Risiko-Experte: Der Bank-Run in Bulgarien ist ein deutliches Warnsignal

 

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05.07.2014 01:34
Die Risiko-Experte Achim Dübel sieht in Osteuropa weitere erhebliche Kredit-Risiken für die Banken der Euro-Zone. Die Kredite an die Bürger wurden nicht für Investitionen vergeben, sondern für den Konsum oder dienten gar als Einkommen. Die Bank-Runs in Bulgarien zeigten, dass ein kleiner Funke genügt, um einen ganzen Banken-Sektor an den Rand des Zusammenbruchs zu bringen.

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die österreichische Erste Group meldet einen Milliarden-Verlust in Osteuropa. Ist das ein Einzelfall?

Achim Dübel: Nein, viele westeuropäische Banken haben hohe Abschreibungen in Osteuropa hinnehmen müssen oder werden es noch tun. Die Gründe liegen in falscher Zielgruppen- und Kreditproduktpolitik, man kann hier von klassischer Fehlallokation von Kapital sprechen. In Ungarn sind die Auslandsbanken vor allem bei Immobilienkrediten an Haushalte gewachsen, mehr als die Hälfte dieser Kredite finanzieren nicht Neubauten sondern Konsum bzw. ersetzen Einkommen. Obendrein wurde noch der Grossteil in Schweizer Franken, dh. einem extrem risikoreichen Produkt, gegeben. In Rumänien wurde mit dem Geld zwar mehr gebaut und damit echter Nachholbedarf gedeckt. Das Problem ist aber, dass da, wo keine Jobs sind oder Einkommensunsicherheit herrscht – so hat der Staat in Rumänien vor kurzem die Gehälter massiv gekürzt - , sich die Menschen auch keine neuen Wohnungen leisten können.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Raiffeisen taktiert noch, sagt, man wisse nicht genau wie es in Ungarn werde. Auch ein Kandidat?

Achim Dübel: Gut möglich. Die ungarische Regierung möchte das Überschuldungsproblem nach Jahren des Hin und Her ein für alle Mal vom Tisch bekommen. Aber Kreditqualitäts-Probleme gibt es ja nicht nur in Ungarn oder Rumänien, sondern auch nach ähnlichen Eingriffen der Regierungen oder Gerichte in Ländern wie Serbien, Kroatien oder ganz extrem der Ukraine, wo ein Großteil des in Dollar denominierten Hypotheken-Portfolios nach zwei massiven Abwertungen uneinbringlich ist. Beide, Erste und Raiffeisen sind natürlich auch in stabileren Märkten unterwegs, z.B. Tschechien oder Russland, und haben auch bisher schon Abschreibungen vorgenommen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche anderen europäischen Banken müssen zittern?

Achim Dübel: In manchen Ländern, wie Ukraine, alle. Generell trifft es die Banken am härtesten, die aggressiv in den Markt eingetreten sind, wie BNP Paribas in Ukraine, Erste in Ungarn, Hypo Alpe Adria in Kroatien oder die portugiesische Millennium Bank in Polen. Aggressiv hiess, mit Fremdwährungskrediten die Wettbewerber in lokaler Währung zu unterbieten, aggressives Marketing für neue Produkte oder Zielgruppen zu betreiben und bei faktischen Neugründungen – wie Erste Bank in Ungarn - rasch Marktanteile zu gewinnen. Oft sind diegleichen Banken im Nachbarland extrem konservativ, so bietet die Erste in Tschechien fast nur Lokalwährungsprodukte an.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die Erste hatte in Rumänien schon 2012 gekürzt, aber jetzt erst abgeschrieben. Warum?

Achim Dübel: das hängt mit dem Platzen der rumänischen Immobilienblase nach 2008 zusammen. Zunächst hat man nach dem Preisverfall die offensichtlich zu hohen Bewertungen der Immobilien in den Büchern zurückgeschnitten und gewartet, ob die Kredite nicht trotzdem bedient werden. Inzwischen ist aber die Abwertung – es handelt sich dort v.a. um Eurokredite – hinzugekommen sowie die beschriebenen Einkommensprobleme. Ob das alles nicht früher antizipierbar war ist eine offene Frage. Jedenfalls hat der Asset Quality Review der EZB geholfen, die Abschreibungen zu beschleunigen. Das gilt ja nicht nur für diesen Fall, sondern generell – von Portugal bis Finnland.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die Maßnahmen von Orban haben einen klaren Zweck: Rettung der Schuldner, die Banken werden abgestraft. Ein Modell für die EU?

