Russland und USA: Im Kosovo droht ein Stellvertreter-Krieg

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 5 min
29.01.2017 22:41
Die erste wirkliche Nagelprobe über das neue Verhältnis zwischen Donald Trump und Wladimir Putin könnte im Kosovo stattfinden. Dort steigen die Spannungen. Beide Supermächte sind involviert.
Russland und USA: Im Kosovo droht ein Stellvertreter-Krieg

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Sechs Tage vor der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump hatte die serbische Regierung einen Personenzug mit der Aufschrift „Kosovo ist Serbien“ in den Kosovo geschickt. Der Zug wurde von der kosovarischen Polizei an der Grenze gestoppt. Die Aufschrift wurde in verschiedenen Sprachen auf den Zug geschrieben. Das war mehr als eine symbolische Erinnerung an die brutalen Balkankriege der 1990er Jahre. Denn die Armeen Serbiens und des Kosovo befinden sich bereits in Kampfbereitschaft. In der Grenzregion befinden sich auf serbischer Seite 60.000 Truppen, einschließlich Panzer-, Artillerie- und Luftwaffeneinheiten. Dem stehen 6.000 bis 8.000 Sicherheitskräfte des Kosovo gegenüber. Territorialer Streitpunkt zwischen beiden Ländern ist die nordalbanische Stadt Mitrovica, die mehrheitlich von Serben bewohnt wird. Serbien sieht sich als Schutzmacht der Serben im Kosovo. „Wenn Serben umgebracht werden, werden wir die Armee schicken“, zitiert die makedonische Nachrichtenagentur MINA den serbischen Präsidenten Tomislav Nikolic.

Die Lage im Kosovo ist explosiv, es droht ein Stellvertreter-Krieg. Bei ihrem ersten offiziellen Telefonat hatten sich die Präsidenten Trump und Putin zwar über den Nahen Osten und die Ukraine geäußert. Ob auch der Kosovo ein Thema war, ist unbekannt. Tatsächlich belauern sich die beiden Supermächte mitten in Europa.

Serbien hatte vor 19 Jahren ein Abkommen zur Beendigung seines Krieges mit dem Kosovo unterzeichnet, nachdem NATO-Streitkräfte  und US-Kampfflugzeuge interveniert und die serbische Hauptstadt Belgrad bombardiert hatten. Bisher haben 113 von 193 UN-Mitgliedsländern, 23 von 28 EU-Staaten und die USA die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt und unterstützen somit die territoriale Integrität des Landes, berichtet das Auswärtige Amt. Serbien erhebt nach wie vor einen territorialen Anspruch auf den Kosovo. Russland lehnt die Unabhängigkeit des Kosovo ab und verhinderte gemeinsam mit China eine Aufnahme des Kosovo in die UN. Spanien lehnt die Unabhängigkeit des Kosovo ab, weil sich aus dieser Haltung die Abspaltung Kataloniens und des Baskenlands ableiten lassen könnte. Weitere Länder, die die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkennen sind Griechenland, Zypern, Rumänien, Weißrussland, die Ukraine und weitere Staaten außerhalb Europas.

Der weltweit größte und teuerste US-Militärstützpunkt Camp Bondsteel befindet sich in Ferizaj/Kosovo. Der Stützpunkt dient der Nato-Mission im Kosovo. Das Hauptquartier des KFOR-Einsatzes der Nato befindet sich in Pristina. Im Kosovo befinden sich 4.600 Nato-Soldaten aus 31 Ländern. Das Ziel des Einsatzes ist es nach Angaben der Nato, Frieden und Stabilität in der Region zu unterstützen und humanitäre Hilfe zu leiten. Feindseligkeiten zwischen den Ländern und Volksgruppen in der Region sollen unterbunden werden.

Im Kosovo wurden auch Söldner ausgebildet, die in den Nahen Osten geschickt wurden. Den Deutschen Wirtschafts Nachrichten wurde von einer Familie aus dem Kosovo eine interessante Begebenheit erzählt. Die Familie ist der Redaktion bekannt, die Glaubwürdigkeit der Information ist hoch, wenngleich nicht mit letzter Gewissheit zu überprüfen. Demnach sei ein Familienmitglied plötzlich zum Islam konvertiert. Er ließ sich einen Bart wachsen und reiste zu einem Einsatz nach Syrien. Nach einigen Monaten kehrte er zurück und zeigte der Familie voll Stolz einen Koffer mit Geldscheinen und Goldmünzen. Er rasierte seinen Bart ab, trank wieder Alkohol, kaufte sich ein Haus in der Schweiz, wo er heute lebt.

US-Präsident Donald Trump hatte der CIA bei seinem Besuch nach der Inauguration gesagt: "Wir müssen ISIS beenden."

