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Notfall-Plan: Wie der IWF einen Crash der USA verhindern kann

Lesezeit: 6 min
06.12.2016 03:26  Aktualisiert: 06.12.2016 03:26
Der IWF verfügt mit den sogenannten Sonderziehungsrechten über eine mächtige Waffe, die die globale Dominanz der USA noch für einige Zeit aufrechterhalten kann.
Notfall-Plan: Wie der IWF einen Crash der USA verhindern kann
Foto: Karl Mathis

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Inflationäres Gelddrucken, Zinssenkungen bis in den Negativbereich, Blasenbildungen an allen Finanzmärkten – und das bei gleichzeitiger Stagnation der Weltwirtschaft: Das globale Finanzsystem scheint derzeit auf dem direkten Weg in seine dritte existenzielle Krise.

Zweimal stand es bereits vor dem Zusammenbruch. 1998 geriet der Hedgefonds Long Term Capital Management (LTCM) ins Taumeln und wurde durch eine gemeinsame Aktion der im Falle seines Crashs gefährdeten Wall-Street-Banken gerettet.

Zehn Jahre später reichte die Finanzkraft einzelner Banken im Zuge der Subprime-Hypothekenkrise nicht mehr aus. Die Staaten mussten einspringen, um das System zu stabilisieren. Da ihre Möglichkeiten sich schon bald erschöpften, haben die Zentralbanken inzwischen weltweit die Führungsrolle übernommen. Seit 2008 haben sie Billionen in verschiedenen Währungen gedruckt und die Leitzinsen mehr als 660 Mal gesenkt.

So kann es auf Dauer nicht weitergehen

Offiziell heißt es, diese Maßnahmen dienten der Ankurbelung der Wirtschaft. Das ist nachweislich falsch: Investoren haben den Löwenanteil des billigen Geldes nicht in die Realwirtschaft, sondern in die Spekulation gesteckt. Die Folge sind inflationäre Blasen an den Anleihe-, Aktien- und Immobilienmärkten.

Wegen ihrer Nebenwirkungen lässt sich diese Geldpolitik nicht unbegrenzt fortsetzen: Weiteres Gelddrucken wird die Blasen an den Märkten platzen lassen und dazu in eine Hyperinflation führen. Zinssenkungen bis in den Minusbereich zerstören das klassische Bankgeschäft der Kreditvergabe und zwingen traditionell konservative Anleger wie Rentenkassen und Pensionskassen, unkalkulierbare Risiken einzugehen. Noch billigeres Geld wird wegen der höheren Renditemöglichkeiten auch weiterhin in die Spekulation fließen, die Realwirtschaft wird wegen mangelnder Investitionsbereitschaft (auf Grund der viel höheren Renditen im Finanzsektor), sinkender Nachfrage (wegen der Sättigung vieler Märkte) und nachlassender Kaufkraft der Konsumenten (wegen fallender Reallöhne) nicht wieder in Gang kommen.

Es scheint, als tappe die globale Finanzindustrie vollkommen unvorbereitet in die nächste Krise. Doch der Eindruck täuscht. Es gibt Notfallpläne, aber kaum einer weiß von ihnen.

Sonderziehungsrechte – die Krisenwährung des IWF

Mit dem gegenwärtigen Finanzsystem wurde auf der Konferenz von Bretton Woods 1944 auch der Internationale Währungsfonds (IWF) ins Leben gerufen. Er hat sich im Verlauf der vergangenen siebzig Jahre zur größten und mächtigsten internationalen Finanzorganisation der Welt entwickelt und wird bis heute von den USA (sie besitzen Sperrminorität und Vetorecht) dominiert.

Einer der Eckpfeiler des Bretton-Woods-Systems war die Bindung des US-Dollars an das Gold. Die Ausuferung der globalen Dollarmenge und das zunehmende Missverhältnis zum vorhandenen Gold stellten die Konvertierbarkeit von Dollar in Gold in den Sechziger Jahren jedoch immer stärker infrage. Deshalb schuf der IWF 1969 vorsorglich die Sonderziehungsrechte (SZR), eine künstliche, ungedeckte Währung, die nur zwischen Regierungen handelbar ist.

