Finanzen

Meinung: Reflexartige Reaktionen der EZB sind das Letzte, was jetzt gebraucht wird

Der EZB-Zinsentscheid steht an: Zwischen Inflationsrisiken und Konjunktursorgen muss die Europäische Zentralbank einen schmalen Grat gehen. Die Vergangenheit mahnt zur Vorsicht, die Gegenwart verlangt Entscheidungen. Doch wie reagiert man richtig auf volatile Energiemärkte, ohne neue Schäden zu verursachen?
19.03.2026 11:46
Aktualisiert: 19.03.2026 11:46
Lesezeit: 4 min
Meinung: Reflexartige Reaktionen der EZB sind das Letzte, was jetzt gebraucht wird
Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt: Spannung vor dem EZB-Zinsentscheid. (Foto: dpa) Foto: Florian Wiegand

EZB-Zinsentscheid: Nervöse Märkte stellen EZB vor nächste Bewährungsprobe

Wird die Europäische Zentralbank diesen Moment potenzieller Gefahr richtig einschätzen und die richtige Entscheidung bei den Zinsen treffen?

Das ist die Frage, die nun über der EZB schwebt, während die Märkte zwischen Selbstzufriedenheit und Panik hin- und herschwanken. Für eine Institution, die den Konjunkturzyklus mitunter falsch getimt hat, ist dies ein weiterer Test – nicht nur der Geldpolitik, sondern vor allem des Urteilsvermögens. Beobachter der Frankfurter Notenbank werden bis zur nächsten Sitzung des EZB-Rats am Donnerstag die Nerven behalten müssen. Welche Aussagen werden die maßgeblichen Entscheidungsträger zu den Auswirkungen der aktuellen Turbulenzen auf den Öl- und Gasmärkten treffen – und zur Frage, ob sich diese in breiterem Preisdruck niederschlagen? Ian Guider, Finanzjournalist beim irischen DWN-Partnerportal Businesspost, hat dazu eine ganz eigene Meinung.

Energiepreise drehen Erwartungen an die EZB komplett

Der Einlagensatz der EZB liegt seit Juni vergangenen Jahres bei 2 Prozent, da die Inflation im Bereich des Zielwerts von nahe 2 Prozent verharrt. Bis zum Ausbruch des Krieges gegen Iran hatten die Märkte für dieses Jahr weitere Zinssenkungen eingepreist. Diese Erwartungen haben sich in den vergangenen Wochen jedoch umgekehrt: Händler rechnen nun mit Zinserhöhungen, sobald steigende Energiepreise den Inflationsdruck bei Verbrauchern und Unternehmen erhöhen.

Rohstoffhändler oder verärgerte Autofahrer, die sich über hohe Dieselpreise beschweren, sind jedoch kein verlässlicher Maßstab für geldpolitische Entscheidungen. Eine Reaktion auf kurzfristige Kostenanstiege kann mehr wirtschaftlichen Schaden anrichten als verhindern. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt zudem, dass die EZB im ungünstigsten Moment falsche Entscheidungen treffen kann.

Trichets Fehlgriff mitten in der Finanzkrise

Im Spätsommer 2008 erhöhte sie unter dem damaligen Präsidenten Jean-Claude Trichet überraschend die Zinsen um 25 Basispunkte – just zu einem Zeitpunkt, als das Finanzsystem bereits zu kollabieren begann. Unabhängig von der damaligen Begründung zur Inflationsbekämpfung war dies eine Fehlentscheidung in einer Phase, in der Europa Stabilität dringend benötigt hätte.

Es dauerte fast vier Jahre bis zu Mario Draghis „Whatever it takes“-Moment, mit dem er durch eine Kombination aus Nullzinspolitik und quantitativer Lockerung den Euro rettete – deutlich später als andere Zentralbanken, die bereits auf die Banken- und Staatsschuldenkrise reagiert hatten.

