Türkei: Investoren erhöhen nach Lira-Crash Druck auf Erdogan

Nach dem Crash der türkischen Lira fordern internationale Investoren eine sofortige Intervention der Zentralbank.

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Die Börse in Istanbul. (Foto: dpa)

Die Börse in Istanbul. (Foto: dpa)

Die türkische Lira ist gegenüber dem US-Dollar um fast zwölf Prozent eingebrochen. Die Währung fiel am Freitagmorgen auf ein Allzeittief jenseits von sechs Türkische Lira pro Dollar, nachdem sie über Nacht um mehr als fünf Prozent gesunken war. Später stieg sie auf 5,88 Türkische Lira pro Dollar. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte am Donnerstag auf einer Kundgebung, dass “verschiedene Kampagnen” gegen die Türkei laufen würden. “Sie verfügen über Dollars. Wir hingegen verfügen über unser Volk, unsere Gerechtigkeit und Allah”, so Erdogan.

Am Nachmittag will der Schwiegersohn Erdogans, Finanzminister Berat Albayrak, in eine Rede das neue Wirtschaftsprogramm der türkischen Regierung bekanntgeben.

Vor seinem Auftritt haben die internationale Investoren den Druck auf die Regeriung Erdogan erhöht. Insbesondere wird eine sofortige Intervention der türkischen Zentralbank gefordert: „Es scheint ein kompletter Crash zu sein, also müssen sie jetzt handeln“, sagte Morten Lund, Stratege bei der Nordea Bank AB in Kopenhagen, dem Nachrichtendienst Bloomberg: „Die Lira wird weiter fallen, wenn sie die Zinsen heute nicht erhöhen.“

Erdogan sagte laut dem Fernsehsender TRT Haber: „Wir werden diesen Wirtschaftskrieg nicht verlieren.“

Der Fall der Währung spiegelte sich auf dem türkischen Anleihemarkt wider und die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihe lag schließlich bei über 20 Prozent. Der Rückgang der Lira kam aufgrund der wachsenden Besorgnis der Finanzaufsicht der Eurozone über das Engagement einiger der größten Kreditgeber im Währungsgebiet gegenüber der Türkei – vor allem BBVA, UniCredit und BNP Paribas. Der ehemalige türkische Entwicklungsminister Lütfi Elvan sagte der Zeitung Milliyet, dass der türkische Privatsektor zu 36 Prozent in ausländischen Währungen verschuldet sei. „Der Anteil der Firmen, die keine ausländischen Währungskredite aufweisen, liegt bei 64 Prozent“, so Elvan.

Im Einklang mit dem Rückgang der Währung hat der einheitliche Aufsichtsmechanismus (SSM) – der Flügel der Europäischen Zentralbank zur Überwachung der Aktivitäten der größten Banken der Region – in den vergangenen Monaten begonnen, die Verbindungen zwischen europäischen Kreditgebern und der Türkei genauer zu untersuchen .

Der SSM sieht Situation noch nicht als kritisch an. Aber die spanische BBVA, die italienische UniCredit und die französische BNP Paribas, die alle bedeutende Geschäfte in der Türkei haben, sind nach Angaben von zwei Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind, besonders gefährdet.

Dollar-Kredite der Schwellenländer

Andere Schwellenländerwährungen sind am Freitagmorgen ebenfalls gesunken, was Befürchtungen einer Ansteckung durch die türkische Krise aufwirft. Der polnische Zloty ist um ein Prozent gesunken, während der südafrikanische Rand um 0,4 Prozent gesunken ist. In der Zwischenzeit ist der Euro um 0,7 Prozent gesunken, da der US-Dollar seine Rallye fortsetzt. Der US-Ökonom Srinivas Thiruvadanthai vom Jerome Levy Forecasting Center in New York sagte im Interview mit den Deutschen Wirtschafts Nachrichten, dass eine Zinserhöhung durch die US-Notenbank dem Dollar einen weiteren Auftrieb verschaffen und in der Türkei, aber auch in Kolumbien, Südafrika, Brasilien, Indien oder Russland, eine Wirtschaftskrise auslösen könnte, da die betroffenen Länder dann nicht nur mit einer Erhöhung ihrer privaten und öffentlichen Dollar-denominierten Schulden, rechnen müssen, sondern auch mit drastischen Kapitalabflüssen.

Doch auf die ausländischen Kapitalzuflüsse sind die Länder angewiesen, da sie damit ihre Handelsbilanz-Defizite finanzieren. „Die derzeitige Situation in den Schwellenländern ist das Ergebnis langfristiger wirtschaftlicher Probleme, die mit Exportrückgängen in die entwickelten Märkte zusammenhängt. Dies wiederum hängt mit dem geschwächten Wachstum in den entwickelten Märkten zusammen. Als Ergebnis haben die Schwellenländer mit Überinvestitionen und Überkapazitäten und einer hohen Verschuldung im Unternehmenssektor zu kämpfen“, so der Analyst Insgesamt würde eine Zinserhöhung Länder mit hohen Handelsbilanz-Defiziten und Öl-Exporteure hart treffen.

