„Das System der Sparkassen und Genossenschaftsbanken steht unter Beschuss“

 

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29.05.2019 17:02
Das kleinteilige und dezentrale Bankensystem ist eine wichtige Säule für die Schaffung von Wohlstand, sagt der Ökonom Richard Werner. Wird es durch wenige Großbanken ersetzt, gerät die Volkswirtschaft ins Straucheln.
„Das System der Sparkassen und Genossenschaftsbanken steht unter Beschuss“
Richard A. Werner. (Quelle: University of Southampton)

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Für den Ökonomen Richard Werner ist nicht das Geldsystem an sich ein Problem, sondern die Politik der EZB. Diese ziele unter anderem auf eine Abwicklung der Genossenschaftsbanken und Sparkassen ab, welche durch die Vergabe von Firmenkrediten maßgeblich zur Schaffung von Wohlstand beitragen, sagt er im Interview.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Zunächst eine grundsätzliche Frage: Was ist Geld?

Richard Werner: Die heute dominante, in England und den USA entwickelte Volkswirtschaftslehre, hat zum Zweck, die wahren volkswirtschaftlichen Zusammenhänge zu vertuschen, damit die Bevölkerung nicht versteht, wie die Wirtschaft funktioniert, und welche Art von Finanzsystem am Besten für die Allgemeinheit ist – denn die Finanzoligarchen wollen sicherstellen, dass das System hauptsächlich ihren viel engeren Interessen nutzt. In dieser offiziellen Ökonomik wird behauptet, dass Geld zu kompliziert sei, um es verstehen zu können. Daher sei es besser, Geld und natürlich auch die Banken ganz aus den ökonomischen Modellen und Theorien herauszulassen.

Die wahren Tatsachen sind einfach. Geld ist unser Zahlungsmittel. Es kann ökonomisch relativ genau definiert werden, da heutzutage de facto all unser Geld durch Bankkreditschöpfung entstanden ist. Selbst die 3 Prozent Bargeld sind durch Bankkreditschöpfung in Umlauf gekommen, auch wenn hier die Zentralbank eine Rolle spielte. Das Verhalten der Banken wird durch die Zentralbank und Bankregulatoren bestimmt, und daher auch die Schöpfung und Verteilung des Geldes. Die Schöpfung und Verteilung des Geldes bestimmt wiederum wieviel Wirtschaftswachstum wir haben werden, sowie wer die Gewinner und wer die Verlierer sein werden, ob und wann wir Finanzblasen und Bankenkrisen mit Arbeitslosigkeit haben werden und wann stabiles und hohes Wachstum erlaubt ist.

Betrachten wir die Resultate, dann ist es klar, dass die EZB eine Katastrophe für Europa war und ist. Leider traut sich niemand, die Europäische Zentralbank zu kritisieren und wirkungsvolle Maßnahmen einzuleiten, ihre kriminelle Geldpolitik zu beenden. (Es darf ja gesetzlich auch kein Staatsanwalt oder Richter Zugang zur EZB, ihren Unterlagen oder ihren Mitarbeitern bekommen). Daher sieht es leider sehr schlecht aus für Europa, insbesondere für Deutschland, wo nach der Immobilienblase als nächstes eine künstlich erzeugte Bankenkrise ansteht, durch die die Genossenschaftsbanken und Sparkassen, welche das große Geheimnis des phänomenalen deutschen Wirtschaftserfolges in den letzten 200 Jahren sind, endlich abgeschafft werden sollen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welcher Zusammenhang besteht zwischen Geld und Schulden?

Richard Werner: Geldschöpfung findet durch Verschuldung bei Banken statt. Das bedeutet, dass Verschuldung bei Banken nicht das Ausleihen von Geld darstellt, sondern die Schaffung von neuem Geld. Wer sich also bei Banken verschuldet, dem wird erlaubt, ganz neu geschaffenes Geld zu erhalten, das niemandem sonst weggenommen wurde und für das niemand auf sein eigenes Geld verzichten musste. Wie Sie sehen ist das natürlich ein sehr nützliches und praktisches Privileg, aber nur dann gutzuheißen, wenn dieses neu geschaffene Geld für produktive Zwecke verwendet wird. Am produktivsten ist der Firmenkredit an kleine und mittelständische Unternehmen, um Produktion und Dienstleistungen auszubauen, neue Technologien umzusetzen und Produktivität zu erhöhen, was praktisch immer zur Schaffung von wertvollen Arbeitsplätzen und allgemeinem Wohlstand führt. In der Vergangenheit wurde dies in Deutschland dadurch sichergestellt, dass die Genossenschaftsbanken und Sparkassen den dominanten Teil des deutschen Banksystems darstellten, lokal für produktive Zwecke neues Geld schufen und den kleinen Firmen zur Verfügung stellten. Firmenkredit an kleine Firmen schafft die meisten Arbeitsplätze und sichert stabiles Wachstum ohne Krisen und ohne Inflation.