Nachdem die EZB einst zu früh gehandelt hatte, reagierte sie später – wie viele andere Zentralbanken – zu spät auf eine tatsächliche Inflationsspirale, als die Welt nach der Pandemie in eine Energie- und Lieferkettenkrise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine geriet. Damals ging man vielerorts davon aus, dass die hohe Inflation nur vorübergehend sei und sich mit dem Abklingen kurzfristiger Belastungen auch ohne Zinserhöhungen wieder normalisieren würde.

Diese Einschätzung erwies sich als eklatant falsch. Die Inflation im Euroraum stieg Ende 2022 auf einen Rekordwert von 10,6 Prozent. Der EZB-Rat reagierte verspätet mit einer Serie von Zinserhöhungen und hob den Einlagensatz bis Mitte 2023 rasch auf 4 Prozent an.

Militärstrategie statt Ökonomie? EZB im Krisenmodus

Welche Signale sendet die EZB nun für ihren weiteren Kurs? In den kommenden Monaten ist mit einem Anstieg der Preise zu rechnen. Kann die Notenbank damit leben? Möglicherweise muss die EZB bei ihrer Lageeinschätzung eher wie ein Militärstratege als wie ein klassischer Ökonom denken. Entscheidend ist, ob die aktuellen Marktbewegungen lediglich eine temporäre Reaktion auf die Ereignisse im Iran darstellen.

Trotz der anfänglichen Panik nach Kriegsbeginn hat sich der Ölpreis bei etwa 100 Dollar pro Barrel stabilisiert. Terminmärkte deuten darauf hin, dass er in den kommenden Monaten wieder in Richtung 70 Dollar sinken könnte. Dieses Niveau wäre für Zentralbanken kurzfristig verkraftbar. Doch drohen nachhaltigere Folgen? Könnte es zu einer deutlichen Verknappung von Öl- und Gasangebot kommen, mit entsprechenden Versorgungsengpässen, die Preise und Löhne nach oben treiben? In einem solchen Szenario wären geldpolitische Gegenmaßnahmen wahrscheinlich.

Allerdings bestehen auch dann Risiken. Die Transmission geldpolitischer Maßnahmen wirkt zeitverzögert – bis zu einem Jahr kann vergehen, bis sich Zinsschritte vollständig in der Realwirtschaft niederschlagen. In dieser Zeit könnte das Wachstum im Euroraum, das 2025 mit 1,5 Prozent solide ausfiel (wenn auch durch Irlands überproportionales BIP verzerrt), erheblich gebremst werden. Zinserhöhungen könnten dann kontraproduktiv wirken und die Wirtschaft zusätzlich belasten – gerade in einer Phase, in der Haushalte und Unternehmen Unterstützung benötigen.

Lehren aus der Vergangenheit prägen aktuelle EZB-Zinsentscheidungen

Auf diesem schmalen Grat muss der EZB-Rat nun balancieren. Einige werden die Fehler der Jahre 2021 und 2022 im Blick haben, als Inflation und Energiepreisrisiken als vorübergehend unterschätzt wurden, und wollen eine Wiederholung vermeiden. Die EZB verfolgt traditionell ein klares Mandat der Preisstabilität – im Unterschied zu anderen Zentralbanken, die zusätzlich Wachstum und Beschäftigung berücksichtigen.

Der Fehler für Frankfurt wäre jetzt eine Überkorrektur: kurzfristige Preisschübe zu bekämpfen, die sich möglicherweise als temporär erweisen, und damit vergangene Fehlentscheidungen in neuer Form zu wiederholen. Handelt die EZB zu früh, riskiert sie Wachstumsverluste. Handelt sie zu spät, droht eine Entankerung der Inflationserwartungen.

Energieschocks haben die Eigenschaft, ebenso schnell zu verpuffen, wie sie entstehen. Sollte sich dies erneut bestätigen, würde eine verfrühte Straffung der Geldpolitik langfristige Schäden hinterlassen – mit gebremstem Wachstum und Arbeitsplatzverlusten. Die EZB muss hier nicht heroisch agieren. Sie muss umsichtig handeln. In unsicheren Zeiten besteht die beste Strategie oft darin, abzuwarten, die Lage genau zu beobachten und handlungsbereit zu bleiben – statt vorschnell die falsche Entscheidung zu treffen.

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