Gefahr für Bitcoin: Technologie wird zum Instrument der staatlichen Kontrolle

Der staatliche Zugriff ist die größte Gefahr für alle Kryptowährungen.

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Bitcoin ist angetreten, um das Diktat der staatlichen Kontrolle über das Geld zu sprengen. Dieses Ziel wird nicht erreicht, weil das System nicht die Voraussetzungen für eine funktionierende Währung aufweist. Damit nicht genug: Künftig dürfte die Blockchain-Technik, die die Basis von Bitcoin darstellt, die Steuerfahnder unterstützen. Also zeichnet sich mehr und nicht weniger staatliche Kontrolle ab. Im Publikum gilt Bitcoin derzeit als ideales Instrument, um rasch reich zu werden. In der seit einigen Monaten tobenden Spekulationswelle haben bereits viele sehr viel Geld verdient und viele sehr viel Geld verloren.

Bitcoin sollte eine neutrale, bedarfsorientierte Währung sein

Bitcoin sollte eine Währung sein, die unabhängig von einer Notenbank im Internet als Zahlungsmittel funktioniert. Den Notenbanken wird vorgeworfen, dass sie keine neutrale Währungspolitik betreiben. Phasenweise wird Geld geschöpft, um die Wirtschaft zu beleben. In anderen Perioden wird Geld knapp gehalten, um eine überhitzte Konjunktur zu bremsen. Die Zentralbankzinsen steuern die Märkte. Probleme von Staaten und Banken werden durch Eingriffe entschärft. Diese währungspolitischen Maßnahmen, die nicht immer ideal gestaltet sein mögen, sind allerdings für das Funktionieren der Wirtschaft unverzichtbar. Bitcoin hingegen würde sich am tatsächlichen Kauf und Verkauf von Waren und Dienstleistungen orientieren und nur Geldschöpfung im notwendigen, durch die Bewegungen begründeten Umfang betreiben. Währungspolitische Maßnahmen sind nicht vorgesehen. Soweit die Theorie – die Praxis sieht anders aus.

Das „Schürfen“ von Bitcoins hängt nicht vom Umfang der Zahlungen ab

Die Technik von Bitcoin sieht vor, dass möglichst alle zehn Minuten die von den Teilnehmern durchgeführten Zahlungen in einem Block zusammengefasst und registriert werden. Jeder neue Block schließt an den vorherigen an, in der Kette – Blockchain – sind alle Zahlungen transparent, Manipulationen fliegen sofort auf.

Ein Block führt zur Schaffung von Bitcoin. Dabei spielen im Rahmen des Bitcoin-Systems die sogenannten „Minen“ eine entscheidende Rolle: Diese Firmen werden als Minen, also als Bergwerke bezeichnet, weil hier, in Anlehnung an die Goldwährungen, Bitcoin geschürft wird. Das Schürfen besteht in der Eroberung von Transaktionen im weltweiten Bitcoin-Netz, die man zu einem Block zusammenfassen kann. Ein erfolgreich errichteter Block begründet den Anspruch auf die Zuteilung von Bitcoin.

Derzeit erhält man 12,5 Bitcoin für einen Block, die Dotation wird jeweils nach der Schaffung von 210.000 Blöcken halbiert. Somit gab es bis Mitte 2016 ganze 25 Bitcoin je Block. Die Auflagen, als difficulty bezeichnet, werden ständig verschärft, sodass man immer größere Computer benötigt, um einen Block erobern zu können. Zu Beginn von Bitcoin im Jahr 2009 war es noch möglich, vom Heimcomputer aus Bitcoin zu schürfen, heute sind EDV-Anlagen erforderlich, die Säle oder sogar Häuser füllen.

Vorgegeben ist eine Obergrenze: Es wird nur 21 Millionen Bitcoins geben. Am 20. September 2017 waren bereits 16,6 Millionen in Umlauf. Diese Vorgaben werden als Bedingungen dargestellt, die sich vermeintlich aus dem System selbst ergeben. Tatsächlich handelt es sich um Regeln, die die Initiatoren geschaffen haben und laufend anpassen. Es gibt also sehr wohl eine Art „Zentralbank“. Die Gründer verstecken sich hinter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto.

Mit der Technik von Bitcoin ist eine neutrale Währung nicht möglich

Eine tatsächlich neutrale, nur am Kauf und Verkauf von Waren und Dienstleistungen orientierte Währung kann weder eine vorweg festgelegte Gesamtzahl noch die Zuweisung einer bestimmten Anzahl von Bitcoins bei Schaffung eines Blocks enthalten.

