinlich.

Ein großes Problem des Landes ist der Bevölkerungsrückgang durch Auswanderung, der in den letzten Jahren wieder zugenommen hat. So ging in den letzten fünf Jahren die Einwohnerzahl Bulgarien noch einmal um 4,9 % zurück. Insgesamt schrumpfte die Bevölkerung Bulgariens in den letzten 20 Jahren von 8,5 Millionen Einwohner auf nur noch 7,2 Millionen.

Die neue Unsicherheit lässt viele Bulgaren an die 90er Jahre zurückdenken. Die jahrelange Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch des Ostblocks kulminierte in einer Bankenkrise, die zum Zusammenbruch von 14 Banken führte, und in einer Hyperinflation mit einer Preissteigerungsrate von über 1000 % 1997.

Um die Inflation zu beseitigen entschieden sich die bulgarischen Politiker 1999 für eine feste Anbindung der bulgarischen Währung Lew an die DM und damit schließlich an den Euro. Die Rechnung ging auf. Durch den ausländischen „Stabilitätsanker“ konnte schnell die geldpolitische Glaubwürdigkeit zurückgewonnen werden und die Inflationsrate drastisch reduziert werden.

Im Gegensatz zu z. B. Polen konnte man aber wegen der Bindung an den Euro seine Wirtschaft in der Krise 2008/09 nicht durch Abwertungen ankurbeln. Und nun steht die Bulgarische Zentralbank möglicherweise vor einem „Zwei-Fronten-Krieg“. Sie warnte laut Financial Times selbst davor, dass nach dem Ansturm auf die Banken spekulative Attacken auf den bulgarischen Lew folgen könnten. Dann müsste die Nationalbank ihre Währungsreserven einsetzen, um den festen Wechselkurs zum Euro zu halten.

Kaum ein Problem sind dagegen die Staatsschulden. Das Land nutzte die Boomjahre zu Anfang des Jahrtausends konsequent für eine Rückführung der Schuldenquote, die heute bei nur noch 18,5 % liegt (Deutschland: 78,1 %). Trotzdem hat Standard & Poors aufgrund der politischen Probleme die Bonitätsnote des Landes unlängst herabgestuft.



DWN
Deutschland
Deutschland Bundesamt arbeitet an Notfall-Kochbuch für lange Stromausfälle und Wassermangel

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe entwickelt derzeit ein Kochbuch mit Rezepten, welche ohne Strom und...

DWN
Politik
Politik Wendepunkt in Syrien: Kurden-Miliz YPG schließt sich erstmals Assad an

Erstmals im Syrien-Konflikt haben sich offenbar Verbände der Kurden-Miliz YPG der syrischen Armee angeschlossen, um eine gemeinsame...

DWN
Finanzen
Finanzen Coronavirus: Der „Schwarze Schwan“ für Deutschlands Industrie ist gelandet

Das Coronavirus wird die deutsche Industrie schwer treffen. Der „Schwarze Schwan“ landet ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem die...

DWN
Technologie
Technologie Deutschlands gefährliche Wette auf den Beginn eines goldenen Elektro-Zeitalters

Deutschlands Automobilkonzerne entlassen zehntausende Mitarbeiter, um Milliarden in den Aufbau ihrer Elektrosparten zu stecken. Die Wette...

DWN
Finanzen
Finanzen Dubai: Der glitzernde Schuldenturm im Wüstensand beginnt zu wanken

Ohne die Intervention des Schwesteremirats Abu Dhabi wäre Dubai schon 2008 bankrott gewesen. Noch täuscht die glitzernde Skyline über...

DWN
Finanzen
Finanzen Schwerer BIP-Einbruch: Die Wirtschaftsmacht Japan schlittert in die Rezession

Die Wirtschaftsleistung Japans ist Ende 2019 stark eingebrochen, eine Rezession scheint unausweichlich zu sein. Der Abschwung im Land der...

DWN
Deutschland
Deutschland Scholz, Warburg und „Cum Ex“: Hamburger SPD gerät vor Wahlen unter starken Druck

Nach Bekanntwerden eines Treffens zwischen Olaf Scholz und dem Chef der in der „Cum Ex“-Affäre verdächtigten Warburg Bank gerät die...

DWN
Politik
Politik Syrien-Konflikt: Türkische Delegation reist nach Moskau, Trump telefoniert mit Erdogan

Eine türkische Delegation aus Nachrichtendienst-Mitarbeitern und Militärs wird am Montag nach Moskau fliegen, um Gespräche über die...

DWN
Deutschland
Deutschland Arbeitslos ins E-Zeitalter: Mehr als jeder zweite Autozulieferer plant Stellenstreichungen

Einer aktuellen Umfrage zufolge plant jeder zweite deutsche Auto-Zulieferer, Arbeitsplätze abzubauen. Hauptgrund dafür ist der...

DWN
Panorama
Panorama Eine fast ausgestorbene Schweine-Rasse feiert ihr Comeback in Europa

Das Mangalica-Schwein hat zurückgefunden nach Europa. Es geht genetisch zurück auf eine Rasse aus dem Römischen Reich. Einem ungarischen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Preise zu hoch: Russischer Automarkt bricht ein

Die Automobilpreise in Russland steigen massiv – der Automarkt droht einzubrechen.

DWN
Politik
Politik Neuverhandlung der EU-Beiträge: Schon vor dem Sondergipfel gibt es Streit

Am Donnerstag sollen die künftigen Jahresbeiträge zum EU-Haushalt beschlossen werden. Die Bundesregierung will deutlich mehr deutsches...

DWN
Politik
Politik Noch Aktien im Depot? EU-Haushaltskommisar schickt Stabschef zu Lobby-Treffen

Der österreichische Haushaltskommissar Hahn hat seinen Stabschef zu einem Treffen mit Lobbyisten eines Unternehmens geschickt, an dem er...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutsche Unternehmen fallen technologisch immer weiter zurück: Militärisches Forschungszentrum soll Abhilfe schaffen

Im Software-Bereich ist Deutschland international in keiner Weise konkurrenzfähig, und auch bei der Künstlichen Intelligenz und der...

celtra_fin_Interscroller