Politik

Westen rüstet weiter auf: Nato plant Ausbau der atomaren Abschreckung

Die Nato bereitet sich auf eine stärkere nukleare Abschreckung in Europa vor. Wegen der Bedrohung durch Russland ist auch die Stationierung zusätzlicher US-Atomwaffen im Gespräch. Damit könnte eine Entwicklung enden, die Europa über Jahre geprägt hat: der schrittweise Abbau nuklearer Waffen.
31.07.2026 13:14
Lesezeit: 4 min
Westen rüstet weiter auf: Nato plant Ausbau der atomaren Abschreckung
Zwei NH90 in der Luft während eines Fluges. Verteidigungsminister Pistorius (SPD) will sich einen persönlichen Eindruck von der Leistungsfähigkeit des Heeresfliegerverbandes aus Niederstetten machen (Foto: dpa). Foto: Hannes P. Albert

Zusätzliche US-Atomwaffen als Option

Die Nato arbeitet angesichts der Bedrohungen durch Russland an Plänen für einen Ausbau der nuklearen Abschreckung in Europa. Nach Recherchen der Deutschen Presse-Agentur ist dabei auch die Stationierung zusätzlicher US-Atomwaffen eine Option. Wissenschaftler der Expertengruppe „The Bulletin“ halten es sogar für möglich, dass die USA bereits Bomben vom Typ B61-12 auf den Luftwaffenstützpunkt Lakenheath in Großbritannien verlegt haben. Bei einer weiteren Zuspitzung der Sicherheitslage könnten zudem Länder wie Polen, Finnland und Litauen als Stationierungsstandorte in den Blick kommen.

Nichtstrategische Atomwaffen im Fokus

Bei den Planungen geht es vor allem um sogenannte nichtstrategische Atomwaffen. Sie sind etwa für den Einsatz gegen gegnerische Truppen, Flugplätze, Häfen, Kommandozentralen und andere militärische Infrastruktur vorgesehen. Im Vergleich zu strategischen Atomwaffen haben sie häufig eine geringere Sprengkraft und werden meist mit Kampfflugzeugen, kürzer reichenden Raketen oder Marschflugkörpern eingesetzt.

US-Bomben lagern auch in Deutschland

Nach der massiven atomaren Abrüstung nach dem Ende des Kalten Krieges lagerten laut Schätzungen von Nuklearexperten zuletzt nur noch rund 100 US-Bomben vom Typ B61-12 auf sechs Luftwaffenstützpunkten in Deutschland, Belgien, Italien, den Niederlanden und der Türkei. In der Bundesrepublik sollen sie auf dem Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz stationiert sein. Die Bomben könnten im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe der Nato im Ernstfall auch von deutschen Kampfjets abgeworfen werden. Derzeit hält die Luftwaffe dafür Tornados bereit, künftig sollen es Tarnkappenjets vom Typ F-35 sein.

Nato will auf Atomwaffenangriff antworten können

Nato-Generalsekretär Mark Rutte schloss im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur nicht aus, dass künftig mehr US-Atomwaffen in Europa stationiert werden. Er wollte sich aus Geheimhaltungsgründen allerdings nicht zu Details der laufenden Beratungen äußern. Das Bündnis prüfe fortlaufend, welche Fähigkeiten benötigt würden und wie der nukleare Abschreckungsmix aussehen müsse, erklärte er in einem Mitte Juli geführten Interview. „Wo immer wir Anpassungen vornehmen müssen, werden wir dies tun“, sagte Rutte. „Wir müssen sicherstellen, dass uns niemand mit Atomwaffen angreifen kann, ohne dass wir in der Lage wären, darauf zu antworten.“

Dass die Arbeiten über den Austausch und die Modernisierung vorhandener Systeme hinausgehen könnten, hatte er bereits im April beim Nato Nuclear Policy Symposium in Istanbul angedeutet. Es müssten entscheidende Beschlüsse darüber gefasst werden, wie die nukleare Aufstellung der Nato weiter an das sich verschlechternde Sicherheitsumfeld angepasst werden solle, sagte er damals.

Nach dem jüngsten Treffen der Nuklearen Planungsgruppe des Bündnisses wurde dann im Juni erstmals seit knapp zwei Jahrzehnten wieder eine Erklärung veröffentlicht. Darin bekennen sich die Verbündeten dazu, die nuklearen Fähigkeiten der Nato weiter zu modernisieren, ihre Fähigkeit zur nuklearen Planung zu stärken und die Abschreckung anzupassen.

Braucht es mehr als hundert zusätzliche Sprengköpfe?

