Allianz-Versicherung steigt aus Kohlestrom aus

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
Allianz  
EU  
Energie  
 
Lesezeit: 3 min
12.05.2018 22:43
Das größte Versicherungsunternehmen Europas will künftig Kohlekraftwerke aus seiner Kundenkartei streichen.
Allianz-Versicherung steigt aus Kohlestrom aus

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  
Allianz  
EU  
Energie  

Der Münchener Allianz Konzern hat angekündigt, künftig keine Kohlekraftwerke in Deutschland und Europa mehr versichern und kein Kapital in vom Unternehmen als klimaschädlich eingestufte Industrien investieren zu wollen. Die Allianz nimmt mit dieser Entscheidung Einfluss auf die europäische Energiepolitik. Für den Betrieb von Kohlekraftwerken besteht in Europa eine Versicherungspflicht. Ein Ausweichen auf andere Versicherungsanbieter könnte zu einer Verteuerung der Strompreise führen.

Betroffen von dieser Entscheidung sind zunächst alle Verträge, die aktuell mit einer Laufzeit von einem Jahr abgeschlossen worden sind. Diese will die Allianz künftig nicht mehr verlängern. Unternehmen, die Strom aus Kohle und anderen Energiequellen erzeugen, werden jedoch zunächst weiter versichert, gab der Allianz-Vorstandsvorsitzende Oliver Bäte in der vergangenen Woche bekannt. „Jedoch ist es das erklärte Ziel der Allianz, Kohlerisiken im Versicherungsgeschäft bis 2040 vollständig auslaufen zu lassen”, so Bäte.

Zusätzlich will die Allianz auch als Investorin ihre Klima-Politik verschärfen. Derzeit investiert die Allianz Versichertengelder noch in Unternehmen mit einem Kohle-Anteil von maximal 30 Prozent. Bis 2040 soll dieser Wert in Fünf-Prozent-Schritten bis auf null sinken. Der Bemessungswert bezieht sich auf den Umsatz, den ein Bergbauunternehmen durch den Abbau von Kohle generiert oder auf den Anteil des erzeugten Stroms aus Kohle bei Energieunternehmen. Die nächste Anpassung erfolgt innerhalb der kommenden fünf Jahre.

Mit diesen Maßnahmen will die Allianz einen Beitrag zur Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens leisten. Im Jahr 2015 hatten sich 196 Staaten verpflichtet, ihre Kohlendioxidemissionen derart zu senken, dass eine Klimaerwärmung von unter zwei Grad Celsius dauerhaft erreicht werden soll. Nach dem Willen der Allianz-Führung sollen Unternehmen, denen es in den kommenden Jahrzehnten nicht gelingt, ihre Treibhausgasemissionen an das Zwei-Grad-Ziel anzupassen, schrittweise aus dem Portfolio entfernt werden.

Für die Energiebranche hat dieses Vorgehen weitreichende Folgen. In Deutschland sind Betreiber von Kohlekraftwerken verpflichtet, ihre Anlagen und Maschinen gegen Schäden zu versichern, die durch selbige verursacht werden können. Anbieter von Haftungspolicen sind neben der Allianz-Gruppe unter anderem die französische Axa und die Münchner Rück-Versicherung. Die Versicherungssummen pro Kraftwerk liegen durchschnittlich im dreistelligen Millionenbereich.

Mit ihrer Energiepolitik hofft die Allianz nun eine Signalwirkung auf andere Versicherer ausüben zu können. „Wir verstehen uns als Treiber einer Entwicklung. Wenn wir uns bewegen, ziehen auch andere nach“, erklärte Bäte. Das erklärte Ziel sei, es Versicherungen von der Aufgabe derartiger Haftungsübernahmen zu überzeugen.  Als Folge bleibt Kraftwerksbetreibern künftig nur der Gang zu deutlich teureren Versicherungsanbietern im Nicht-EU-Ausland.

Der Münchener-Rück-Chef Joachim Wenning hat in der vergangenen Woche einen Ausstieg aus der Kohle abgelehnt. Er setzt stattdessen auf Gespräche mit den Unternehmen. Die Axa kündigte dagegen bereits im vergangenen Jahr an, keine Kohlekraftwerke mehr versichern zu wollen. Als Grund gab der Versicherer an, keine Haftung für Schäden, die durch Kohlendioxid verursacht werden, in Zukunft übernehmen zu wollen. Frankreichs Energiebedarf wurde im Jahr 2016 allerdings auch zu rund 73 Prozent aus Atom- und nur zu rund zwei Prozent aus Kohlekraftwerken gedeckt.

Darüber hinaus lehnen auch Banken Kohlekraftwerke als Kunden zunehmend ab. Im Juni 2017 erklärten 24 Schweizer Banken, unter ihnen auch die UBS, der Kohleindustrie künftig nur noch eingeschränkt Kredite zur Verfügung stellen zu wollen.

Anders in China: Zwischen den Jahren 2014 und 2017 wurden rund 530 Milliarden Euro in Form von Krediten, Anleihen und Aktien für die Entwicklung neuer Kohlekraftwerke in China bereitgestellt – auch aus dem Ausland. Deutsche und französische Banken übernahmen jeweils zwei Prozent der Finanzierungssumme; britische Banken beteiligten sich mit vier Prozent, US-amerikanische mit fünf Prozent. Insgesamt sollen rund 120 neue Kraftwerke in China mit einer Gesamtleistung von 550.000 Megawatt gebaut werden.

