Tsuga: Digitale Souveränität, KI und die Zukunft der Observability-Daten
Ein Gespräch mit Gabriel-James Safar, CEO und Mitgründer von Tsuga, über die Suche nach dem Sinn des Lebens, japanische Kiefern und ein europäisches Start-up, das die IT-Infrastruktur im KI-Zeitalter revolutionieren will.
Vom Exit zur Neugründung
Deutsche Wirtschafts-Nachrichten (DWN): Herr Safar, Sie haben Ihr letztes Unternehmen 2018 erfolgreich an den Branchenriesen Datadog verkauft und dort anschließend vier Jahre in leitender Position gearbeitet. Wie fiel die Entscheidung, mit Tsuga noch einmal ganz von vorn anzufangen?
Gabriel-James Safar: Nach meiner Zeit bei Datadog habe ich mir zunächst ein Jahr Auszeit genommen, um über den Sinn des Lebens nachzudenken. Ich begann diese Reise mit einer Zugfahrt rund um die Ostsee. Den Sinn des Lebens habe ich dabei zwar nicht gefunden, aber mir wurde klar, dass ich gemeinsam mit meinem langjährigen Geschäftspartner Sébastien wieder etwas aufbauen wollte. Bei Datadog hatten wir erkannt, dass gerade die größten Kunden – die Tech-Giganten von heute und morgen – Probleme haben, die der Markt nicht ausreichend löst. Es geht um Governance, digitale Souveränität, Skalierbarkeit und die Vermeidung von Lock-in-Effekten bei Cloud-Anbietern. Deshalb haben wir Tsuga gegründet.
Warum Tsuga?
DWN: Der Name Tsuga sticht heraus. Hat er eine besondere Bedeutung?
Safar: Ja, absolut. Tsuga ist eine Familie von Kiefernbäumen, die vor allem in Japan und in der Region um Seattle wachsen. Meine Frau ist Japanerin, deshalb gefiel mir die Idee, diese persönliche Verbindung und Erinnerung im Firmennamen festzuhalten. Außerdem besitzt dieses Holz hervorragende Eigenschaften, um daraus Dinge zu bauen. Es ist enorm anpassungsfähig – genau wie wir als Unternehmen, das Organisationen dabei unterstützen will, ihre Systeme so aufzubauen, wie sie es möchten.
Observability einfach erklärt
DWN: Können Sie meiner Großmutter in zwei oder drei Sätzen erklären, was genau Ihr Produkt macht?
Safar: Ich versuche es: IT-Systeme sind heute extrem komplex und riesig. Um zu verstehen, ob sie richtig funktionieren, müssen wir gigantische Mengen an Daten sammeln – das nennt man Observability. Unsere Aufgabe ist es, diese Daten zu sammeln, zugänglich zu machen und ihnen einen Sinn zu geben, damit Ingenieure erkennen, ob ein System läuft, wo Fehler liegen oder wie sie es günstiger und schneller machen können. Das Wichtigste für Ihre Großmutter ist dabei: In diesen Daten stecken alle Geheimnisse einer Firma – E-Mail-Adressen, Kreditkartennummern, Sicherheitstoken. Unsere Innovation besteht darin, dass Firmen diese Daten nicht mehr an uns schicken müssen, sondern sie in ihrer eigenen Infrastruktur behalten.
KI verändert die Datenflut
DWN: Sie nennen das "AI-Native Resilient Observability" und verfolgen einen "Bring your own Cloud"-Ansatz. Warum ist das gerade jetzt, im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, so wichtig?
Safar: Weil das alte Modell nicht mehr funktioniert. Jahrzehntelang haben Anbieter die Telemetriedaten ihrer Kunden in die eigenen Clouds gezogen. Doch durch KI, autonome Agenten und Token-Interaktionen explodieren die Datenmengen. Jeder Kunde, mit dem wir sprechen, zahlt heute mehr für Observability als noch vor zwei Jahren und erhält dafür eine schlechtere Abdeckung. Bei Tsuga installieren wir unsere Plattform direkt im Cloud-Konto des Kunden – egal ob AWS, Azure oder Google Cloud. Die Daten verlassen niemals die Umgebung des Kunden. Das bedeutet: Es entstehen keine doppelten Infrastrukturkosten, es gibt keine erzwungenen Stichproben mehr, und regulatorische Vorgaben wie die DSGVO lassen sich mühelos einhalten.
Vertrauen durch Kontrolle
DWN: Sie haben namhafte Kunden wie das deutsche KI-Start-up Black Forest Labs, Camunda, aber auch Le Monde und Buk gewonnen. Wie baut man als junges Start-up so viel Vertrauen auf, dass diese Firmen Ihnen ihre kritischsten IT-Infrastruktur-Daten anvertrauen?
Safar: Der Clou ist: Durch unser Modell brauchen wir deutlich weniger Vertrauen als traditionelle Anbieter. Wir bitten unsere Kunden, ein isoliertes Konto in ihrer Cloud anzulegen und uns nur minimale Zugriffsrechte einzuräumen, damit wir unser System dort ausrollen können. Ihre Sicherheitsteams können jeden unserer Schritte überprüfen. Sie behalten jederzeit die volle Kontrolle und können uns im Zweifel sofort den Stecker ziehen – und besitzen trotzdem weiterhin sämtliche Daten.
Europas Weg zur digitalen Souveränität
DWN: Das spielt massiv in das Thema der digitalen Souveränität hinein, über das in Europa gerade viel diskutiert wird. Sehen Sie eine Chance, dass Europa in den nächsten fünf Jahren hier unabhängiger wird?