Großbanken vergeben kaum Kredite an kleine Firmen, sondern schöpfen lieber Geld, um es den Finanz-Spekulanten zu geben, was Finanzkrisen und Rezessionen schafft. Durch die daraus entstehenden Wirtschaftszyklen kann sich auch die kleine Gruppe von Zentralplanern an den Zentralbanken und verbündete Finanz-Oligarchen noch mehr Macht verschaffen. Daher förderten Zentralbanken in den letzten 50 Jahren fast überall die Schaffung von großen Zyklen und Krisen.

Zinsen sind eine Transferzahlung an die Banken, für ihre Dienstleistungen. Bei produktiven Banken, die der Bevölkerung beste Dienste leisten, wie den Genossenschaftsbanken und Sparkassen, ist der Zins, in Maßen, gerechtfertigt, da diese Banken sonst nicht weiter bestehen können. Daher hat ja die EZB die Zinsen auf Null oder sogar in den negativen Bereich gesenkt, damit die produktiven Kleinbanken kaputt gehen, und nur die großen Spekulationsbanken überleben, für die der Niedrigzins kein Problem ist, da sie hauptsächlich Kredit an Spekulanten vergeben, die damit Finanz- und Immobilienblasen schaffen. Doch damit ist die nächste Bankenkrise vorprogrammiert, so wie die Zentralplaner es gerne möchten.

Inflation entsteht nur, wenn Geld, d.h. Kreditschöpfung für unproduktive Zwecke stattfindet, also Konsumkredit und Finanzkredit. Diese stellen die Schöpfung von neuem Geld dar, mit dem man bereits existierende Werte kauft. Das führt zu Konsumentenpreisinflation bzw. Finanzwerteinflation. Im Gegensatz dazu führt produktive Geldschöpfung, wie der oben dargestellte Firmenkredit der Genossenschaftsbanken und Sparkassen an innovative Kleinunternehmen, die neue Technologien umsetzen usw. nicht zu Inflation, und auch nicht zu Bankenkrisen, da die Wertschöpfung für Einkommensströme sorgt, mit denen man den Kredit bedienen und tilgen kann. Ferner werden Arbeitsplätze und meist ganze Nachfrageketten geschaffen. Beim Spekulationskredit läuft es nur gut, und man finanziert ihn weiter durch Vermögenswertgewinne, solange immer mehr Spekulationskredit vergeben wird, der immer weiter die Vermögenswerte hochtreibt: Ein Pyramidensystem, das zur Bankenkrise und Rezession führen muss. Aber das wissen die Zentralbanker am besten, daher ist diese Art Kredit so beliebt bei ihnen. Ich erklärte all dies bereits im Jahre 1992, und warnte vor dem Zusammenbruch des japanischen Banksystems und einer historischen Wirtschaftskrise aus diesen Gründen – zu einem Zeitpunkt, zu dem die größten 10 Banken der Welt alle japanisch waren und die Experten rieten, nun besonders viel in japanische Aktien zu investieren. Ich stellte damals meine Quantitätstheorie des Kredits vor (und kurz darauf, auf ihr basierend, meinen Vorschlag zur verbesserten Zentralbankpolitik nach Bankenkrisen, den ich „quantitative Lockerung“ nannte; im Gegensatz zur späteren Umsetzung durch viele Zentralbanken schließt er Nullzinspolitik aus und führt auch nicht zur weiteren Blasenbildung).

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Konsequenzen ergeben sich aus dem Schuldgeldsystem?

