Politik

US-Senator McCain: Egal wer Nemzow erschossen hat, Putin ist schuld

Lesezeit: 3 min
01.03.2015 13:34
US-Senator John McCain hat in einem Statement der russischen Regierung eine Mitschuld an dem Mord an Boris Nemzow zugewiesen. Doch sein Statement bleibt auffallend vage. Offenbar will McCain - der prominenteste Gegner Putins in Washington - politisches Kapital aus einem Verbrechen schlagen, das sich ebenso gut als privater Kriminalfall entpuppen könnte.
US-Senator McCain: Egal wer Nemzow erschossen hat, Putin ist schuld

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

US-Senator John McCain hält die Regierung von Wladmir Putin für verantwortlich an dem Mord des Oppositionspolitikers Boris Nemzow. In einem Statement schreibt McCain:

„Mit seinem Tod erhält der Kampf um freie Rede und Menschenrechte in Russland einen neuen Rückschlag. Die Tatsache, dass seine Ermordung an einem sicheren Stadtteil Moskaus stattgefunden hat, wirft legitime Fragen über die Umstände und die Verantwortlichen des Mordes auf. Doch gleichgültig, wer tatsächlich auf den Abzug gedrückt hat – Boris ist wegen des Klimas der Straflosigkeit tot, die Wladimir Putin in Russland geschaffen hat. Individuen werden routinemäßig wegen ihrer Überzeugungen verfolgt und attackiert, auch von der russischen Regierung, ohne dass jemals jemand dafür zur Verantwortung gezogen würde.“

McCain betont weiters, dass Nemzow ihm gesagt habe, er werde „niemals den Kampf für Freiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in Russland aufgeben, auch wenn ihm dies das Leben kosten sollte“.

Tatsächlich schwirren nach dem Mord bereits die verschiedensten Theorien durch die Welt – keine von ihnen kann wirklich überzeugen: Islamisten, Putin, die Opposition selbst, die CIA – niemand von diesen Gruppen profitiert wirklich von der Ermordung. Nemzow war zwar ein charismatischer Mann, als Politiker in der zerstrittenen russischen Opposition jedoch nur mäßig erfolgreich.

Zu den viele Theorien über den Mord am russischen Oppositions-Politiker Boris Nemzow ist eine Variante, die in das Privatleben Nemzows führt: Seine Begleitung, als er starb, war das ukrainische Model Anna Durizkaja – eine Dame mit eher zweifelhaftem Ruf.

Die russischen Behörden haben Durizkaja noch in der Nacht nach dem Mord zum Tathergang befragt. Sie soll keine Tatverdächtige sein, berichten russische Medien unter Berufung auf die Ermittler. Die staatliche Nachrichtenagentur TASS meldet, dass Durizkaja untersagt wurde, in die Ukraine zurückzureisen. Ihr Anwalt, Vadim Prokhorov, sagte der Nachrichtenagentur, sie sei unter Hausarrest gestellt worden, obwohl sie sich bereiterklärt habe, jederzeit für die Ermittlungen nach Moskau zurückzukehren. Der Anwalt sieht darin einen Rechtsbruch und will dagegen beim Staatsanwalt und dem Ombudsmann für Menschenrechte Beschwerde einlegen.

Ihr privater Hintergrund hat den zahlreichen Spekulationen über den Mord eine weitere Variante hinzugefügt, die im Vergleich zu den verschiedenen politischen Theorien über eine gewisse Plausibilität verfügt: Die Spur könnte in Unterwelt der Ukraine führen. Ein Auftragsmord ist denkbar, zumal das Video von einer Überwachungskamera auf eine sehr geplante Tat hinweist (siehe Video am Anfang des Artikels - die Authentizität des Videos ist nicht bestätigt, es wurde vom staatlichen russischen Fernsehen gebracht). Ein Eifersuchts-Drama ist ebenso vorstellbar, weil der Ex-Freund und die Familie der Begleiterin gegen die Beziehung waren. Auch andere Motive, die aus dem Privatleben des Politikers rühren, können nicht ausgeschlossen werden.

Bei der Begleiterin von Nemzow handelt es sich um das aus der Ukraine stammende Model Anna Durizkaja. Die 23jährige arbeitete, wie der New Yorker Observer berichtet, als „Model und Schauspielerin“. Allerdings sind keine Filme oder Theateraufführungen bekannt, in denen sie aufgetreten wäre. Sie hat Buchhaltung an der Universität von Kiew studiert und für dubiose Model-Agenturen gearbeitet, welche sie aber offenbar verließ, nachdem sie die Geliebte von Nemzow wurde.

