Finanzen

Lira unter Druck: Wirtschaft in der Türkei an kritischem Punkt

Lesezeit: 4 min
25.03.2018 03:14
Den Financial Times zufolge droht der türkischen Wirtschaft aufgrund ihres Wachstums eine Überhitzung. Es könnte zu einem plötzlichen Abschwung des Wachstums kommen.
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Anleger ziehen sich aus der türkischen Lira zurück. Vor allem japanische Investoren verkauften die Währung, sagte Devisenmarkt-Experte Fatih Keresteci vom Anlageberater DNG am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters. Wegen der niedrigen Zinsen in ihrem Heimatland legen viele Japaner ihr Geld in Ländern mit höheren Leitzinsen an.

Vor diesem Hintergrund stieg der Yen um 3,2 Prozent auf ein Rekordhoch von 3,8539 Lira. Dollar und Euro waren mit 4,0346 und 4,9728 Lira ebenfalls so teuer wie noch nie. Cemil Ertem, Chef-Wirtschaftsberater des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan betonte in einem TV-Interview, dieser Kursverfall stehe im Widerspruch zur türkischen Konjunktur.

"Die jüngste Lira-Abwertung erhöht die Inflation um etwa einen Prozentpunkt", rechnete Anlagestratege Erkin Isik von der Bank BNP Paribas/TEB vor. Dies erhöhe den Druck auf die Zentralbank, die geldpolitischen Zügel anzuziehen.

Als der IWF im vergangenen Monat eine öffentliche Warnung in Bezug auf die türkische Wirtschaft ausgab, verärgerte dies den Chef-Wirtschaftsberater von Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Der Top-Berater Cemil Ertem sagte, die Forderung des IWF, die Inflation zu zähmen und Ausgaben zu begrenzen, seien „gescheiterte Wirtschaftstheorien”, die von „Dinosauriern” betrieben werden. Er fügte hinzu: „Wir werden das genaue Gegenteil tun.”

Genau dieses Szenario beunruhigt viele Ökonomen, führt die Financial Times in einer Analyse aus. Die Türkei hat im vergangenen Jahr die Erwartungen mit einem geschätzten BIP-Wachstum von sieben Prozent übertroffen. Das Wachstum wurde durch staatliche Anreize unterstützt, die darauf abzielten, die Wirtschaft nach dem gewaltsamen Putschversuch im Juli 2016 zu stabilisieren. Aber dieses Wachstum hat seinen Preis.

In den vergangenen Wochen gab es eine Reihe von Warnungen vor dem sich ausweitenden Leistungsbilanzdefizit der Türkei und der anhaltenden zweistelligen Inflation. Der IWF warnte davor, dass das Land anfällig sei für die sich verändernden externen globalen Bedingungen.

Die US-Ratingagentur Moody's stufte die türkischen Staatsschulden auf zwei Stufen unter dem Investment-Grade-Rating herab. Als Begründung führte Moody's das politische Klima des Landes und eine starke Abhängigkeit von ausländischem Kapital an. Goldman Sachs sagte, die Türkei zeige die „klassischen Anzeichen einer Überhitzung der Wirtschaft” und warnte davor, dass die Schaffung eines Gleichgewichts (Neugewichtung) ein geringeres Wachstum erfordern würde.

Angesichts der bevorstehenden Wahlen gehen einige Investoren davon aus, dass Erdoğan nicht bereit ist, eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums zu dulden. Dies erhöht nach Spekulationen einiger Analysten das Risiko einer „harten Landung”.

Die AKP hat ihren politischen Erfolg vor dem Hintergrund des zunehmenden Wohlstands aufgebaut.

Mit den für März und November 2019 geplanten Kommunal- und Parlamentswahlen haben der Präsident und seine Minister klargestellt, dass sie in diesem Jahr 5,5 Prozent Wachstum wollen. „Es gibt nur eine Priorität für Ankara, und das ist Wachstum auf dem Niveau des vergangenen Jahres”, sagt Murat Ucer von GlobalSource Partners. „Es gibt große Fragen darüber, ob das möglich ist. Auch wenn es möglich ist, welche Art von Schwachstellen würde es schaffen? In der Türkei gibt es eine sehr deutliche Tauschbeziehung zwischen Wachstum und Anfälligkeit”, so Ucer.

Das vergangene Jahr hat alle Erwartungen für die aufstrebende Marktwirtschaft durcheinander gebracht.