Safar: Das hoffe ich sehr. Wir haben Tsuga ganz bewusst als europäisches Unternehmen mit Sitz in Paris gegründet. Das Know-how ist definitiv vorhanden. Allerdings stehen wir in Europa vor kulturellen und strukturellen Hürden. Die Verkaufszyklen sind deutlich länger als in den USA. Außerdem bräuchten wir dringend standardisierte europäische Gesetze, etwa einfachere Möglichkeiten, Mitarbeiter über Ländergrenzen hinweg einzustellen, oder kürzere Kündigungsfristen. Wenn jemand drei Monate Kündigungsfrist hat, bremst das ein schnell wachsendes Start-up enorm aus. Und schließlich fehlt uns in Europa etwas Vergleichbares zum amerikanischen "FedRAMP"-Protokoll – ein Zertifizierungssystem für Software, das vorschreibt, dass bei hochsensiblen Regierungsaufträgen nur lokale Unternehmen mit lokalem Personal den Code anfassen dürfen. So etwas würde den europäischen Tech-Sektor massiv beflügeln.
Fehlt Europa wirklich Kapital?
DWN: Am Geld scheint es jedenfalls nicht zu scheitern. Sie haben gerade erfolgreich eine Series-A-Finanzierungsrunde über 35 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Angeführt von Singular, mit Beteiligungen von General Catalyst, DST Global, Quantumlight, Picus und Databricks Ventures. Fehlt Europa also gar nicht an Venture Capital?
Safar: In den frühen Phasen, also bei Schecks bis zu 20 oder 50 Millionen Euro, verfügen wir über ein großartiges europäisches VC-Ökosystem. Das Kapital ist vorhanden. Das eigentliche Problem entsteht später: Wie bringen wir unsere großartigen Firmen – unsere "Unicorns" – hier an die Börse, ohne dass sie im Vergleich zu den USA beim Unternehmenswert abgestraft werden? Genau dort klafft eine Lücke.
Wachstum trotz KI
DWN: Mit den 35 Millionen im Rücken: Wie sehen die Pläne für Tsuga im kommenden Jahr aus?
Safar: Wir wollen unser Team von derzeit etwa 40 auf über 100 Mitarbeiter vergrößern. Dabei planen wir, unser Engineering-Team zu verdreifachen. Außerdem bauen wir den Vertrieb in Europa, den USA und im asiatisch-pazifischen Raum aus. Ganz wichtig ist uns auch die Rekrutierung sogenannter "Forward Deployed Engineers" – Ingenieure, die direkt bei den Kunden vor Ort arbeiten und die Observability-Umgebungen kontinuierlich optimieren. Das ist Software kombiniert mit Dienstleistung – das neue SaaS, also "Software as a Service".
DWN: Sie stellen 100 Leute ein, sind aber gleichzeitig "AI-native". Es heißt doch oft, KI würde Arbeitsplätze vernichten. Wie passt das zusammen?
Safar: KI ist für uns ein unglaublicher Beschleuniger. Unsere Softwareentwickler arbeiten dank KI heute wahrscheinlich dreimal schneller als noch vor zwei Jahren. Aber in unserer Branche gibt es noch so unendlich viel zu bauen. Selbst wenn wir durch KI doppelt so schnell werden, müssen wir trotzdem ohne mit der Wimper zu zucken 100 Leute einstellen, um all unsere Ideen umzusetzen. In unserem Produkt nutzen wir GenAI, damit Agenten die Grundursachen von IT-Problemen in den riesigen Datenmengen selbstständig finden. Wir schreiben aber niemandem eine bestimmte KI vor. Über unseren eigenen MCP-Server und unsere Schnittstellen können Entwicklerteams einfach ihre eigenen KI-Agenten mitbringen und einsetzen – und das alles sicher innerhalb ihrer eigenen Umgebung.
DWN: Herr Safar, herzlichen Dank für das spannende Gespräch.
ZUR PERSON: Gabriel-James Safar
Gabriel-James Safar ist der 37-jährige CEO und Mitgründer von Tsuga. Der erfahrene Tech-Unternehmer baute zuvor bereits zwei Start-ups auf, von denen das zweite im Jahr 2018 erfolgreich vom Software-Giganten Datadog übernommen wurde. Nach vier Jahren bei Datadog nahm sich Safar eine einjährige Auszeit, in der er unter anderem mit dem Zug die Ostsee umrundete, bevor er Tsuga gründete. Safar ist mit einer Japanerin verheiratet, was auch die Inspiration für den Firmennamen – eine anpassungsfähige japanische Kiefernart – lieferte.
ZUR FIRMA: Tsuga
Das 2024 in Paris gegründete Start-up Tsuga ist ein Pionier für "AI-Native Resilient Observability". Mit seinem "Bring your own Cloud"-Ansatz installiert das Unternehmen seine Plattform direkt in der Cloud-Umgebung der Kunden (AWS, Azure, GCP), sodass sensible Telemetriedaten das Unternehmen niemals verlassen. Dadurch ermöglicht Tsuga die sichere Nutzung von KI-Agenten, senkt Infrastrukturkosten deutlich und löst Datenschutzprobleme. Kürzlich sicherte sich das Unternehmen eine Series-A-Finanzierung über 35 Millionen US-Dollar, um auf über 100 Mitarbeiter zu wachsen. Zu den namhaften Kunden zählen unter anderem Black Forest Labs, Camunda und Le Monde.

