Chlorpyrifos in der EU: Ein giftiges Pestizid im Schatten von Glyphosat

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 2 min
20.06.2019 09:34
Das hochgiftige Pestizid Chlorpyrifos ist seit 2006 in der EU zugelassen. Schwedische Forscher fordern ein Verbot, da Chlorpyrifos das Hirn Ungeborener nachweislich schädigt.
Chlorpyrifos in der EU: Ein giftiges Pestizid im Schatten von Glyphosat
Ein Landwirt versprüht Pflanzenschutzmittel auf einem Feld. (Foto: dpa)

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Das Pestizid Chlorpyrifos ist seit dem Jahr 2006 in der EU zugelassen.  In Dänemark, Finnland, Deutschland, Irland, Lettland und Litauen ist es zwar verboten, allerdings wurden nach einem Bericht des EU Observer auch in diesen Ländern Chlorpyrifos-Rückstände gefunden.

Das in der EU und den USA am häufigsten eingesetzte Pestizid wurde auf der Grundlage eines Toxizitätstests zugelassen, der sich als fehlerhaft erwiesen hat, führt Chemical Brain Drain in einer Analyse aus. Chlorpyrifos wird gegen Würmer und Insekten-Schädlinge in einer Vielzahl von Kulturen eingesetzt, darunter Mais, Sojabohnen, Weizen und Obst. Rückstände sind häufig auf konventionellen Früchten wie Trauben zu finden, und Metaboliten (Zwischenprodukt des Zellstoffwechsels) treten im Urin von Kindern auf, auch in Ländern, in denen das Produkt nicht verwendet wird.

Unter der Bezeichnung Dursban oder Lorsban wurde diese Organophosphatsubstanz auf der Grundlage der vom Hersteller Dow Chemical vorgelegten Testdaten zur Verwendung als Pestizid zugelassen. Da diese Art von Pestiziden ein wichtiges Gehirnenzym, die Cholinesterase, hemmen kann, wird von der Regulierungsbehörde häufig ein Test auf Neurotoxizität bei Nagetieren und ihren Nachkommen verlangt.

Die Zusammenfassung des von Dow Chemical beauftragten Labors ergab, dass bei der Entwicklung des Gehirns der Rattenwelpen keine nachteiligen Auswirkungen zu beobachten waren, es sei denn, die Dosierung war hoch genug, um eine Toxizität in der Mutter zu verursachen.

Das Chemieunternehmen stimmte dieser Interpretation zu und übermittelte die Schlussfolgerungen für die Zertifizierung des Pestizids. Abgesehen von der Zusammenfassung wurden die Details nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Schwedische Wissenschaftler vom Karolinska Institut erlangten die Laborergebnisse jedoch über das Gesetz zur Informationsfreiheit und stellten fest, dass die Schlussfolgerungen nicht mit den tatsächlichen Ergebnissen übereinstimmten. “Wir haben uns das Studiendesign und die Rohdaten der vom Hersteller finanzierten Studie angesehen und einige Schwachstellen festgestellt”, so der schwedische Wissenschaftler Axel Mie. Die Wissenschaftler haben ihre Ergebnisse in einer Analyse (“Safety of Safety Evaluation of Pesticides: developmental neurotoxicity of chlorpyrifos and chlorpyrifos-methyl”) zusammengefasst.

Erstens wurden die Welpen nicht so exponiert, wie sie sein sollten, da die Freisetzung des Pestizids im Wesentlichen zum Zeitpunkt der Geburt gestoppt wurde, während das Standardprotokoll eine fortgesetzte Freisetzung erfordert, bis sich das Gehirn zu einem ähnlichen Stadium wie das menschliche Gehirn zum Zeitpunkt der Geburt entwickelt hat.

Trotzdem war das Wachstum des Kleinhirns abnormal, aber dieser Befund wurde verborgen, indem man sich eher auf Gesamtdimensionen als auf einzelne Maßnahmen stützte. Entgegen dem Protokoll verwendete das Labor ein Zwei-Prozent-Kriterium für die statistische Signifikanz anstelle des Standards von fünf Prozent.

Schließlich wurde während der Durchführung von Verhaltenstests festgestellt, dass das Pestizid keine Abweichungen verursacht. Der Test beinhaltete jedoch einen bekannten “Brain Drainer”, nämlich Blei, das als Nitratsalz verabreicht wurde. Entgegen der Erwartung stellte das Labor fest, dass Blei die Gehirnentwicklung nicht toxisch beeinflusst, was darauf hindeutet, dass der Test unempfindlich oder fehlerhaft war.

Diese Details wurden in der vom Hersteller eingereichten Zusammenfassung nicht offengelegt, obwohl sie zu weiteren Tests hätten führen sollen, anstatt das Pestizid zuzulassen.

Ein Bundesberufungsgericht hat die US-Behörde United States Environmental Protection Agency (EPA) angewiesen, das Pestizid aufgrund der Risiken für die Gehirnentwicklung, die in Studien an Kindern festgestellt wurden, zu verbieten.