Deutschland deckt derzeit knapp 40 Prozent seines Energiebedarfs mit Strom aus 148 Braun- und Steinkohlekraftwerken. Insgesamt wird der Bedarf an elektrischer Energie zu knapp 58 Prozent aus fossilen Energien produziert. Nach Einschätzung des Umweltbundesamtes könnte der gesamte Energiebedarf frühestens im Jahr 2050 komplett kohlendioxidfrei abgedeckt werden.

Bis dahin ist Deutschland auf die Versorgung mit fossilen Energien angewiesen. Im Fall, dass Kraftwerke keine für den Betrieb notwendigen Versicherungen erhalten, könnte Deutschland ebenso wie in der EU ein Energieengpass drohen. Frankreich importierte im vergangenen Jahr rund neun Milliarden Kilowattstunden aus Deutschland, um seinen Bedarf decken zu können.

Ausnahmen von der Versicherungsverweigerung will die Allianz nämlich nur in wenigen Fällen gewähren: etwa, wenn ein Stromerzeuger rasch aus der Kohle aussteigt und es im jeweiligen Land keine Alternative zum Strom aus Kohle gibt und Stromausfälle drohen.


Mehr zum Thema:  

DWN
Deutschland
Deutschland „Deutschland spürt das Ende der Behaglichkeit“ – Warum Sie jetzt die DWN zum Vorteilspreis abonnieren sollten

Unser Redaktion zeigt auf, warum Sie nicht auf ein DWN-Abonnement verzichten sollten. Für das erste Jahr wird Ihnen ein besonderes Paket...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Deutscher Hoffnungsträger e.Go ist insolvent: Bei den E-Autobauern rollt weltweit die Pleitewelle

Der Insolvenzantrag des deutschen Elektroautobauers e.Go wirft ein Schlaglicht auf die prekäre Finanzsituation bei vielen E-Autobauern...

DWN
Finanzen
Finanzen Turbulenzen an den Börsen: Silber und Platin verzeichnen gewaltiges Preisgefälle

Das gleiche Phänomen, das zuletzt bereits den Goldmarkt durcheinander brachte, hat nun auch den Handel mit Silber, Platin und Palladium...

DWN
Politik
Politik Epstein-Affäre: „Prinz Andrew dürfte nun in Panik geraten“

Im Rahmen der Epstein-Affäre wird die Luft für Prinz Andrew immer dünner. Eines seiner Missbrauchsopfer sagt: „Prinz Andrew dürfte...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Dänemark erlaubt russische Spezialschiffe in seinen Gewässern: Nord Stream 2 steht kurz vor Vollendung

Beim Bau von Nord Stream 2 ersetzen Spezialschiffe aus Russland die Schiffe eines niederländischen Unternehmens, das aus Angst vor...

DWN
Panorama
Panorama Tests an Versuchspersonen beginnen: Steht China kurz vor Durchbruch bei Corona-Impfstoff?

Im Folgenden eine Übersicht über die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Corona-Ereignisse von Montag, den 6. Juni.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Corona-Krise: Mittelstand treibt die digitale Transformation voran

Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft wird am 9. Juli 2020 eine Veranstaltung durchführen, bei der Unternehmern Tipps für die...

DWN
Politik
Politik US-Staranwalt nimmt Ghislaine Maxwell in Schutz

Der prominente US-Anwalt und Ex-Anwalt von Jeffrey Epstein, Alan Dershowitz, nimmt Ghislaine Maxwell in Schutz. „Wir haben nie gesehen,...

DWN
Politik
Politik Nach Amtsmißbrauch: Von der Leyen gerät in die Kritik - und gibt ihren Mitarbeitern die Schuld

Ursula von der Leyen hat ihren Rang als EU-Kommissionspräsidentin genutzt, um Wahlwerbung für eine ihr nahe stehende Partei zu machen.

DWN
Politik
Politik Großbritannien verhängt Sanktionen gegen Russen, Saudis und Nordkoreaner

Großbritannien hat erstmals allein Sanktionen gegen Dutzende Personen wegen Menschenrechtsverletzungen verhängt. Betroffen sind...

DWN
Politik
Politik Der IS ist zurück: Angriffe auf Regierungstruppen in Syrien

Der IS ist offenbar wieder zurück. In der vergangenen Woche hat die Terror-Miliz aus der Wüste heraus syrische Truppen angegriffen und...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutschlands Stahlindustrie: Gibt Corona der Branche den Rest?

Die Pandemie trifft die deutsche Stahlbranche sehr hart. So reagiert auch der Branchenprimus ThyssenKrupp mit drastischen Maßnahmen.

DWN
Deutschland
Deutschland Jedes fünfte Unternehmen sieht Existenz durch Corona bedroht

Jedes fünfte deutsche Unternehmen sieht sich durch die Corona-Krise gefährdet. Das geht aus einer Umfrage des ifo-Instituts hervor.

DWN
Politik
Politik "Ich warne davor, sich gegenüber Peking unterwürfig zu verhalten"

Hier der zweite Teil des großen DWN-Interviews mit Fritz Felgentreu. Der SPD-Bundestagsabgeordnete, Obmann im Verteidigungsausschuss und...

DWN
Politik
Politik Söder: Popularität der Union beruht primär auf scheidender Kanzlerin

"Die hohen Umfragewerte jetzt sind meiner Meinung nach prioritär der Bundeskanzlerin geschuldet", meint CSU-Chef Markus Söder.

celtra_fin_Interscroller