Um das ursprüngliche Ziel erreichen zu können, müsste sich das System an zwei Parametern orientieren:

  • Am Volumen der Transaktionen: Ein größerer Umsatz erfordert mehr Bitcoins, ein kleinerer weniger.
  • An der Umschlaghäufigkeit der verfügbaren Bitcoins. Bei einem schnelleren Umschlag sind weniger Bitcoins erforderlich.
  • Werden Bitcoins in den Börsen der Teilnehmer, in den sogenannten Wallets, gehortet, erhöht sich der Bedarf in der täglichen Abwicklung.
  • Allerdings sind die gehorteten Coins mit zu berücksichtigen, da sie jederzeit für Käufe genutzt oder an Interessenten verkauft werden können. Somit müsste das System eine bedarfsorientierte Geldmengensteuerung betreiben – wie eine Notenbank.
  • Durch die transparente Erfassung aller Zahlungen könnte dies tatsächlich viel präziser erfolgen als dies in den traditionellen Systemen möglich ist.

Diese Faktoren werden nicht berücksichtigt. Die Geldschöpfung richtet sich nicht nach dem Bedarf, sodass Bitcoins zu Verfügung stehen, die frei gehandelt werden können. Folglich ist ausreichend Material für Spekulationen gegeben. Der Umstand, dass bereits 16,6 Millionen der möglichen 21 Millionen in Umlauf sind, schafft zudem den Eindruck einer sich abzeichnenden Knappheit. Beide Faktoren allein erklären noch nicht den phantasievollen Kursanstieg auf über 4000 Dollar und die Schwankungen im Ausmaß von 1000 Dollar in wenigen Stunden: Hier wirken die Psychologie, die Illusion, wie bei allen Spekulationsblasen der Geschichte.

Die Systemfehler machen das Erreichen der praktischen Ziele unmöglich

  • Die Zahlungen sollten schnell erfolgen. An Tagen, an denen sehr viele Transaktionen durchgeführt werden, bildet sich ein Stau: Der sogenannte Mempool der nicht in Blocks untergebrachten Zahlungen wird übergroß. Die Miner kommen nicht nach und die Ab- und Zu-Buchungen dauern Stunden, manchmal Tage.
  • Bitcoin wollte die Spesen der Banken und Kreditkarten-Firmen unterbieten. Mittlerweile sind die Gebühren extrem angestiegen.
  • Es sollte keine Inflation, keine Deflation, nur realistische Preise geben. Dies wäre in einem geschlossenen System bei einer rein bedarfsabhängigen Geldschöpfung möglich.
  • In der Praxis werden Bitcoins gegen Dollar und andere Währungen gekauft. Die Empfänger tauschen die Bitcoins wieder in Dollar und andere Währungen um. Durch die extrem rasch schwankenden Kurse und die beträchtliche Dauer der Buchungen, ergeben sich Risiken: Ein um 4.000 Dollar gekauftes Bitcoin landet möglicherweise beim Empfänger, wenn der Kurs nur mehr 3.000 Dollar beträgt. Somit bestehen im Handel mit realen Waren und Dienstleistungen die Firmen darauf, dass sie den verrechneten Dollar oder Euro-Preis erhalten, wie immer die Zwischenschaltung von Bitcoin aussehen mag.
  • Das Paradoxon ist perfekt: Bitcoin gegen Bitcoin handeln die Spekulanten, die Realwirtschaft bleibt trotz des Umwegs über Bitcoin bei den Währungen, die Bitcoin beseitigen sollte.

Eine neutrale Währung kann zur Wirtschaftsbremse werden

Das Konzept einer neutralen Währung ist sicher bestechend. Allerdings bedeutet dies eine Beschränkung des Finanzwesens auf den Zahlungsverkehr und somit auf die Abwicklung der aktuell stattfindenden Transaktionen. Ausgeblendet wird dabei die Notwendigkeit der Kredit-Finanzierung. Die Organisation der Veranlagung von Guthaben mag noch durch entsprechende im Internet tätige Banken oder verwandte Einrichtungen funktionieren. Darüber hinaus gehende Finanzierungen sind hingegen im Rahmen der derzeit praktizierten Bitcoin-Konstruktion nur schwer zu realisieren. Das von den Bitcoin-Gründern kritisierte Banken-System ist aber für eine funktionierende Wirtschaft unverzichtbar. Die moderne Technik verlagert diese Aktivitäten ohne Zweifel immer stärker in das Internet, sodass sich das Erscheinungsbild des Bankwesens ändert. Das Zusammenspiel von Einlagen und Krediten, von Spareinlagen und Investitionsfinanzierungen und die Steuerung der Geldschöpfung müssen aber funktionieren. Ob dies in Gebäuden oder in Bits und Bytes erfolgt, ist Nebensache.

