Finanzen

Italien: Notenbank-Chef warnt vor Kollaps des Vertrauens

Lesezeit: 3 min
29.05.2018 13:02
Die Lage in Italien hat den Chef der Zentralbank mit einer ungewöhnlich deutlichen Wortmeldung auf den Plan gerufen.
Italien: Notenbank-Chef warnt vor Kollaps des Vertrauens

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  
Italien  
Banken  
EZB  

Die politischen Turbulenzen in Italien rufen die EZB und die Notenbank in Rom auf den Plan, die vor einer neuen Eurokrise warnen. Italiens Notenbankchef Ignazio Visco schaltete sich am Dienstag mit einer ungewöhnlich dramatischen Rede ins Geschehen ein und sagte, das Land sei "nur wenige kleine Schritte" von der schwerwiegenden Gefahr entfernt, Vertrauen zu verspielen. Visco will, wie das gesamte italienische Establishment, eine Debatte über die Euro-Mitgliedschaft in Italien verhindern. Er sagte, jede neue Regierung müsse die EU-Verträge respektieren, die die Länder der Eurozone an strenge Schulden- und Defizitgrenzen binden: "Die Spielregeln können diskutiert, sogar kritisiert werden. Sie können sicherlich verbessert werden", sagte Visco in einer jährlichen Rede über den Zustand des italienischen Wirtschafts- und Finanzsystems: "Dennoch können wir verfassungsrechtliche Zwänge nicht außer Acht lassen: Einsparungen schützen, Konten bilanzieren und die Verträge einhalten."

Die Märkte sind von den dramatischen Warnungen allerdings nicht sonderlich beeindruckt, sondern sie die Lage offenbar als sehr ernst an: Mauro Vittorangeli, Chief Investment Officer für Anleihen bei Allianz Global Investors, nannte die Marktbewegungen in der Financial Times einen "Kapitulationstag": "Das politische Risiko wird sehr komplex und die Anleger stellen ihre Positionen glatt. Die Anleger haben Angst vor der Volatilität und der politischen Situation, die völlig unberechenbar ist. Wenn die Volatilität steigt, ist es logisch, dass man sein Portfolio bereinigt."

Auch in den anderen Euro-Ländern macht sich Unbehagen breit: Die griechische Regierung fürchtet bei zunehmender finanzieller Instabilität in Italien ein Überschwappen der Probleme auf ihr Land. "Wir machen uns Sorgen, wenn es (Italien) instabil ist und es Auswirkungen auf die Finanzlage geben wird, dass uns diese Finanzlage vielleicht zusätzliche Probleme schaffen könnte", sagte der griechische Außenminister Nikos Kotzias am Dienstag in Berlin.

Der portugiesische EZB-Vizepräsident Vitor Constancio erinnerte daran, dass Investoren das hoch verschuldete Land bereits 2012 attackiert hatten und sich die Risikoeinschätzung für einen Schuldner abrupt ändern könne -"mit gravierenden Folgen".

Vor allem die italienischen Bank-Aktien sind am Dienstag unter erheblichen Druck gekommen.

Unter Anlegern wächst bereits die Furcht vor einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone: 13 Prozent erwarten für die kommenden zwölf Monate das Ausscheiden mindestens eines Landes aus der Währungsunion, wie die Investmentberatung Sentix in einer Umfrage unter 5000 Investoren ermittelte. Das ist der höchste Wert seit mehr als einem Jahr. Die Verunsicherung zeigt sich auch in einer Flucht der Anleger aus dem Euro. Die Gemeinschaftswährung rutschte zwischenzeitlich um 0,8 Prozent auf 1,1528 Dollar ab und markierte damit den tiefsten Stand seit zehn Monaten. "Das Gespenst einer nächsten Euro-Krise macht die Runde", sagte Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets.

Investoren warfen auch Staatsanleihen des Landes in hohem Bogen aus ihren Depots. Der Ausverkauf trieb die Rendite der zehnjährigen Titel auf ein Vier-Jahres-Hoch von 3,388 Prozent. Auch unter Managern und Verbrauchern in Italien macht sich Verunsicherung breit: Das Geschäftsklima fiel im Mai um 0,3 auf 104,7 Zähler, wie das Statistikamt Istat mitteilte. Das ist der niedrigste Stand seit Januar 2017. Das Konsumklima trübte sich ebenfalls ein. Hier fiel das Barometer vor dem Hintergrund der politischen Krise in Rom auf das niedrigste Niveau seit August 2017.

Italiens Präsident Sergio Mattarella hat knapp drei Monate nach der Wahl den IWF-Mann Carlo Cottarelli mit der Bildung einer Übergangsregierung beauftragt. Diese wird von den Wahlsiegern Fünf-Sterne-Bewegung und Lega als Affront gesehen. Im Herbst oder spätestens Anfang 2019 soll es laut Cottarelli Neuwahlen geben.