In welche Richtung es gehen könnte, erklären Fachleute wie der US-Nuklearwaffenexperte Robert Peters. Er sagte der dpa, er sei optimistisch, dass die Vereinigten Staaten die nukleare Abschreckung in Europa innerhalb der nächsten 24 Monate stärken würden. Er argumentiert, dass US-Präsident Donald Trump so die Wahrscheinlichkeit eines offenen Konflikts mit Russland verringern könnte. Demnach würde eine nukleare US-Aufrüstung auch nicht im Gegensatz zu Trumps Plänen stehen, künftig einen deutlich geringeren Beitrag zur konventionellen Verteidigung Europas zu leisten.

Aus Sicht von Peters wäre es sinnvoll, zusätzlich 100 bis 150 nichtstrategische US-Atomwaffen in Europa zu stationieren - möglicherweise auch in Polen und Finnland. Dort müssten neue Lagerstätten gebaut werden. Dies sei aber nicht sonderlich schwierig und könne innerhalb weniger Monate geschehen. „Uns fehlt es eindeutig an einer ausreichenden Zahl von Waffen“, sagte Peters, der für die konservative, den Republikanern nahestehende Heritage Foundation arbeitet. Russland verfüge bei nichtstrategischen Atomwaffen wahrscheinlich über einen Vorsprung von mehr als zehn zu eins.

Warum Putin Kaffee trinken soll

Auch Jim Stokes, früherer US-Regierungsbeamter und ehemaliger Nato-Direktor für Nuklearpolitik, hält „neue Arten nuklearer Fähigkeiten“ für sinnvoll. Dies bedeute jedoch nicht, dass die Nato bei der Zahl der Sprengköpfe zahlenmäßig gleichziehen müsse, betonte er. Neue Fähigkeiten könnten unter anderem signalisieren, dass die USA weiterhin fest zu ihrer erweiterten nuklearen Abschreckung und damit zur nuklearen Schutzgarantie für ihre Verbündeten stünden.

Stokes verwies dabei auf die größere Bandbreite nuklearer Systeme, die die Vereinigten Staaten während des Kalten Krieges zusätzlich zu den für Kampfflugzeuge vorgesehenen B61-Bomben in Europa stationiert hatten. So hatten die Bündnispartner 1979 beschlossen, die Nuklearsysteme zu modernisieren und auszubauen. Dazu gehörten ballistische Mittelstreckenraketen vom Typ Pershing II und landgestützte Marschflugkörper vom Typ BGM-109G Gryphon. Diese Stationierung im Zuge des sogenannten Nato-Doppelbeschlusses war in der deutschen Öffentlichkeit lange sehr umstritten.

Eine Verlagerung amerikanischer Atombomben näher an Russland hält der Verteidigungsexperte dagegen militärisch nicht für erforderlich. Entsprechende Einsätze könnten auch von Westeuropa aus durchgeführt werden. Sinnvoll könne aber eine breitere Beteiligung weiterer Verbündeter sein - etwa durch für Nukleareinsätze zertifizierte Kampfflugzeuge, Luftbetankung, Aufklärung, Begleitschutz, Übungen oder Führungsfähigkeiten. Dies könne Vorteile bringen, ohne dass die Länder selbst US-Atomwaffen lagern müssten.

„Wir wollen, dass Präsident Putin jeden Morgen aufwacht, eine Tasse Kaffee trinkt und sagt: "Heute ist nicht der Tag für einen Angriff"„, sagte Stokes der dpa. Seit der Gründung der Nato vor 77 Jahren funktioniere dies. Kein Staat habe das Bündnis angegriffen.

Frankreichs Sprengköpfe als Ergänzung

Die vor allem von Frankreich vorangetriebenen Bemühungen um einen europäischen atomaren Schutzschirm werden sowohl von Rutte als auch von den Experten lediglich als Ergänzung und nicht als möglicher Ersatz gesehen. Rutte sagte der dpa, der US-Nuklearschirm bleibe die ultimative Garantie für die Freiheit und Sicherheit der Verbündeten. Die französische Initiative schaffe aber eine zusätzliche Ebene. Stokes bezeichnete die französischen Fähigkeiten als gute Ergänzung. Frankreich könne die amerikanischen Fähigkeiten bei Sprengköpfen, Trägersystemen und Plattformen jedoch nicht ersetzen, sagte er. Ähnliches gilt für die britischen Fähigkeiten.

Was geheim bleibt

Ob und wie mögliche Entscheidungen zum Ausbau der Nato-Abschreckung kommuniziert würden, ist nach Angaben aus Bündniskreisen unklar. Eine Option wäre demnach, Russland im Ungewissen über konkrete Schritte zu lassen. Dies würde auch der bisherigen Praxis entsprechen. So bestätigen die Nato und die US-Regierung zwar, dass amerikanische Atomwaffen in Europa stationiert sind, ihre genaue Zahl und die vollständige Liste der Standorte bleiben allerdings unter Verschluss.

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