Politik

Schweizer stimmen über Einführung von Vollgeld ab

Lesezeit: 2 min
09.06.2018 16:02
Die Schweizer sind am Sonntag zu einer Abstimmung über eine radikale Reform ihres Geldsystems aufgerufen.
Schweizer stimmen über Einführung von Vollgeld ab

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Am Sonntag entscheidet die Wähler in der Schweiz, ob sie die Kreditvergabe der Banken beschränken und die Notenbank zur einzigen Quelle für neues Geld machen will. Die Befürworter der sogenannten Vollgeld-Initiative versprechen sich von dem Wechsel ein sichereres Bankensystem. Die Gegner warnen hingegen vor den unabsehbaren Folgen eines weltweit einzigartigen Experiments für den Finanzplatz und die Währung.

Reuters zufolge deute die Umfrageergebnisse darauf hin, dass der Vorschlag mit großer Wahrscheinlichkeit abgelehnt werden dürfte. Allerdings gäbe es bei den einzelnen Erhebungen beträchtliche Unterschiede, was die Zahl der Unentschlossenen betrifft. Das führt dazu, dass Investoren an den Finanzmärkten vorsichtig sind und sich auch für ein "Ja" wappnen. Dies rührt auch daher, dass in den vergangenen Jahren die Meinungsumfragen vor wichtigen politischen Entscheidungen meist daneben lagen - wie beim Brexit oder der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Allerdings strebt die Initiative nach eignen Worten auch lediglich einen "Achtungserfolg" an, was darauf hindeutet, dass die Umfragezahlen de Initiatoren auch eher mäßig sein dürften.

Die Idee für die Initiative ist während der Finanzkrise entstanden, die mit der milliardenschweren Rettung der größten Schweizer Bank UBS tiefe Spuren hinterlassen hat. Im Falle einer Zustimmung könnten die Banken nur mehr Geld als Kredit verleihen, wenn sie dieses zuvor von der Notenbank SNB, anderen Banken oder über langfristige Kundeneinlagen erhalten - und nicht mehr über eine bloße Ausweitung ihrer Bilanz. Bank-Kunden hätten Anspruch auf sogenannte Vollgeld-Konten, die außerhalb der Bank-Bilanzen geführt werden und komplett mit Notenbankgeld gedeckt sind.

Auch im Ausland sorgt der Vorstoß für Aufsehen: Nach Einschätzung der Experten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft würde das Finanzsystem dadurch stabiler. "Die bestechenden Vorteile eines Vollgeldsystems sind, dass ein Abzug von Kundeneinlagen für die betroffene Bank völlig unproblematisch ist", erklärten sie. Sollte eine Umstellung in der Schweiz geräuschlos gelingen, halten sie mittelfristig eine ähnliche Diskussion im Euro-Raum für möglich.

Auf wenig Gegenliebe stößt der Vorschlag bei der Schweizer Regierung sowie Industrie- und Bankvertretern. Nach ihrer Einschätzung dürften Kredite teurer werden, und die Gewinne der Banken könnten längerfristig schrumpfen. Darüber hinaus warnen Experten vor den unabsehbaren Folgen für den Franken. Künftig wäre die Notenbank die einzige Institution, die dem System neues Geld zuführen könnte. Der Leitzins würde als geldpolitisches Instrument jedoch wegfallen, und die SNB könnte nicht mehr am Devisenmarkt intervenieren, um den Franken zu schwächen und so die Wirtschaft anzukurbeln. Was das für die Entwicklung des "sicheren Hafens" Franken bedeutet, ist offen. Die SNB selbst lehnt die Initiative ab.

Als angenommen gilt diese, wenn eine Mehrheit der Bürger und eine Mehrheit der Kantone mit "Ja" stimmen. Doch selbst wenn das der Fall ist, erwarten die Experten der deutschen DZ Bank keine Änderung über Nacht. Zum einen sehe der Vorschlag eine Umsetzungsperiode von zwei Jahren vor. Zum anderen hätten sich alle Parteien auf Bundesebene gegen die Initiative ausgesprochen. Daher sei zu bezweifeln, dass diese eins zu eins umgesetzt werde. Ähnlich war es bei der vor gut vier Jahren angenommenen "Masseneinwanderungsinitiative" gewesen, die die Regierung nicht im Wortlaut anwandte, um einen Bruch mit dem Handelspartner EU zu vermeiden. "So beruhigend diese Einschätzung auf den ersten Blick erscheinen mag, für eine gehörige Portion Unsicherheit an den Finanzmärkten dürfte ein Ja zur Vollgeldreform allemal genügen", erklärte die DZ Bank.


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen P2P-Kredite als alternative Geldanlage: Chancen und Risiken
19.05.2024

P2P-Kredite sind eine aufstrebende Anlageklasse, die Privatpersonen ermöglicht, direkt in den Kreditbedarf anderer Privatpersonen zu...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Vom Erfolg zur Krise: Wie Adidas seine Dominanz im Sportmarkt verlor
19.05.2024

Adidas, einst ein Riese im Sportmarkt, kämpft nach katastrophalen Kooperationen und einem Börsenabsturz gegen den Aufstieg von Nike. Mit...

DWN
Finanzen
Finanzen Kreditanstalt für Wiederaufbau in der Kritik, nutzt Potenzial unzureichend
19.05.2024

Eine neue Studie der Stiftung Klimaneutralität zieht eine kritische Bilanz zur Rolle der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Demnach...

DWN
Politik
Politik Scholz verspricht Hilfe - Überschwemmungen im Saarland zeigen Naturgewalt
19.05.2024

Bundeskanzler Olaf Scholz besuchte Kleinblittersdorf im Saarland, um nach den heftigen Regenfällen und Überschwemmungen Hilfe zu...

DWN
Politik
Politik Putin fördert intensivere Geschäftspartnerschaften mit China
18.05.2024

Putin hat während seines Staatsbesuchs in China eine Stärkung der wirtschaftlichen Kooperation betont und die Sanktionen des Westens...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Überraschende Wende: China nicht mehr Deutschlands Top-Handelspartner
18.05.2024

Für eine beträchtliche Zeit war die Volksrepublik Deutschland der primäre Handelspartner. Jetzt besteht die Möglichkeit, dass China...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nike schnappt Adidas die Nationalmannschaft weg: Der DFB kennt keine Gnade
18.05.2024

Über 70 Jahre waren sie eine Einheit – die deutsche Nationalmannschaft in ihren Adidas-Trikots und ihren Schuhen mit den drei Streifen....

DWN
Finanzen
Finanzen Günstiger Urlaub? Versteckte Kosten, die Sie unbedingt im Blick haben sollen!
18.05.2024

Sie haben Ihren Sommerurlaub bestimmt schon geplant und freuen sich darauf, eine schöne Zeit am Strand zu verbringen und sich zu...