Richard Werner: Unser Geldsystem per se ist kein Problem. Die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Konsequenzen hängen davon ab, wie der Bankensektor beschaffen ist. Wenn es 1700 Banken gibt, wie vor Kurzem noch in Deutschland, von denen über 1500 nicht profit-orientierte genossenschaftliche und gemeinnützige Banken sind, die Kleinkredite vor Ort an kleine Firmen für produktive Zwecke vergeben, dann ist dies ein geniales Geldsystem, das zu sehr viel Wohlstand, Stabilität, Einkommens- und Vermögensgleichheit, ohne Inflation und ohne Krisen führt, wobei das Wirtschaftswachstum sehr hoch sein kann (10 bis 15 Prozent pro Jahr sind kein Problem, wenn von der Zentralbank nicht abgewürgt, wie dies in Ostasien über Jahrzehnte praktisch belegt wurde).

Wenn aber das Banksystem aus nur 5 Großbanken besteht, die hauptsächlich unproduktive Kreditschöpfung für den Kauf von existierenden Vermögenswerten vergeben, dann gibt es Ungleichheit, große Wirtschaftszyklen, Blasen und Krisen, Inflation und Deflation, Arbeitslosigkeit, aber auch viel mehr Möglichkeiten für die Zentralplaner, die Bevölkerung auszunehmen. So ist das in Großbritannien der Fall, wo der unabhängige Kleinstaat mit Namen „City of London Corporation“ – ein Staat unter der Kontrolle der Großbankoligarchen – das Sagen hat.

Daher sehen Sie, welches System man nun auch in Deutschland einführen möchte, und welche Konsequenzen dies haben wird.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Ist das bestehende Geldsystem langfristig überlebensfähig?

Richard Werner: Ja, sehr gut sogar, wie Deutschland in den letzten 200 Jahren zeigte. Zyklen kann man wie gesagt vermeiden, wenn man ein dezentrales, kleinteiliges Banksystem hat, das wie in Deutschland in der neueren Vergangenheit viele Genossenschaftsbanken und Sparkassen aufweist, die im Ganzen 70 Prozent aller Einlagen ausmachten, 80 Prozent aller Banken und über 90 Prozent des Kredits an kleine Firmen. Zentralbanken braucht man dann gar nicht, denn ihre Zielsetzung der Schaffung von Zyklen widerspricht der Zielsetzung des dezentralen deutschen Banksystems. Die Bundesbank war die große Ausnahme, denn sie wusste um die Leistungen der Genossenschaftsbanken und Sparkassen, leistete gute Arbeit und förderte den produktiven Investitionskredit. Daher wurde sie de facto abgeschafft als die EZB eingeführt wurde.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Erwarten Sie infolge der nächsten Finanzkrise eine Abschaffung bzw. starke Zurückdrängung des Bargeldes?

Richard Werner: Ja. Die Finanzoligarchen, wie z.B. der ehemalige GoldmanSachs Banker Mario Draghi, wollen Banken abschaffen – insbesondere in Deutschland. Dies hat er übrigens offiziell erklärt – und ich bin immer noch empört, dass sich die deutsche Politik, die Wirtschaft, die Unternehmer, die Mitglieder der Genossenschaftsbanken und die Kunden der Sparkassen – wir sprechen hier praktisch von allen Deutschen – nicht geschlossen gegen die EZB wehren und ihre für Deutschlands Wirtschaft lebensnotwendigen Genossenschaftsbanken und Sparkassen nicht tatkräftig verteidigen.

Mit der Abschaffung der Banken will man natürlich auch das deutsche System des öffentlichen Geldes abschaffen, welches Dank der Sparkassen und Genossenschaftsbanken vor Ort Geld schuf und an kleine produktive Betriebe verteilte, die dann viele Arbeitsplätze und stabiles, nachhaltiges Wachstum schafften. Die Zentralplaner wollen auch das Bargeld abschaffen, damit sie dann noch viel krassere Negativzinsen einführen können, und die vielen deutschen Kleinbanken damit ganz aus dem Geschäft vertreiben können durch eigentlich unnötige neue Fusionen. Es soll in Deutschland dann nur noch eine Großsparkasse und eine Großvolksbank geben, die aber dann bald zur Großvolkssparkasse fusionieren soll. Da freuen sich die korrupten Zentralplaner und Großfunktionäre schon drauf.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Ließe sich das Geldsystem im Sinne einer größeren sozialen Gerechtigkeit reformieren?