Die Aufsichtsbehörden ignorieren solche Erkenntnisse aus der Epidemiologie in der Regel, angeblich, weil ein Kausalzusammenhang nie formal nachgewiesen werden kann. Angesichts der Ähnlichkeit der Säugetier-Neurochemie und der Tatsache, dass Chorpyrifos das Nervensystem von Insekten angreift, ist es jedoch sehr plausibel, dass Chlorpyrifos beim Menschen zu einer Schädigung des Nervensystems führen kann. In der EU wird das Pestizid derzeit evaluiert, der zuständige Mitgliedstaat ist Spanien. Eine Entscheidung wird für das laufende Jahr erwartet.

Für die schwedischen Wissenschaftler sind Studien, die von der Industrie in Auftrag gegeben werden, grundsätzlich zu hinterfragen. Mie wörtlich: “Eine Schlussfolgerung, die wir ziehen, ist, dass das Risiko besteht, dass die Ergebnisse der von der Industrie finanzierten Toxizitätstests nicht korrekt gemeldet werden. Dies erschwert es den Behörden, die Pestizide auf sichere und gültige Weise zu bewerten.”


Mehr zum Thema:  

DWN
Marktbericht
Marktbericht Wann platzt die Immobilienblase?

Immobilien – Clever oder risikoreich in 2020?

DWN
Politik
Politik DWN Exklusiv: Zugang nach Idlib gefallen - jetzt hat Erdogans Armee freie Bahn

Die von der Türkei unterstützte Syrische Nationale Armee hat eine enorm wichtige Ortschaft erobert. Das bedeutet einen gewaltigen...

DWN
Finanzen
Finanzen Die geopolitische Verunsicherung ist Wasser auf den Gold-Mühlen

Mager-Zinsen, eine angeschlagene geopolitische Lage, ein schwacher Euro und jetzt auch noch eine viral geschwächte Weltwirtschaft: All...

DWN
Panorama
Panorama Südamerika: Hier sind deutsche Auswanderer wirklich willkommen

Südamerika ist schon seit Jahrhunderten ein Ziel für deutsche Auswanderer auf der Flucht vor Armut oder Verfolgung. Da sie sich in der...

DWN
Finanzen
Finanzen Euro-Goldpreis steigt von Rekordhoch zu Rekordhoch

Nach einem starken Zugewinn in den letzten Handelstagen hat der Goldpreis seit Jahresbeginn insgesamt schon um mehr als 11 Prozent zulegt....

DWN
Deutschland
Deutschland «Größte Krise unserer Geschichte» - Kampfabstimmung um CDU-Vorsitz

Armin Laschet und Friedrich Merz kandidieren für den CDU-Vorsitz und beanspruchen ein Zugriffsrecht auf die Kanzlerkandidatur der Union.

DWN
Deutschland
Deutschland Berlin will knallhart gegen Bodenspekulanten vorgehen

Berlins Bürgermeister Michael Müller fordert eine hohe Steuer bei Bodenspekulationen. Dadurch soll bezahlbares Wohnen in der Hauptstadt...

DWN
Politik
Politik Griechenland: Gewaltsame Proteste gegen Bau von Migranten-Lagern

Die griechische Polizei hat in der Nacht zum Dienstag auf den Inseln Lesbos und Chios Tränengas eingesetzt, um Demonstranten auseinander...

DWN
Deutschland
Deutschland Schein-Ehen bereiten deutschen Ämtern zunehmend Probleme

Kuppler verheiraten immer wieder wildfremde Menschen. Sie verdienen an denjenigen, die sich illegal ein Bleiberecht erkaufen wollen. Ein...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Von Bio-Kampfstoffen ausgelöst? Corona-Virus könnte sich zur globalen Epidemie ausweiten

DWN-Korrespondent Michael Bernegger hat - mit gewohnter Gründlichkeit - die neuesten Entwicklungen im Fall "Corona-Virus" analysiert....

DWN
Politik
Politik Türkei verlegt Luftverteidigungs-System und Langstrecken-Raketen nach Syrien

Die Türkei hat eine unbekannte Anzahl von Luftverteidigungs-Sytemen und Langstreckenraketen mit kurzer Reichweite in die syrische Provinz...

DWN
Deutschland
Deutschland Bundesregierung beschließt Pflicht zur Passwort-Herausgabe an Ämter und Behörden

Die Bundesregierung hat einen Gesetzentwurf beschlossen, der nicht nur soziale Netzwerke, sondern etwa auch Online-Spiele und Dating-Apps...

DWN
Finanzen
Finanzen Plötzlicher massiver Gold-Abfluss aus Großbritannien wirft Fragen auf

In den beiden letzten Monaten des vergangenen Jahres registrierten die britischen Behörden massive Exporte von Edelmetallen ins Ausland....

DWN
Deutschland
Deutschland Verkauf der Aufzugssparte von Thyssenkrupp auf der Zielgeraden

Bekannt ist Thyssenkrupp für Stahl. Geld verdient der Konzern momentan aber fast nur im Geschäft mit Aufzügen. Weil sich die Finanzlage...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutsche Wirtschaft stagniert, Konjunkturrisiko Coronavirus

Europas größte Volkswirtschaft tritt Ende 2019 auf der Stelle. Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus dämpft Hoffnungen auf eine...

celtra_fin_Interscroller