Die „Krypto-Währung“ ist letztlich das Gegenteil von krypto

Die Bezeichnung „Krypto-Währung“ resultiert aus dem Umstand, dass die Teilnehmer am Bitcoin-System anonym bleiben. Die Zahlungen erfolgen unter Codes und nicht mit dem Namen der Auftraggeber. Dieser Umstand hat dazu geführt, dass Bitcoin ein beliebtes Zahlungsmittel beim illegalen Handel mit Waffen und Drogen ist, der sich vorwiegend in dem abgeschotteten Bereich des Internets, im sogenannten Darknet, abspielt. Die Anonymität ist naturgemäß auch attraktiv, wenn es um Geldwäsche oder Steuerhinterziehung geht. Bürgern in Diktaturen ermöglicht Bitcoin das Verstecken von Geldreserven vor dem Zugriff der Behörden.

Tatsächlich ist die Krypto-Währung aber das Gegenteil von krypto: Jede Zahlung wird in einem Block registriert und ist in der Blockchain nachvollziehbar. Somit kann letztlich jede Zahlung nachverfolgt werden. Behörden haben Bitcoin-Firmen bereits erfolgreich gezwungen, die Daten der Teilnehmer offen zu legen. Die chinesische Regierung hat den Handel mit Bitcoin vor wenigen Tagen verboten. Die USA wollen bei der Einreise nicht mehr nur die Einfuhr von Bargeld regulieren, sondern auch die Offenlegung der Bitcoin-Wallets verlangen. Die offiziellen Stellen begründen die nun stärker werden Eingriffe mit der Bekämpfung der Kriminalität. Die Bitcoin-Community erklärt, die alten Finanzinstitute seien durch Bitcoin derart gefährdet, dass nun das Establishment die Revolution ersticken will.

Den Steuerfahndern eröffnet Blockchain ungeahnte Möglichkeiten

Tatsächlich haben die Gründer von Bitcoin mit der Popularisierung der Blockchain-Technologie den Behörden in die Hände gespielt.

In den vergangenen Jahren wurde bereits Schritt für Schritt im finanziellen Bereich die Privatsphäre aufgebrochen. Ein Land nach dem anderen hat das Bankgeheimnis aufgegeben. In vielen Staaten werden die Bewegungen auf den Bankkonten automatisch an die Computer der Finanzbehörden weitergeleitet. Den Mitarbeitern in den Finanzinstituten wurden Meldepflichten auferlegt: Größere Transaktionen, nicht bis zu den tatsächlich wirtschaftlichen Eigentümern der Gelder nachvollziehbare Einzahlungen und Überweisungen sind zu melden.

Dieses Netzwerk hat eine große Schwachstelle: Der enorme Umfang der Geldbewegungen, die Vielzahl der beteiligten Banken und Unternehmen und die weiterhin existierenden Steuerparadiese in der Karibik und anderswo sorgen doch immer wieder für Schlupflöcher. Wenn allerdings alle Zahlungen, selbstverständlich nicht anonym, in Blockchains verbucht werden, nach den Vorstellungen der Behörden verbucht werden müssen, dann können mit Hilfe von ausgeklügelten Computer-Programmen leichter verdächtige Bewegungen aufgespürt werden.

Initiativen, die auf den verpflichtenden Einsatz von Blockchains im Zahlungsverkehr abzielen, sind weltweit zu beobachten. Jetzt zeichnet sich ab, dass das Instrument, das den Schutz der Privatsphäre verbessern sollte, nun das genaue Gegenteil bewirken könnte:

Zahllose Währungen bedeuten einen Rückschritt

Bitcoin gab den Startschuss für zahlreiche weitere Krypto-Währungen. Laufend wird von neuen Initiativen berichtet. Auch Banken arbeiten an derartigen Konzepten. Man fühlt sich in die Zeit zurückversetzt, da viele Fürstentümer, viele Banken eigene Währungen hatten.

Das Paradoxon ist perfekt: Erst vor fünfzehn Jahren haben Euro-Münzen und Scheine D-Mark, französische Franc, Schilling und zahlreiche andere Zahlungsmittel abgelöst.

Alle Nutzer genießen die Annehmlichkeit,

  • auf vielen Reisen nicht mehr wechseln zu müssen
  • sich nicht über steigende oder fallende Kurse zu ärgern
  • Spesen zu sparen
  • Unternehmen brauchen keine aufwendigen Kurssicherungen

Nun sollen viele, kleine Währungsreiche entstehen, nur, weil diese Konstrukte im Internet relativ leicht zu installieren sind. Noch sind die Krypto-Währungen eine Spielwiese für eine kleine Gruppe und schon entstehen alle, üblen Probleme wieder: Kursschwankungen und Spesen belasten die Transaktionen, ständig muss zwischen den Dollar oder Euro und den neuen Währungen gewechselt werden, schon zeichnet sich ab, dass zwischen den Krypto-Währungen getauscht werden muss.

Vor allem: Wie mit den zahllosen, früheren Währungen wird mit den neuen Zahlungsmitteln hemmungslos spekuliert. Von Vorteilen für die Realwirtschaft kann nicht die Rede sein.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.