Richard Werner: Um größere soziale Gerechtigkeit in Deutschland zu erhalten, und die anstehende weitere große Sozialungerechtigkeit zu verhindern, muss man in Deutschland nicht das Geldsystem reformieren, sondern die Bankenaufsicht, welche durch die EZB durchgeführt wird. Ich warnte in meinem Buch „Princes of the Yen“ bereits im Jahre 2003, dass die neugeschaffene EZB massive Bankkreditblasen, und damit Finanz- und Immobilienblasen erzeugen werden würde, gefolgt von Bankenkrisen, Rezessionen, Massenarbeitslosigkeit und großangelegten Veränderungen der Entscheidungsstrukturen und der Gesellschaft überhaupt. Genau dies fand ab 2004 statt, indem die EZB die Bankkreditschöpfung in Irland, Portugal, Spanien und Griechenland in unvorstellbarem Maße ausweitete, was danach wie erwartet zu Bankenkrises und Wirtschaftskrisen mit Massenarbeitslosigkeit führte – wobei wieder die EZB, wie ich erwartete, alle möglichen Maßnahmen unterließ, diese Krisen kostenfrei und schnell zu beenden. Dies war leider erst Phase I. Seit 2009 warnte ich davor, dass Phase II Deutschland gewidmet ist, das seither eine durch die EZB geschürte Immobilienblase erlebt.

Also, für größere soziale Gerechtigkeit muss man nur die EZB abschaffen, und damit ihre katastrophale Geldpolitik, nicht aber das Geldsystem. In Deutschland besteht das Geldsystem aus guten Genossenschaftsbanken und Sparkassen, und daher hatten wir ja in Deutschland schon über ein Jahrhundert echtes Volksgeld, vor Ort für das Volk geschaffen. Das soll natürlich schnellstens abgeschafft werden, daher fördern die Zentralplaner seit etwa 2009 auch die sogenannten ‚Geldreform‘-Bewegungen, welche von den Finanzoligarchen Geldmittel und auch Know-How erhalten und in den Medien gefeiert werden. Finden Sie es nicht erstauntlich, dass gerade heute, wo zum ersten Mal mehr Menschen erfahren, dass die Geldmenge von Banken geschaffen wird, wir sofort mit der einzigen Lösung konfrontiert werden: Die Bankkreditschöpfung so schnell wie möglich abzuschaffen. Also, wir sollen tatsächlich glauben, dass Zentralbanken erst heute, ganz plötzlich festgestellt haben, dass die Geldmenge durch Bankkredit geschaffen wird, und dann sollen wir diesen „Experten“, die uns Jahrzehnte Märchen erzählt haben, sofort wieder Glauben schenken, wenn Sie uns nun den Rat geben, Bankkreditschöpfung so schnell wie möglich abzuschaffen. Tatsächlich ist es so: Jetzt, wo die Bevölkerung beginnt, zu verstehen, wie der Hase läuft, und wie wichtig das deutsche Genossenschaftsbanken- und Sparkassenwesen ist, da will man es schnellstens abschaffen, um alle Geldschöpfungsgewalt und Entscheidungsgewalt über die Verteilung des neuen Geldes in die weise Hand der Zentralplaner an der EZB abzugeben, die am besten wissen, was gut für uns ist.

Info zur Person: Professor Dr. Richard A. Werner ist Lehrstuhlinhaber für Banking und Finance und lehrt an der De Montfort Universität in Großbritannien, der Fudan Universität in Schanghai und der Universität von Winchester. Von 2011 bis 2019 war er Mitglied des EZB-Schattenrates. Er ist Aufsichtsratsvorsitzender der Local First Community Interest Company, die nach deutschem Vorbild Lokalbanken gründet. Sein Vorschlag der „Quantitativen Lockerung“ wurde von vielen Zentralbanken aufgegriffen. Werner war mit seinem 2001 veröffentlichten Buch „Princes of the Yen – Japan’s Central Bank and the Transformation of the Economy“ (auf Englisch 2003 erschienen) sowie seinem 2003 erschienenen Buch „New Paradigm in Macroeconomics“ (auf Englisch 2005 erschienen) ein Bestseller-Autor in Japan. In seinem 2007 erschienenen Buch „Neue Wirtschaftspolitik“ (München: Vahlen Verlag) warnte er vor den „wiederkehrenden Ban-kenkrisen“ und schlug Wege vor, Kredit- und Vermögenswerteblasen zu vermeiden und nach deren Zerplatzen ohne Kosten für die Steuerzahler die Krisen zu beenden. Er kann unter www.professorwerner.org erreicht werden.



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