Ökonom Basu: Warum die Handelsarithmetik China begünstigt

 

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10.06.2019 13:05
Der indische Ökonom Kaushik Basu glaubt, dass die US-Regierung ihre Strategie der Verhängung von Importzöllen nicht lange wird aufrechterhalten können.
Ökonom Basu: Warum die Handelsarithmetik China begünstigt
Container aus China. (Foto: dpa)

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Das größte Risiko für die Weltwirtschaft heute ist der eskalierende Handelskrieg zwischen den USA und China. In den letzten Wochen hat die Bedrohung zugenommen: Da die Verhandlungen ins Stocken geraten und die Zölle gestiegen sind, haben die Märkte auf der ganzen Welt Unruhe registriert. Dennoch erkennen die meisten Kommentatoren nicht, welche Auswirkungen ein allumfassender Konflikt auf die US-Wirtschaft und die Welt haben würde.

Es trifft zu, was US-Präsident Donald Trump wiederholt betont hat, nämlich dass sein Land ein großes Handelsdefizit mit China hat. Im Jahr 2018 exportierten die USA Waren im Wert von 120,3 Milliarden Dollar nach China - eine beträchtliche Summe, die jedoch durch die 539,5 Milliarden Dollar an Waren, die sie aus China importierten, in den Schatten gestellt wurde. Und während die USA am 10. Mai die Zölle auf chinesische Waren im Wert von 200 Milliarden Dollar von 10 % auf 25 % anhoben, legte Trump nach und drohte, praktisch allen Importen aus China den gleichen Zollsatz aufzuerlegen. Als Gegenmaßnahme führte China gegenseitige Zölle auf US-Exporte im Wert von 60 Milliarden Dollar ein, die am 1. Juni in Kraft getreten waren.

Niemand bezweifelt, dass China in der Vergangenheit viele der globalen Normen für Handel und Wechselkursmanagement missachtet hat. Aber der Versuch, dies jetzt durch eine Erhöhung der Zölle auf chinesische Waren zu korrigieren, ist sinnlos. Schlimmer noch, es würde den USA unverhältnismäßig schaden.

Die Zollpolitik von Trump basiert auf einem grundlegenden Missverständnis darüber, was bilaterale Handelsdefizite bedeuten. Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Ich bin jetzt in Nürnberg. Als der Bus, der mich hierherbrachte, an einer Tankstelle hielt, ging ich in den Shop und kaufte Snacks und Kaffee. Weil der Shop nichts von mir gekauft hat, besteht jetzt auf meiner Seite ein Handelsdefizit mit dem Shop, und der Shop seinerseits hat mir gegenüber einen Überschuss erwirtschaftet. Nach Trumps Argumentation müsste ich zurückgehen, mich über dieses Ungleichgewicht beschweren und darauf bestehen, dass der Shop jetzt zu einem entsprechenden Betrag etwas von mir kauft.

Wenn jedes Land dieser Logik folgen würde, würden wir schnell in eine Welt des Tauschhandels zurückkehren, was unsere Lebensqualität erheblich reduzieren würde. Ein Grund, warum die Welt heute wohlhabend ist, ist, dass Länder mit einem Handelspartner ein Defizit und mit einem anderen einen Überschuss haben können.

Es gibt viele Fragen, bei denen die USA eine starke Position gegenüber China einnehmen sollten, nicht zuletzt die Tatsache, dass ethnische und religiöse Minderheiten in China zum Schweigen gebracht werden. Aber die Anhebung der Zölle sollte nicht Amerikas Instrument der Wahl sein, insbesondere jetzt, da China weitgehend auf ein marktbasiertes Wechselkurssystem umgestellt hat.

Darüber hinaus ist China heute so global vernetzt, dass eine Isolierung praktisch unmöglich wäre. Die Infrastruktur-Initiative der chinesischen Regierung für transnationale Infrastrukturinvestitionen umfasst inzwischen 126 Länder und 29 internationale Organisationen.

Das Selbstvertrauen der Chinesen spiegelt sich auch im ironischen Ton ihrer Ermahnungen wider. Wie Gao Feng, der Sprecher des chinesischen Handelsministeriums, kürzlich eindeutig in Richtung Trump zu Protokoll gab: „Wenn die Vereinigten Staaten weiterreden wollen, müssen sie aufrichtig sein und ihre falschen Praktiken korrigieren”.

Inzwischen dürfte die US-Wirtschaft unter den höheren Zöllen leiden. Viele Kommentatoren haben argumentiert, dass die amerikanischen Haushalte die Hauptkosten der höheren Preise und des geringeren Konsums tragen werden. Der Preis für bestimmte Kleidungsstücke wird steigen, und es könnte an der Zeit sein, sich mit Schuhen zu versorgen – 69 % aller in den USA 2018 verkauften Schuhe kommen aus China. Analysten von Oxford Economics schätzen, dass das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes der USA im Jahr 2020 um 0,5 Prozentpunkte sinken wird, wenn die Trump-Administration einen Zollsatz von 25 % auf alle Warenimporte aus China anwendet und China Gleiches mit Gleichem vergeltet.

Im Jahr 2018 importierten die USA beispielsweise Kleidung im Wert von 29,8 Milliarden Dollar aus China und weitere 20 Milliarden Dollar an Leder und verwandten Waren. Höhere Zölle auf diese Produkte dürften die amerikanischen Verbraucher treffen. Aber die USA gaben weitaus mehr für chinesische Produktionsmittel aus, darunter 186,5 Milliarden Dollar für Computer und Elektronik und 88,6 Milliarden Dollar für elektrische Geräte und Maschinen. Wenn die Zölle auf diese Waren weiterhin hoch bleiben, laufen die USA Gefahr, von anderen Ländern ausgestochen zu werden, so wie sie nach den 1980er Jahren Japan ausgestochen hatten.

Die politischen Entscheidungsträger der USA sollten sich auch an die Erfahrungen Indiens erinnern, welches bis 1991 hohe Zölle zum Schutz der inländischen Produzenten einführte. Die Importbarrieren Indiens führten nicht nur zu höheren Preisen für die indischen Verbraucher, sondern schadeten auch - und vor allem - den Produzenten, die sie schützen sollten. Ohne Zugang zu qualitativ hochwertigen Inputs waren indische Unternehmen nicht global wettbewerbsfähig. Es waren die Reformen der Regierung in den Jahren 1991-1993, die die Zölle auf ein angemesseneres Niveau senkten, die schließlich das Wachstum auslösten.

Interessanterweise verlässt sich China nur teilweise auf Zölle, um auf Trump zu reagieren, und greift auch auf andere Maßnahmen zurück, die es wahrscheinlich weniger kosten werden - wie z. B. die Aufblähung patriotischer Gefühle, die Maßnahmen gegen Boeing und den Schutz seiner Technologieunternehmen. China wartet im Wesentlichen auf den richtigen Moment und weiß, dass die USA nicht allzu lange auf hohen Zöllen bestehen werden. Und wenn dies der Fall sein sollte, werden sie am Ende den ersten Platz in der Weltwirtschaft an China abgeben.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.

Kaushik Basu, ehemaliger Chefökonom der Weltbank und ehemaliger Chefökonom der indischen Regierung, ist Professor für Wirtschaft an der Cornell University und Nonresident Senior Fellow an der Brookings Institution.

Copyright: Project Syndicate, 2019.

www.project-syndicate.org

 


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