Stratfor-Chef über militärische Schwäche: Niemand würde für die EU sterben wollen

Lesezeit: 2 min
22.02.2015 01:15
Der Chef des privaten US-Geheimdiensts Stratfor, George Friedman, sieht die EU in einer schwierigen Position: In einer militärischen Auseinandersetzung - etwa mit Russland - würde niemand für die EU sterben wollen. Denn die sozialen Verwüstungen durch die Finanz-Krise hätten auch den Zusammenhalt in Europa geschwächt.
Stratfor-Chef über militärische Schwäche: Niemand würde für die EU sterben wollen

Der Chef des privaten US-Geheimdiensts Stratfor, George Friedman, sagte bei einem Vortrag am Chicago Council, dass der Krieg im Osten der Ukraine eine Vorahnung für die Zukunft des europäischen Kontinents liefere. Der Ausbruch des Ukraine-Konflikts sei kein Zufall, sondern schwelte schon zuvor vor sich hin. In Europa lassen sich zahlreiche ähnliche Konflikte beobachten, die noch nicht zum Ausbruch gekommen seien.

Nationalistische und andere neue Parteien sind im Aufwind. In Spanien, Rumänien und vielen weiteren EU-Staaten entstünden sezessionistische Bewegungen. Es drohen Bürgerkriege. Die „Mainstream-Parteien“ verlieren an Legitimation. Dieser sei verbunden mit einem „Anstieg des Hasses“ unter einer „intelligenten und verbitterten Klasse“ in Europa. Diese Klasse habe kein Vertrauen mehr in das aktuelle System. „Das ist der gefährliche Punkt (…) Es erinnert alles zu sehr an die 1930er Jahre in Deutschland, als ein kleiner Mann mit einem Schnurbart die Bühne betrat“, so Friedman. Die EU sei so sehr beschäftigt mit den Banken-Rettungen gewesen, dass sie die soziale Katastrophe, die die Finanzkrise ausgelöst hat, übersehen hat.

Friedman wörtlich: „Europa ist ein kleiner Kontinent mit 52 souveränen Staaten, die ,alle schlechte Erinnerungen‘ haben. Die Grenzen sind zwar offen, aber das bedeutet, dass „ sie in drei Stunden durch vier oder fünf Länder fahren, die sich gegenseitig für Dinge verachten, die vor Jahrhunderten geschehen sind.“

Der europäische Kontinent bestehe aus Nationen, die sich über Jahrhunderte hinweg feindlich gegenüber standen. Die EU habe diese Feindschaften für eine Zeit lang überlagert. Die Ungarn würden die Rumänen hassen und die Ungarn in Rumänien wollen ihre Unabhängigkeit. Die Schotten haben mit 45 Prozent für ihre Unabhängigkeit gestimmt. In Belgien würden die Wallonen die Flamen hassen. Die Katalanen wollen unabhängig werden und Nord-Italien möchte sich von Süd-Italien trennen.

Der Stratfor-Chef übt eine grundsätzliche Kritik an der Bindefunktion der EU. „Was bedeutet Europa für jemanden, der verarmt ist? (…) Wer würde für die EU sterben?“, so der Stratfor-Chef. Die EU sei keine Schicksalsgemeinschaft. Die Länder an der östlichen EU-Grenze – Polen, Ungarn und Rumänien – hätten eines begriffen: Der Rest Europas schert sich angesichts der Spannungen mit Russland nicht um ihre Sorgen und Ängste. Osteuropa fühlt sich vom Rest Europas in Stich gelassen. Das zeige der Ukraine-Konflikt (Die sehr interessanten Ausführungen von Friedman im Video am Anfang des Artikels)

Die EU sei mit dem Versprechen entstanden, den Europäern einen post-nationalen Frieden und Wohlstand zu bringen. „Doch ist es wirklich vorbei? Das Schlachten, welches 1914 begann, ist es wirklich vorbei? Hat sich Europa verändert? Wird die EU überleben?“, fragt Friedman. Auch die Schuldenkrise in Griechenland und der Streit zwischen Athen und Berlin habe weniger etwas mit Schulden zu tun. „Der Punkt ist, dass sie nicht miteinander leben können“, so Friedman.



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