Die Maßnahme war ein Vorgriff auf die Beendigung der Gold-Dollar-Bindung durch die USA im August 1971. Niemand konnte damals voraussagen, wie die Welt auf die Abkoppelung der Leitwährung von einem realen Wert, also die Verwandlung des US-Dollars in eine Fiat-Währung, reagieren würde. Deshalb sicherten sich die USA über den IWF gegen einen möglichen Vertrauensverlust in den US-Dollar ab.

Die Einführung der SZR zeigte nicht nur, welche Macht der IWF seit seiner Gründung erworben hatte. Sie enthüllte vor allem die Rolle, die die USA ihm in Notzeiten zuschreiben: Die einer über allen nationalen Zentralbanken stehenden globalen Zentralbank – natürlich unter der Kontrolle der USA.

Das Erstarken des Dollars schuf die Grundlagen für seinen Niedergang

Wider Erwarten überstand der US-Dollar sowohl die Aufhebung der Gold-Dollar-Bindung, als auch zwei Jahre später die Abschaffung der seit Ende des zweiten Weltkriegs geltenden festen Wechselkurse und damit das Ende des Bretton-Woods-Systems. Und nicht nur das: Mitte der Siebziger Jahre schlossen die USA mit Saudi-Arabien ein Abkommen, Öl ab sofort nur noch in Dollar zu handeln (die Geburtsstunde des Petro-Dollars). Da alle Länder der Welt vom Öl abhängig sind, erlangte der US-Dollar auf diese Weise neben dem Status der Leitwährung auch noch den der globalen Reservewährung – und damit mehr Macht als je zuvor.

Die Folge war, dass der IWF nach zwei kurzen Phasen des Einsatzes der SZR (1970 bis 1972 in Höhe von $ 9,3 Mrd., 1979 – 1981 in Höhe von $ 12,1 Mrd.) mehr als ein Vierteljahrhundert lang auf ihren weiteren Einsatz verzichtete.

Das aber änderte sich mit der Krise von 2007 / 2008. Die in den Siebziger Jahren begonnenen Prozesse der Globalisierung und der Deregulierung, also die Auslagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer und die Aufhebung von Einschränkungen für die Finanzwirtschaft, brachten der US-Finanzindustrie zwar immense Gewinne ein, unterhöhlten aber gleichzeitig die produktive Basis der US-Wirtschaft und erzeugten ein immer größeres Missverhältnis zwischen Realwirtschaft und Finanzsektor.

Die Folge: Die Investoren der Wall Street entzogen der produzierenden Wirtschaft immer mehr Kapital, steckten es in das kaum noch regulierte Finanzkasino und gingen dabei immer höhere Risiken ein - so lange, bis die Subprime-Hypothekenkrise das System ins Wanken brachte. Sowohl in den USA, als auch weltweit mussten die Regierungen einspringen, um die größten existenziell bedrohten Finanzinstitutionen aufzufangen und einen Zusammenbruch des globalen Finanzsystems zu verhindern.

Im Zuge dieser globalen Rettungsaktion griff auch der IWF ein. Am 28. August 2009 und am 9. September 2009 gab er insgesamt $ 204,1 Mrd. an SZR heraus , um die austrocknenden Märkte mit Liquidität zu versorgen. Dass es bei diesen beiden Interventionen blieb, lag in erster Linie daran, dass die US-Zentralbank Federal Reserve selber eingriff und durch ihr „Quantitative Easing“ (Geldschöpfung aus dem Nichts) selbst für Liquidität sorgte. Da auch andere Zentralbanken nachzogen und weltweit riesige Summen zu immer niedrigeren Zinsen an Investoren vergaben, konnte sich der IWF erneut zurückziehen und auf einen weiteren Einsatz der SZR verzichten.