Nach einem plötzlichen und kurzen Rückgang des Wirtschaftswachstums nach dem gescheiterten Putsch erlebte das Land erneut einen Aufschwung. Im dritten Quartal des vergangenen Jahres lag das Wachstum bei 11,1 Prozent – schneller als in jeder anderen Wirtschaft der G-20-Staaten.

Doch das starke Wachstum in Europa trug auch zur Belebung der türkischen Exporte bei. Die Konsumausgaben und das Baugewerbe wurden durch ein staatlich gestütztes Kreditsystem, Beschäftigungsanreize und Steuervergünstigungen angekurbelt.

Die Sorge ist jetzt, dass das Wachstum Ungleichgewichte geschaffen hat. Die Kerninflation liegt bei fast zwölf Prozent. Das Leistungsbilanzdefizit im Januar lag bei 7,1 Milliarden Dollar.

Um ihr Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren, ist die Türkei stark von kurzfristigen Kapitalzuflüssen abhängig, die jedoch schnell wieder abfließen könnten, wenn sich die politische und wirtschaftliche Stimmung gegenüber dem Land verschieben würde. Vorerst haben die attraktiven Renditen der Türkei und die Risikobereitschaft der Anleger dazu beigetragen, dass die Mittel fließen. Aber das angespannte Verhältnis des Landes zu den USA, seine militärische Intervention in Syrien und seine angespannte innenpolitische Lage sind Risiken.

Dies gilt auch für die sich verändernden globalen monetären Bedingungen, da die Notenbanken nach Jahren historisch niedriger Zinsen eine Normalisierung der Geldpolitik vornehmen.

„Wenn wir darüber sprechen, wie viele Leitzinserhöhungen die Fed vornehmen wird, und wie bald die EZB ihre Lockerung der Geldpolitik beenden wird, ist dies kein guter Moment für eine Schwellenmarkt-Wirtschaft mit einem breiten Leistungsbilanzdefizit und einer hohen Inflation. Es könnte ein großes Problem darstellen, wenn sich die globalen Liquiditäts-Bedingungen verschlechtern oder wenn die Türkei aufgrund politischer oder geopolitischer Risiken Probleme hat, externe Finanzmittel zu beschaffen”, zitiert die Financial Times den Nomura-Analysten Inan Demir.

Moody's nannte eine „nachlassende institutionelle Stärke” als Hauptgrund für seine Herabstufung. Dabei nannte die Ratingagentur den politischen Druck auf die türkische Justiz und die Ausweitung der Befugnisse des türkischen Präsidenten.

Wichtig für die Anleger ist die Unabhängigkeit der Notenbank, die sich regelmäßig eine „Moralpredigt” von Erdoğan anhören muss.

Der türkische Präsident ist seit langem ein scharfer Kritiker der hohen Zinssätze und vertritt die unkonventionelle Ansicht, dass sie zu einer hohen Inflation führen. Im vergangenen Monat wiederholte er diese Haltung. „Wir werden keine Zugeständnisse machen, wir werden die Zinsen senken”, sagte er.

Bisher hat sich die Notenbank kompromissbereit gezeigt, indem sie die Zinssätze auf Eis gelegt hat. Im Gegenzug ermutigte sie die Banken jedoch dazu, Kredite aufzunehmen, indem sie den späten Liquiditätsfenster-Zinssatz – der Zinssatz für Kredite, die sich Banken bei der Zentralbank besorgen können – von 12,75 Prozent anwandte.

Nachdem die Lira gegenüber dem Dollar auf dreimonatige Tiefstände und Tiefststände gegenüber dem Euro gesunken ist, warnte der niederländische Kreditgeber Rabobank kürzlich, dass die Notenbank „zu einer Zeit, in der die Zinsen im Allgemeinen als zu niedrig eingeschätzt werden, eine relativ moderate Zinserhöhung wählen könnte”.

Hatice Karahan, eine Beraterin des türkischen Präsidenten, spielt die Aussicht auf einen plötzlichen Stopp der ausländischen Kapitalzuflüsse herunter. „Selbst im schlimmsten Fall würde ich nicht erwarten, dass die Kapitalströme austrocknen”, meint sie.

Im Falle einer Verlangsamung der Zuflüsse bestehe sie darauf, dass die Notenbank alles Notwendige tun wird. Wenn die Notenbank feststelle, dass Zinserhöhungen notwendig sind, dann wird sie Karahan zufolge den Leitzins auch erhöhen. Sie kenne die Ansichten des türkischen Präsidenten, was die Zinspolitik angeht.

Doch sie fügt hinzu: „Ich bin fest davon überzeugt, dass die Zentralbank unabhängig ist”.

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