Der Kosovo-Krieg von 1998 bis 1999 war die Fortsetzung des Bosnien-Kriegs zwischen 1992 und 1995. Der Bosnien-Krieg wurde beendet, nachdem die USA unter US-Präsident Bill Clinton militärisch interveniert und Serbien dazu gebracht hatte, das Dayton-Abkommen zu unterzeichnen. Seit Beginn der 1990er Jahre erlebten die Territorien der orthodoxen Christen, die als Einflussraum Russlands galten, eine Verkleinerung. Diesen systematischen Prozess sollen nach Angaben von MINA die US-Präsidenten Clinton und Obama, aber auch Bundeskanzlerin Merkel unterstützt haben.

Der erneut aufkommende Kosovo-Konflikt könnte der erste wirkliche Test für US-Präsident Donald Trump werden. Der kosovarische Außenminister Enver Hoxhaj wird Trump um Unterstützung gegen Serbien bitten. Eine ähnliche Bitte führte im Jahr 1998 dazu, dass die Nato eine Elite-Einheit, die hauptsächlich aus Briten bestand, in den Kosovo entsendete. Doch im Jahr 2017 können die Kosovaren auf keinerlei Hilfen von europäischen Regierungen hoffen, so MINA. Als Option bleibt somit lediglich die USA übrig.

Sollten die USA tatsächlich offensiv Partei für den Kosovo und gegen Serbien ergreifen, dürfte dies zu einer Spannung der Beziehungen zwischen Trump und den russischen Präsidenten Wladimir Putin führen. Denn Russland versteht sich als historische Großmacht Serbiens.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat bereits vor einem neuen bewaffneten Konflikt im Kosovo gewarnt. „Ich bin davon überzeugt, dass (…)  diesmal jeder die Notwendigkeit versteht, einen militärischen Konflikt zu verhindern, obwohl die Spannungen dort wachsen“, zitiert die Tass Lawrow.

Trump hat sich zu den Spannungen im Kosovo noch nicht geäußert. The Independent berichtet: „Es ist zweifelhaft, ob Präsident Trump viel über den Kosovo weiß, obwohl viele Republikaner wie Senator John McCain und der ehemalige Vizepräsident Bob Dole, die Thaci (Anm.d.Red. Präsident des Kosovo) vor der Amtseinführung Trumps in Washington trafen, feste Unterstützer des Kosovo sind und enge Beziehungen zur großen amerikanisch- albanischen Diaspora haben. Aber wenn Putin Trump um Unterstützung für Serbien bittet, droht der Westbalkan, in einen offenen Konflikt zurückzufallen.“

Die Kosovaren befürchten einen Rückgang der US-Unterstützung unter Trump. Agron Demi, ein Analyst an der kosovarischen Denkfabrik GAP, sagte dem deutschen Staatssender Deutsche Welle: „Wir waren sehr auf die Lobbyarbeit der USA angewiesen, um unsere Anerkennung zu erlangen. Wir haben immer nur noch 113 Länder auf unserer Seite, doch wir brauchen noch mehr Unterstützung. Es gibt eine Menge Leute, darunter auch ich, die denken, dass es für den Kosovo unter einer Trump-Präsidentschaft schwieriger wird. Die Demokraten haben die Sache des Kosovo immer unterstützt. Wir brauchen diese Unterstützung auch von Trump, doch ich befürchte, wir werden sie nicht bekommen. Die Menschen im Norden hoffen, dass Trump dazu beitragen wird, den Kosovo zu einem Teil Serbiens zu machen. Das ist besorgniserregend und es schadet dem Verhältnis zwischen dem Kosovo und Serbien.“

Insbesondere Bill Clinton und seine Frau Hillary sind beliebt im Kosovo. In Pristina steht nicht nur eine Statue von Bill Clinton, es gibt auch eine eigene heimische Modekollektion, die den Markennamen „Hillary“ trägt. Die Betreiberin der Marke, Elda Morina, sagte der DW: „Wir lieben die Amerikaner – und zwar bedingungslos“. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten können bestätigen, dass auch die wirtschaftliche Präsenz der Amerikaner massiv ist. Eine Frau aus Ferizaj sagt: "Ohne die Amerikaner gäbe es hier gar nichts. Sie halten die Wirtschaft am Laufen, viele Kosovaren haben Jobs bei den Amerikanern."