Europas Banken haben am Freitag unter Druck geöffnet. Der Euro Stoxx Banks Index ist im frühen Handel um 0,5 Prozent gefallen. Die Aktien von BBVA, UniCredit und BNP Paribas fielen am Freitagmorgen um mehr als drei Prozent. Die EZB ist besorgt über das Risiko, dass türkische Kreditnehmer nicht gegen die Lira-Schwäche abgesichert werden und mit Fremdwährungskrediten, die etwa 40 Prozent des Vermögens des türkischen Bankensektors ausmachen, in Zahlungsverzug geraten.

Der Rückgang der Lira gegenüber dem Dollar hat auch die lokalen Banken aufgrund der hohen Fremdwährungskredite in der Türkei in Schwierigkeiten gebracht. Analysten von Goldman Sachs meldeten in der aktuellen Woche, dass das “überschüssige Kapital der Banken weitgehend aushöhlen könnte”, falls ein Dollar 7,1 Türkische Lira kosten sollte.

Märkte verlieren Vertrauen in Erdogan

Charles Robertson, Chefökonom von Renaissance Capital, sagte: “Die Märkte haben das Vertrauen in das Triumvirat von Präsident Erdogan, seinem Schwiegersohn als Finanzminister und der Fähigkeit der Zentralbank, so zu handeln, wie es nötig ist, verloren.”

Jane Foley, Leiterin der Devisenstrategieabteilung der Rabobank, sagte, dass Erdogans “trotzige” Kommentare am Donnerstagabend “die Hoffnungen der Märkte” reduziert hätten, dass die türkische Regierung bereit ist, die Geldpolitik zu straffen oder eine Wirtschaftsreform einzuleiten.

“Der Markt ist in dieser Hinsicht eine Naturgewalt (…) Die Türkei hat ein sehr großes Leistungsbilanzdefizit, das die Türkei anfällig für die Launen internationaler Sparer macht”, so Foley.

Das türkische Finanzministerium meldete am Donnerstag, dass der Bankensektor durch seine robuste Kapitalstruktur und Bilanzen geschützt sei. “Im Gegensatz zu den spekulativen Aussagen, die im Markt über unsere Banken und unsere Unternehmen gemacht werden, sehen unsere Regulierungsbehörden kein Problem, das sich daraus Wechselkurs- oder Liquiditätsrisiken ergeben sollte”, so das Ministerium.

Der Anteil der notleidenden Kredite am türkischen Sektor bleibt mit drei Prozent gering. Aber die US-Ratingagentur Moody’s meldete kürzlich, dass sie erwartet, dass die Verschuldung steigen wird, wenn der wirtschaftliche Druck steigt.

Katalin Gingold vom Hedgefonds Cartica, meint: “Wir denken, dass es im Bankensystem viele versteckte Probleme gibt.”

Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben lokale Kreditgeber, einschließlich Tochtergesellschaften in ausländischem Besitz, US-Dollar-Forderungen in Höhe von 148 Milliarden US-Dollar und Euro-Forderungen in Höhe von umgerechnet 110 Milliarden US-Dollar.

Spanische Banken haben Forderungen an türkische Kreditnehmer in Höhe von 83,3 Milliarden US-Dollar. Bei französische Banken liegt dieser Anteil bei 38,4 Milliarden US-Dollar und bei italienische Kreditgebern bei 17 Milliarden US-Dollar. Die türkischen Tochtergesellschaften der Banken neigen dazu, in lokaler Währung zu verleihen.

Carlos Torres Vila, Geschäftsführer der BBVA, die knapp die Hälfte der türkischen Garanti Bank besitzt, sagte im vergangenen Monat, die Gruppe sei “wirklich sehr, sehr gut auf die Situation vorbereitet”. Er sagte, die Bank habe das Gewicht ihres Fremdwährungskreditportfolios reduziert und das Gewicht inflationsindexierter Instrumente erhöht.

In der aktuellen Woche haben Analysten UniCredit gefragt, ob sie ihre 2,5-Milliarden-Euro-Investition an ihrer 40,9-prozentigen Beteiligung an der türkischen Bank Yapi Kredi in der Türkei abschreiben müsste, nachdem die Lira durch die Abwertung den Marktwert auf 1,15 Milliarden Euro gesenkt hatte.

UniCredit antwortete, dass die zugrunde liegende Performance von Yapi Kredi gut sei und die Währungseinflüsse durch die eigenen Reserven absorbiert würden. Aber Analysten von Goldman sind der Ansicht, dass Yapi Kredi unter den größten Banken der Türkei die schwächste Position habe, was die Kapitalisierung angeht.

Analysten der Forschungsgruppe Autonomous schätzen, dass BBVA 13 Prozent seines materiellen Buchwertes in Wertberichtigungen und entgangenen Gewinnen kosten würde, wenn die Bank aus ihrem Türkei-Geschäft aussteigt. Sie sagen, ein solcher Schritt würde die niederländische Bank ING neun Prozent, UniCredit acht Prozent und BNP Paribas acht Prozent ihres materiellen Buchwertes kosten.

Ein Risiko für türkischen Firmen stellen die Konsortialkredite dar. Konsortialkredite werden von mehreren Banken gemeinsam gewährt. Nach Angaben von Bloomberg Intelligence haben türkische Firmen seit dem Jahr 2010 Konsortialkredite in Höhe von umgerechnet 83 Milliarden Dollar aufgenommen. 64 Prozent dieser Kredite sind Dollar-Kredite. Allerdings halten sich mittlerweile internationale Banken mit der Vergabe von Konsortialkrediten an türkische Firmen zurück, so Bloomberg.