Nemzow hatte wegen seines komplizierten Privatlebens immer wieder Probleme, die auch seine politische Tätigkeit tangierten, wie der Observer ziemlich ausführlich berichtet.

Über seine Geliebte Anna Durizkaja berichten mittlerweile die meisten internationalen Medien wie der Corriere della Sera, CNN, die New York TimesBloomberg und der russische Staatssender RT. Von den deutschen Medien hat sich vor allem die Bild-Zeitung der „schönen Nemzow-Begleitung“ angenommen: Die Springer-Zeitung kann jedoch keine Fakten zu dem Fall beitragen, sondern zitiert die britische Daily Mail, in der Mutter angeblich gesagt haben soll: „Sie ist das Opfer von schrecklichen Unterstellungen, während sie trauert. Es sieht aus wie eine Hetzkampagne.“ Die Bild berichtet in der Folge ausführlich über die politische Auseinandersetzung Nemzows mit Putin, obwohl kein belastbarer Zusammenhang mit dem Mord hergestellt werden kann.

Die Interpretation der Bild deckt sich mit dem Ansatz von John McCain: Auch wenn der Hergang des Mordes zur Stunde völlig ungeklärt ist und vermutlich auch niemals wirklich aufgeklärt werden wird, bietet das Verbrechen die Chance, die eigenen politischen Ambitionen zu untermauern. So behauptete der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, dass Nemzow sterben musste, weil er unmittelbar davor stand, Beweise über die Präsenz russischer Truppen in der Ukraine vorzulegen – eine geradezu lächerliche Vorstellung, da die US-Geheimdienste selbstverständlich seit Beginn der Auseinandersetzung über alle Truppenbewegungen in der Region bis ins Kleinste informiert sind.

Am Sonntagnachmittag soll in Moskau ein Trauermarsch für den ermordeten Politiker stattfinden.


Mehr zum Thema:  

DWN
Unternehmen
Unternehmen Arbeitgeber gegen Steueranreize für ausländische Fachkräfte
23.07.2024

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger spricht sich gegen die von der Bundesregierung geplanten Steueranreize für ausländische...

DWN
Politik
Politik US-Wahlkampf: Kamala Harris startet mit Rückenwind gegen Trump
23.07.2024

Während sich Vizepräsidentin Kamala Harris für eine mögliche Kandidatur der Demokraten im Präsidentschaftswahlkampf vorbereitet und...

DWN
Finanzen
Finanzen Wirecard-Prozess: Richter zweifelt an Aussagen des dritten Angeklagten
23.07.2024

Im Wirecard-Prozess tritt ein Rätsel zutage: Der Konzern veröffentlichte Quartalsberichte, bevor die drei bedeutendsten Partnerfirmen...

DWN
Panorama
Panorama Giftige Ernte: Wie Rapsöl die Lebensmittel-Industrie und Gastronomie unterwandert
23.07.2024

Schon die grell-gelbe Farbe signalisiert irgendwie Gefahr. Inmitten von Rapsfeldern mit dem Hund spazieren zu gehen, das wagen sicher nur...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Merz vs. Scholz: Mit Marktwirtschaft und Gesetzen der Physik die Bahn retten - vor 2070
22.07.2024

Es war ein bemerkenswertes Statement im Format des „Sommer-Interviews“. CDU-Parteichef Friedrich Merz hat vorgeschlagen (und der Bahn...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Taiwans Chipindustrie: Milliarden gegen Chinas Bedrohung und Trumps Forderungen
22.07.2024

Aus Sorge vor einer chinesischen Invasion investieren Taiwans Chipfirmen Milliarden in neue Fabriken im Ausland. Die Bedenken sind nicht...

DWN
Politik
Politik Russischer Geheimdienst: Explosivstoffe in deutschen Paketen entdeckt
22.07.2024

Moskau beschuldigt die Führung in Kiew immer wieder, Sabotage- und Terroranschläge in Russland zu organisieren. Jetzt soll ein konkreter...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Varta setzt auf drastische Maßnahmen: Alt-Aktionäre sollen gehen
22.07.2024

Der Batteriehersteller ergreift drastische Maßnahmen und wählt ein Verfahren, das verhindern soll, dass ein operativ gesunder Betrieb in...