Drei Tage vor dem Amtsantritt Trumps hatte die Botschafterin des Kosovo in den USA, Vlora Citaku, Trump auf einer Veranstaltung in Washington getroffen. Anschließend meldete sie über Facebook: „Was für ein wundervoller Abend bei dem besonderen Abendessen, das das Inauguralkomitee für die diplomatische Gemeinschaft organisiert hat. Ich hatte die Gelegenheit kurz mit dem designierten Präsidenten Donald Trump, den zum Außenminister nominierten Tillerson und den nationalen Sicherheitsbeamter Michael Flynn zu sprechen. Ich erzählte ihnen, dass ich ein stolzer Botschafter der pro-amerikanischsten Nation der Erde bin.“

Doch auch serbische Ultranationalisten erhoffen sich von Trump Unterstützung. Der Economist berichtet: „Ein serbischer Präsidentschaftskandidat feierte den Wahlsieg Trumps, indem er im Parlament ein Lied vortrug, das von dem gewählten US-Präsidenten forderte, Muslime auszulöschen und sich mit Putin zu verbünden.“

Damit stehen Trump und Putin vor einer schwierigen Aufgabe. Die Gräben zwischen Serben und Kosovaren sind tief und sowohl Trump als auch Putin haben ihre Rollen als Schutzmächte zu erfüllen, wenn sie ihre innenpolitische Legitimation wahren wollen. Allerdings würde die strikte Umsetzung der Rollen als Schutzmächte auf dem Balkan zu einer Konfrontation zwischen Russland und den USA führen, wie es die Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren in der Ukraine erlebt hat.


Mehr zum Thema:  

DWN
Deutschland
Deutschland Bundesamt arbeitet an Notfall-Kochbuch für lange Stromausfälle und Wassermangel

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe entwickelt derzeit ein Kochbuch mit Rezepten, welche ohne Strom und...

DWN
Politik
Politik Wendepunkt in Syrien: Kurden-Miliz YPG schließt sich erstmals Assad an

Erstmals im Syrien-Konflikt haben sich offenbar Verbände der Kurden-Miliz YPG der syrischen Armee angeschlossen, um eine gemeinsame...

DWN
Finanzen
Finanzen Coronavirus: Der „Schwarze Schwan“ für Deutschlands Industrie ist gelandet

Das Coronavirus wird die deutsche Industrie schwer treffen. Der „Schwarze Schwan“ landet ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem die...

DWN
Technologie
Technologie Deutschlands gefährliche Wette auf den Beginn eines goldenen Elektro-Zeitalters

Deutschlands Automobilkonzerne entlassen zehntausende Mitarbeiter, um Milliarden in den Aufbau ihrer Elektrosparten zu stecken. Die Wette...

DWN
Finanzen
Finanzen Dubai: Der glitzernde Schuldenturm im Wüstensand beginnt zu wanken

Ohne die Intervention des Schwesteremirats Abu Dhabi wäre Dubai schon 2008 bankrott gewesen. Noch täuscht die glitzernde Skyline über...

DWN
Finanzen
Finanzen Schwerer BIP-Einbruch: Die Wirtschaftsmacht Japan schlittert in die Rezession

Die Wirtschaftsleistung Japans ist Ende 2019 stark eingebrochen, eine Rezession scheint unausweichlich zu sein. Der Abschwung im Land der...

DWN
Deutschland
Deutschland Scholz, Warburg und „Cum Ex“: Hamburger SPD gerät vor Wahlen unter starken Druck

Nach Bekanntwerden eines Treffens zwischen Olaf Scholz und dem Chef der in der „Cum Ex“-Affäre verdächtigten Warburg Bank gerät die...

DWN
Politik
Politik Syrien-Konflikt: Türkische Delegation reist nach Moskau, Trump telefoniert mit Erdogan

Eine türkische Delegation aus Nachrichtendienst-Mitarbeitern und Militärs wird am Montag nach Moskau fliegen, um Gespräche über die...

DWN
Deutschland
Deutschland Arbeitslos ins E-Zeitalter: Mehr als jeder zweite Autozulieferer plant Stellenstreichungen

Einer aktuellen Umfrage zufolge plant jeder zweite deutsche Auto-Zulieferer, Arbeitsplätze abzubauen. Hauptgrund dafür ist der...

DWN
Panorama
Panorama Eine fast ausgestorbene Schweine-Rasse feiert ihr Comeback in Europa

Das Mangalica-Schwein hat zurückgefunden nach Europa. Es geht genetisch zurück auf eine Rasse aus dem Römischen Reich. Einem ungarischen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Preise zu hoch: Russischer Automarkt bricht ein

Die Automobilpreise in Russland steigen massiv – der Automarkt droht einzubrechen.

DWN
Politik
Politik Neuverhandlung der EU-Beiträge: Schon vor dem Sondergipfel gibt es Streit

Am Donnerstag sollen die künftigen Jahresbeiträge zum EU-Haushalt beschlossen werden. Die Bundesregierung will deutlich mehr deutsches...

DWN
Politik
Politik Noch Aktien im Depot? EU-Haushaltskommisar schickt Stabschef zu Lobby-Treffen

Der österreichische Haushaltskommissar Hahn hat seinen Stabschef zu einem Treffen mit Lobbyisten eines Unternehmens geschickt, an dem er...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutsche Unternehmen fallen technologisch immer weiter zurück: Militärisches Forschungszentrum soll Abhilfe schaffen

Im Software-Bereich ist Deutschland international in keiner Weise konkurrenzfähig, und auch bei der Künstlichen Intelligenz und der...

celtra_fin_Interscroller