Achim Dübel: Jein. Orban ist ja Mittäter, er hatte um 2000 in seiner ersten Regierungszeit extreme Zinssubventionen für Forintkredite eingeführt. So konnte man damals von 14% auf 5% heruntersubventionierte 20-jährige Forintkredite bekommen. Da wurde also den wenigen glücklichen Kreditnehmern ein Grossteil des Hauses faktisch vom Staat geschenkt. Als diese Praxis vom IWF beendet wurde, haben sich die Banken nach einer Alternative umgesehen und diese im Schweizer Frankenkredit gefunden, der ähnlich niedrige nominale Zinsniveaus aufwies. Freilich gibt es die nur gegen extremes Währungsrisiko in der Zukunft. Und die ungarische Zentralbank, die es eigentlich besser wissen müsste, hat dieses Spiel mitgemacht. Zu der Zeit war ja auch Österreich bei weit geringeren Eurozinsen vom Schweizer Frankenvirus befallen.

Schuld sind also beide, Regierung und Banken. Das erste Entschuldungs-Paket hat auch die Lasten zwischen beiden mehr oder weniger fair verteilt, wobei sich die Regierung einiges über die Banken-Steuer wieder zurückgeholt hat. Jetzt versucht die Regierung, den Banken noch höhere Lasten zuzuordnen. Zum Teil ist das nachvollziehbar – z.B. haben die Banken bei den Franken-Zinsen und auch nur bei Haushalten hohe Aufschläge kassiert, die das Gericht für unzulässig erklärt hat – zum Teil könnte es aber zu weit gehen, etwa wenn wieder sehr niedrige Umtauschkurse für die restlichen Schulden angesetzt werden. Auf die Details warten wir ja noch.

Grundsätzlich ist es gut, wenn Regierungen die o.a. Probleme aus fehlgeschlagenen Produktinnovationen und Überschuldung von Haushalten direkt angehen. Spanien und Irland machen da entschieden zu wenig und setzen darauf, dass eine höhere Euro-Inflation das Problem löst. Darin werden sich beide Länder täuschen. Dass man es besser machen kann, als in Ungarn mit dem ruppigen Stil der Regierung, steht ausser Frage.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie hoch schätzen Sie das ganze Kreditrisiko in Osteuropa für die Euro-Banken ein?

Achim Dübel: Das wird der Asset Quality Review der EZB ergeben. Zum Teil wird dort mit extremen Stressannahmen gearbeitet, z.B. minus 10% Wirtschaftswachstum in Kroatien. Das wird von den Banken z.T. mit Recht kritisiert. Trotzdem muss man feststellen, dass die Region wirtschaftlich labiler ist, als noch vor 10 Jahren gedacht. Der durch ein Gerücht ausgelöste Bank-Run in Bulgarien ist ein deutliches Warnsignal. Auch wenn die Banken tatsächlich stabil sind, und davon muss man ausgehen, ist die Wirtschaftslage doch in Teilen der Region so schlecht, dass die Bevölkerung alles für möglich hält. Wir brauchen eine durchgreifende Entwicklungsstrategie für große Teile der Region, die bisher aus meiner Sicht trotz der hohen Kreditvergabe der Vergangenheit vernachlässigt wird.

Die Fehlallokation der vielen Kredite an Haushalte und auch an die Regierungen, die jetzt in den Bilanzen ankommt, zeigt deutlich, dass weder Regierungen noch Banken eine klare Vorstellung haben, wie die wirtschaftliche Basis der Region – Infrastruktur und Unternehmen – zu entwickeln sind. Und das, obwohl mit der EBRD eine eigens für die Region zuständige Entwicklungsbank gegründet wurde. Ich kann nur hoffen, dass alle Beteiligten aus diesem Desaster lernen werden.

Achim Dübel ist Gründer und Leiter der Finanzberatungs-Firma Finpolconsult. Zuvor war er von 1998 bis 2000 Finanz-Analyst bei der Weltbank. Er hat in den vergangenen Jahren mehrere Arbeits-Papiere zur Banken-Krise erstellt. Sein aktuelles Arbeitspapier „The Capital Structure of Banks and Practice of Bank Restructuring“ wurde im Juni-Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums berücksichtigt.



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