Kospi-Index verliert innerhalb eines Monats fast 40 Prozent
Eine 60-jährige Einwohnerin von Seoul musste erkennen, dass Aktienkurse auch fallen können, schrieb die "Financial Times" mit einem leicht spöttischen Unterton. Vor einigen Monaten verbuchte sie auf dem Papier noch einen Gewinn von 200.000 Dollar. Inzwischen liegt ihr Depot mehr als 60 Prozent im Minus. Das berichten unsere Kollegen von Finance.si.
Der südkoreanische Kospi-Index hatte sich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Verantwortlich dafür waren vor allem Unternehmen, die vom Boom bei Halbleitern für künstliche Intelligenz profitierten. Seit Ende Juni ist die Geschichte von spektakulären Kursgewinnen und der Gier vieler einheimischer Anleger jedoch zusammengebrochen.
Südkoreanische Medien zitieren anonyme Beiträge betroffener Anleger: "Soll ich verkaufen oder kaufen? Ich möchte einfach nur mein investiertes Geld zurückbekommen."
"Jedes Mal, wenn mich meine Handels-App über eine neue Mitteilung informiert, bereite ich mich auf weitere schlechte Nachrichten vor. Mir kommen schon die Tränen."
"Ich habe die Hälfte meines eingesetzten Geldes verloren. Mein Herz rast, und ich kann nicht arbeiten."
"Wenn ich dieses Mal noch herauskomme, werde ich nie wieder in Aktien investieren."
Manche Anleger in Europa dürften sich bei diesen Aussagen an frühere Börsenblasen erinnert fühlen. In Slowenien platzte vor gut eineinhalb Jahrzehnten die Spekulationsblase an der Börse von Ljubljana und bescherte zahlreichen Privatanlegern hohe Verluste.
Vom großen Gewinn in die Schuldenfalle
Bereits 2025 legte der Kospi-Index um 75 Prozent zu. Dafür sorgten vor allem Chiphersteller wie SK Hynix und Samsung Electronics. Die erste Phase des Aufschwungs trieben überwiegend ausländische Investoren an. Während diese bereits begannen, ihre Gewinne mitzunehmen, sprangen 2026 immer mehr südkoreanische Privatanleger auf den Börsenzug auf. Die Zahl der aktiven Wertpapierkonten von Privatpersonen in Südkorea näherte sich 110 Millionen. Damit entfielen rechnerisch etwa zwei Depots auf jeden Einwohner des Landes.
Auch die Politik und die Finanzaufsicht trugen zur Euphorie bei. Noch im Mai genehmigte die zuständige Regulierungsbehörde 16 börsengehandelte Indexfonds, sogenannte ETFs, die an die Aktien von Samsung Electronics und SK Hynix gekoppelt sind. Viele Menschen investierten nicht nur ihre gesamten Ersparnisse an der Börse. Sie nahmen zusätzlich umfangreiche Kredite bei Wertpapierhäusern und Banken auf. Die südkoreanische Zentralbank warnt deshalb bereits vor einer zunehmenden Verschuldung der privaten Haushalte.
Die Regierung kündigte an, im Oktober die landesweit einheitliche Telefonnummer 1375 einzuführen. Überschuldete Menschen sollen dort Beratung und Unterstützung erhalten. Besonders stark scheinen junge Anleger von den Verlusten betroffen zu sein. Darauf deuten Berichte in sozialen Netzwerken und Veröffentlichungen internationaler Medien hin. "Sie begannen, gehebelte ETFs als eine schnelle und einfache Möglichkeit zum Geldverdienen zu betrachten", erklärte ein Fondsmanager gegenüber der "Financial Times".
Reuters berichtete über einen 24-jährigen Anleger, der eine Wohnung kaufen möchte. Um das notwendige Kapital zusammenzubekommen, investierte er mit einem fünffachen Hebel. Angeblich gehörten 62 Prozent der liquidierten Konten Menschen unter 35 Jahren. Diese Zahl ist allerdings nicht bestätigt.
Kospi-Index als Warnung für deutsche Anleger
Was sehr schnell steigt, fällt häufig ebenso schnell. Euphorisches Verhalten an den Finanzmärkten lässt Spekulationsblasen entstehen. Solche Blasen können jedoch jederzeit platzen. Derselbe Mechanismus, der die Kurse während eines Aufschwungs zusätzlich nach oben treibt, wirkt bei einer Trendwende in die entgegengesetzte Richtung. Gehebelte Finanzprodukte verstärken dabei nicht nur Gewinne, sondern auch Verluste.
Der südkoreanische Aktienmarkt zeigt beispielhaft, wie sich Begeisterung innerhalb weniger Wochen in Panik verwandeln kann. Anleger, die erst spät in einen solchen Boom einsteigen, bleiben bei einem Kurseinbruch meist auf den höchsten Verlusten sitzen. Der Absturz des Kospi-Index bietet deshalb auch deutschen Privatanlegern eine wichtige Lektion. Auch in Deutschland können Anleger über ETFs, Derivate und andere Produkte auf einzelne Aktien oder ganze Branchen setzen. Je stärker ein Depot auf wenige Technologiewerte oder einen einzigen Zukunftstrend konzentriert ist, desto größer wird das Verlustrisiko bei einer plötzlichen Stimmungswende. Besonders gefährlich ist es, Aktien mit geliehenem Geld zu kaufen. Aktien zählen bereits grundsätzlich zu den risikobehafteten Wertpapieren. Wer zusätzlich Kredite oder Hebelprodukte einsetzt, kann nicht nur sein investiertes Kapital verlieren, sondern darüber hinaus Schulden anhäufen.
Der Kospi-Index zeigt damit, dass hohe Renditeversprechen und spektakuläre Kursgewinne niemals ohne entsprechendes Risiko entstehen. Anleger sollten ihr Kapital breit streuen, die Funktionsweise komplexer Produkte verstehen und nur Geld investieren, dessen Verlust sie finanziell verkraften können.