Der Zeitpunkt für einen Großeinsatz der SZR rückt unaufhaltsam näher

Die Verantwortlichen aber wissen, dass das System zurzeit unaufhaltsam auf den nächsten Crash zusteuert und dass dann die alles entscheidende Frage lauten wird: Wer rettet die Zentralbanken? Auf genau dieses Szenario bereitet man sich hinter den Kulissen bereits seit Jahren vor.

Im Januar 2011 hat der IWF eine Studie mit dem Titel „Verbesserung der internationalen Währungsstabilität - eine Rolle für die SZR?“ veröffentlicht, in der Pläne zur Stützung des globalen Finanzsystems skizziert werden, die weit über die bisherigen Einsätze der SZR hinausgehen.

Unter anderem wird darin erwogen, SZR auch durch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel herausgeben zu lassen. Dazu soll möglicherweise ein SZR-Anleihenmarkt für Staatsfonds und sogar für private Investoren geschaffen, die neue Währung also nicht mehr nur als Zahlungsmittel zwischen Staaten gehandelt werden. Diese Überlegungen zeigen: Der IWF ist bereit, die Rolle der SZR in Richtung einer neuen Weltwährung, die den US-Dollar möglicherweise ablösen könnte, zu erweitern.

Vor diesem Hintergrund kann der Einsatz der SZR im Jahr 2009 als Probelauf für zukünftige Krisen betrachtet werden. Die Aufnahme der chinesischen Währung Renminbi (Yuan) in den Währungskorb der SZR im Oktober 2016 beweist zudem, dass der IWF die Zeichen der Zeit erkannt hat und zu notwendigen Zugeständnissen bereit ist. China hat als größter Handelspartner von 120 Ländern die USA mit 70 Ländern inzwischen überholt und weist trotz aller Probleme noch immer Wachstumswerte auf, die von keinem anderen Industrieland erreicht werden.

Sollte es in der kommenden Krise tatsächlich zu einem Großeinsatz der SZR kommen, dann würde dieser für Politik und Zentralbanken außer den beabsichtigten Wirkungen einen überaus reizvollen Nebeneffekt haben: Die Inflation würde nämlich angeheizt, ohne dass die Mehrheit der Menschen die eigene Regierung oder die eigene Zentralbank dafür verantwortlich machen könnten.

Die SZR werden das Ende der US-Finanzhoheit nicht verhindern

Der Einsatz der SZR wird das gegenwärtige Finanzsystem dennoch bestenfalls vorübergehend stabilisieren können. Die Dominanz des US-Dollars, auf dem es seit siebzig Jahren aufgebaut ist, wird trotz aller Rettungsmaßnahmen historisch zu Ende gehen, denn die wirtschaftliche und finanzielle Entwicklung der USA hat den „point of no return“ längst überschritten.

Die Unsummen bereits gedruckten Geldes, die bis in den Negativbereich reichenden Zinssätze und vor allem die Rekordverschuldung von Staat, Firmen und Privathaushalten lassen sich nicht rückgängig machen. Im Gegenteil: Sie erfordern zur bloßen Aufrechterhaltung des Systems immer neues Geld zu immer niedrigeren Zinsen und eine weitere Zunahme der Verschuldung.

Das US-Finanzsystem und auch das globale Finanzsystem gleichen derzeit einem Auto mit luftgekühltem Motor, dessen Fahrer gezwungen ist, immer schneller zu fahren, um den Motor von außen zu kühlen, der aber nicht verhindern kann, dass der Motor sich dadurch von innen immer stärker aufheizt und so am Ende platzen wird.

Der Einsatz der SZR durch den IWF ist kein Wundermittel, um den Aufheizungs- und Zersetzungsprozess, der sich mit unerbittlicher Logik vor unseren Augen abspielt, aufzuhalten oder gar umzukehren. Er wird höchstens dafür sorgen, dass der endgültige Zusammenbruch des US-dominierten Finanzsystems noch weiter aufgeschoben wird – zu einem hohen Preis, denn der endgültige Zusammenbruch wird dann mit noch größerer Wucht erfolgen und mit Sicherheit noch schwerere Konsequenzen für alle nach sich ziehen.

Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches “Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs”, erschienen im Tectum-Verlag, Marburg.

                                                                            ***

Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.


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