Diese Wahl werde de facto zu einem Referendum über den Verbleib Italiens in der Europäischen Union und der Euro-Zone, warnte Francesco Galietti, Chef der Politikberatung Policy Sonar laut Reuters: "Das ist eine existenzielle Gefahr für die Euro-Zone." Die Situation sei umso bedrohlicher, da der EZB die Hände gebunden seien, so Marcel Fratzscher, der Chef des Berliner Forschungsinstituts DIW: "Die EZB kann nicht sagen: Der politische Wille, aus dem Euro auszusteigen, ist vielleicht da – aber wir hindern die Regierung daran", sagte er dem Redaktions-Netzwerk Deutschland.

Sowohl in der Lega als auch in der Fünf-Sterne-Bewegung wird geprüft, als Bündnis in eine Neuwahl zu ziehen. Meinungsumfragen zufolge könnte die Lega mit deutlich mehr als den 17 Prozent der Stimmen rechnen, die sie beim Urnengang im März erhielt. Die Fünf-Sterne-Bewegung dürfte bei 30 Prozent bleiben. Dagegen dürften das Mitte-Links-Lager und konservative Parteien wie die Forza Italia weiter an Boden verlieren.

***

Für PR, Gefälligkeitsartikel oder politische Hofberichterstattung stehen die DWN nicht zur Verfügung. Bitte unterstützen Sie die Unabhängigkeit der DWN mit einem Abonnement:

Hier können Sie sich für einen kostenlosen Gratismonat registrieren. Wenn dieser abgelaufen ist, werden Sie von uns benachrichtigt und können dann das Abo auswählen, dass am besten Ihren Bedürfnissen entspricht. Einen Überblick über die verfügbaren Abonnements bekommen Sie hier.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Eskalation bei Daimler: Betriebsrat ruft alle 170.000 Mitarbeiter zum Widerstand gegen Stellenabbau auf

Die politisch geforderte Wende zur Elektromobilität wird bei Daimler zehntausende Stellen kosten. Nun hat die Auslagerung der...

DWN
Politik
Politik „Entrechtung und Enteignung“: Sky News-Moderator rechnet mit dem „Great Reset“ ab

Der Sky News Moderator Rowan Dean sagt, dass der „Great Reset“ ein Programm sei, das darauf abzielt, uns all unsere fundamentalem...

DWN
Finanzen
Finanzen Jetzt ist es soweit: Bundesregierung erwägt Einführung eines Corona-Soli

Medienberichten zufolge erwägt die Bundesregierung, einen Corona-Soli einzuführen, um den wirtschaftlichen Schaden der Corona-Krise...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Das sind die wichtigsten Videos und Analysen zum „Great Reset“

Das World Economic Forum wörtlich: „Es ist dringend erforderlich, dass globale Interessengruppen zusammenarbeiten, um gleichzeitig die...

DWN
Finanzen
Finanzen So erfüllt sich Ihr Traum vom Eigenheim

Das Eigenheim als Altersvorsorge? Viele Deutsche träumen davon. Doch nur wenige besitzen hierzulande tatsächlich die Immobilie, die sie...

DWN
Politik
Politik Was passiert, wenn ein neues Virus aus China die Weltwirtschaft nochmal zum Stillstand bringt?

Die Umstände und Bedingungen, die den Ausbruch des Corona-Virus in China begünstigt haben, haben sich nicht verändert. Es ist möglich,...

DWN
Finanzen
Finanzen Neue Regeln kommen: Der Dax steht vor der größten Reform seiner Geschichte

Die Deutsche Börse wird am Dienstag neue Regeln für die deutschen Aktienindizes bekanntgeben. Offenbar sollen künftig auch...

DWN
Politik
Politik US-Geopolitiker Friedman: Die Gesellschaft der USA ist tief gespalten

Der US-Geopolitiker George Friedman meint, dass Joe Biden als schwacher Präsident starten werde. Denn die Gesellschaft der USA und auch...

DWN
Politik
Politik Corona-Ticker: Lockdown dürfte bis Ende Dezember verlängert werden

Während Bund und Länder auf eine Ausweitung des Lockdowns zusteuern, rufen die besonders betroffenen Branchen nach weiteren Finanzhilfen,...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Markit-Index: Eurozone schlittert zum Jahresende in die Rezession

Die Wirtschaftsleistung der Euro-Zone schrumpft zum Jahresende wieder. Besonders düster sieht es in der zweitgrößten Volkswirtschaft...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutsche Telekom setzt beim Glasfaser-Bau auf künstliche Intelligenz

Deutschland liegt im internationalen Vergleich beim Glasfaserbau sehr weit hinten. Die Deutsche Telekom versucht jetzt zumindest, die...

DWN
Politik
Politik Bundeswehr-Einsatz gegen türkisches Frachtschiff löst diplomatische Spannungen aus

Die Durchsuchung eines türkischen Frachtschiffes durch deutsche Soldaten am Sonntag im Mittelmeer hat ein diplomatisches Nachspiel.

DWN
Finanzen
Finanzen Nächtlicher Börsenhandel: Im Dunkeln schüren Zentralbanken die größte Finanzblase der Geschichte

DWN-Kolumnist Michael Bernegger warnt: Die Aktienmärkte sind völlig überbewertet. Deutschlands und Europas Wirtschaft und...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB stellt Verschärfung der Negativzinsen in Aussicht

Die Europäische Zentralbank kündigt mit Blick auf ihre Sitzung im Dezember eine „gründliche Neubeurteilung“ der Lage an.