Friedman: USA wollen ein anderes Europa als Deutschland

George Friedman sieht einen grundlegenden Interessenkonflikt zwischen den USA und Deutschland.

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Bundeskanzlerin Merkel und US-Präsident Trump wollen grundsätzlich ein anderes Europa. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Merkel bei US-Präsident Trump. (Foto: dpa)

Der US-Geopolitiker George Friedman. (Foto: G.Friedman)

Der US-Geopolitiker George Friedman. (Foto: G.Friedman)

Der Chef des privaten US-Informationsdiensts Geopolitical Futures führt in einer Analyse aus, dass die USA und Deutschland zwei gegensätzliche Visionen für Europa hätten. Das sei der Kern der Meinungsverschiedenheiten zwischen US-Präsident Donald Trump und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Realität sei, dass Europa gespalten sei. Zudem würden die Interessen Europas als Ganzes von den Interessen der USA abweichen. Trump vertrete die rationale Ansicht, dass die NATO geschaffen wurde, um das Eindringen der Sowjetunion in Europa zu verhindern. Doch das Bündnis mache nun keinen Sinn mehr. Ohne einen offensichtlichen Gegner habe die NATO keine Mission mehr. Friedman wörtlich: „Sie (Anm.d.Red. die Amerikaner) verstanden auch, dass die NATO nicht mehr sehr wichtig war für die Probleme, denen sie gegenüberstanden (…). Die USA näherten sich Großbritannien und den osteuropäischen Staaten an, die bereit waren, das zu tun, was sie für die Kriege im Nahen Osten tun konnten. Es wurde für die Amerikaner immer schwieriger, an Europa als Ganzes zu denken: Europa verhielt sich nicht wie ein Ganzes, und die euro-amerikanische Allianz erstreckte sich nicht über die Mission der NATO hinaus – eine Mission, die scheinbar abgelaufen war.“

Die Bundesregierung sei hingegen der Ansicht, dass die USA die globale Mächtebalance und das europäische Gleichgewicht sorglos bedrohen würden. Deutschland möchte aufgrund der zwei katastrophalen Weltkriege eine Kollision mit Russland in Osteuropa verhindern. Für die NATO-Einsätze in Osteuropa und in Afghanistan habe Deutschland bisher nur wenige Truppen unter strikten Vorgaben bereitgestellt.

Friedman meint: „Im Jahr 1991 sei Deutschland in eine neue Ära eingetreten und gab sich trotz seiner schwachen geografischen Position konfliktscheu. Deutschland sitzt auf der nordeuropäischen Ebene, ein schwer zu verteidigendes Gebiet, außer an den Flusslinien, die von Norden in den Süden führen. Immer wenn die Deutschen nach Westen oder Osten zogen, erlebten sie kurzfristige Siege, aber auf lange Sicht lösten sie sich in Staub auf, indem sie sich konstant bis zum Zusammenbruch zurückzogen. Am deutlichsten hat dies Deutschland in Russland erlebt.“

Deutschland habe nicht die Absicht, wieder in einen solchen Konflikt hineingezogen zu werden, und es stuft Russland nicht als strategische Bedrohung ein. Nach deutscher Sicht kann der Konflikt in der Ukraine nicht in andere Länder überschwappen, weil die militärische Macht Russlands begrenzt sei und Russland ohnehin keinen Krieg wolle. Im Jahr 2014 habe Deutschland in der Ukraine diplomatisch aktiv mitgemischt. Die Befürchtung war, dass ein Versuch der Eindämmung Russlands vom Baltikum bis nach Rumänien zu einer harschen Reaktion Russlands führen könnte. Die von den USA umgesetzte Strategie der Eindämmung würde sich nachteilig für die deutsche Wirtschaft und seine militärischen Kapazitäten auswirken, da dies eine großen Kraftakt erfordere. Doch wenn die USA sich mit ihren Verbündeten außerhalb des NATO-Rahmens für eine Strategie der Eindämmung entschieden, würde dies Deutschland automatisch in den Konflikt ziehen, so Friedman.

Die Bundesregierung sei der Ansicht, dass die USA und Europa Russlands Macht falsch einschätzen würden. Deshalb sieht sich Deutschland in der Verantwortung, um als „Bremsklotz“ gegenüber den USA zu fungieren.

Für die deutsche Wirtschaft, die vor allem von ihrer Exportfähigkeit abhänge, spiele Stabilität in den europäischen, nationalen Märkten und innerhalb der EU eine große Rolle. Das sei die wahre Realität, die die Bundesregierung zu schützen versuche.

Trotzdem seien die USA zu mächtig, um von Deutschland beeinflusst zu werden. Deutschland hingegen ist zu schwach, um den USA zu widerstehen. Deutschland sei ein schwaches und „vernarbtes Land“, das sich geografisch an einem schwierigen Ort befindet. Die USA würden den Krieg im Gegensatz zu Deutschland als wichtige Option erachten. Die Forderung, dass Deutschland und Europa ihre Verteidigungsausgaben erhöhen sollen, sei in Merkels Augen ein Versuch, Deutschland in die amerikanische Denkweise zu ziehen, wonach jedes Problem lösbar ist – im äußersten Fall militärisch.

Die Differenzen zwischen Deutschland und den USA wären auch ohne Trump und Merkel zutage getreten, meint Friedman. „Amerika und Deutschland haben ganz andere Imperative und Erfahrungen. Während der eine nur Triumph und verhältnismäßig kleine Niederlagen kennt, wurde der andere immer wieder durch seine eigenen Handlungen verwüstet. Die USA sind weitaus mächtiger und geografisch sicherer als es Deutschland jemals war“, so Friedman.

Unter „Allianz“ verstehen die Amerikaner nicht, dass sie einen Verbündeten haben, der US-Soldaten und Militärs anfordert, aber im Gegenzug nicht dasselbe leistet. Die Amerikaner und Deutschen würden „nicht mehr an derselben Diskussion“ teilnehmen. Merkel habe zwar an das Selbstvertrauen der Europäer plädiert, damit Europa seinen eigenen Weg gehen könne, allerdings sei völlig unklar, wer oder was Europa sei. Das „Selbst“ von Europa sei ungeklärt, so Friedman. Im Endeffekt sei das US-Bild von Europa unvereinbar mit dem deutschen Bild von Europa.

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