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„Völlig enthemmter Mob“: Fußball als Vorstufe zum Bürgerkrieg

Lesezeit: 4 min
06.02.2017 02:26
Die Polizei Dortmund berichtet von einem völlig enthemmten Mob beim Fußballspiel zwischen Borussia Dortmund und RB Leipzig. Die Schilderung der Aggressivität ist bedrückend.
„Völlig enthemmter Mob“: Fußball als Vorstufe zum Bürgerkrieg

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Die Polizei Dortmund meldet am Sonntag:

Wie bereits mit Pressemeldung lfd. Nr. 0155 berichtet, kam es gestern Abend (4.2.) bei der Spielbegegnung des BVB gegen RB Leipzig zu massiven Gewaltausschreitungen von Dortmunder Gewalt-/ und Straftätern gegen Anhänger der Roten Bullen, Unbeteiligte und Polizeibeamte.

Bereits in der Nacht zuvor hatten zum Teil Unbekannte, zum Teil polizeilich festgestellte Mitglieder unterschiedlicher Dortmunder Ultragruppierungen mehr als hundert Plakate im gesamten Stadionumfeld und Dortmunder Innenstadtbereich aufgehängt. Viele wurden von der Polizei in mühevoller Kleinarbeit noch in der Vorspielphase abgehängt, 106 Plakate und zwei Banner wurden sichergestellt. Entsprechende Ordnungswidrigkeitenanzeigen wurden gefertigt.

Die Gründe für das Abhängen der Plakate liegen aus polizeilicher Sicht in der Gefahrenabwehr und der Verhinderung der fortgesetzten Begehung einer Ordnungswidrigkeit nach der Ordnungsbehördlichen Verordnung über die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung der Stadt Dortmund (§ 5 Abs. IIa i. V. m. §20 Abs. I Nr. 2 "wildes Plakatieren").

Bereits vor Spielbeginn hatten sich rund 350 bis 400 Anhänger aller Dortmunder Ultragruppierungen an der Strobelallee im Bereich des Stadions Rote Erde getroffen und gesammelt. Ziel dieser Personen war es offensichtlich, den Leipziger Mannschaftsbus gewaltsam zu stoppen und anzugreifen. Dieses Szenario konnte aber in Zusammenarbeit mit dem BVB verhindert werden: Der Mannschaftsbus erreichte sicher und unbeschädigt auf einer spontan geänderten und nicht vorhersehbaren Route das Stadion.

In der Anreisephase der Anhängerschaft des RB Leipzig kochte die aufgeheizte Stimmung dieser Gruppierungen trotz der Präsenz zahlreicher Einsatzkräfte der Polizei über. Die Gewalt richtete sich nun gegen jeden erkennbaren Leipziger Anhänger - unabhängig davon, ob es sich dabei um Kinder, Frauen oder Familien handelte.

"Völlig ohne Sinn und Verstand kam es plötzlich und unvorhersehbar zum Bewurf der Leipziger, Unbeteiligter und Polizisten", so der Polizeieinsatzleiter Polizeidirektor Edzard Freyhoff. "Mit einem massiven Polizeieinsatz, auch unter Einsatz von Pfefferspray und Einsatzmehrzweckstöcken, haben wir noch Schlimmeres verhindert! Solche Bilder, in solche hasserfüllten Fratzen habe ich noch in keinem meiner Polizeieinsätze gesehen - ich bin schockiert!"

In einer ersten Stellungnahme hatte die Dortmunder Polizei nach dem Spiel von vier verletzten Polizisten und einem verletzten Diensthund gesprochen. Bis dahin lagen noch keine Zahlen und Angaben zu verletzten Anhängern von RB Leipzig vor. Mittlerweile hat die Polizei Kenntnis über sechs verletzte Personen der Gästefans erhalten. In Medienberichten wird heute teilweise von zehn Verletzten gesprochen. Diese sind der Polizei bis dato offiziell noch nicht bekannt.

Steine-, Flaschen-, Dosen- und Bierkastenbewurf erfolgte nach ersten Erkenntnissen von dem völlig enthemmten Mob. Auch Pyrotechnik wurde in der Anreisephase an verschiedenen Stellen im Stadionumfeld gezündet, zum Teil auch sichergestellt.

Auch während der Spielphase beruhigte sich die Stimmung nicht: "Die Süd war ein einziges Meer voller Banner und Plakate mit teilweise diffamierendem, beleidigendem und beschämendem Inhalt. Auch in diesen Fällen werden wir dem Anfangsverdacht von Straftaten (Beleidigungen) nachgehen", so Polizeidirektor Edzard Freyhoff. "Die Auswertung von Film-, Video- und Beweismaterial wird uns in den nächsten Wochen intensiv beschäftigen."

Während des Spiels entging der Mitarbeiter eines TV-Senders nur knapp einer ernsthaften Verletzung durch den Wurf mit einer Metallstange. Auch in diesem Fall der versuchten gefährlichen Körperverletzung ermittelt die Polizei.

Die Polizei hat an diesem Abend elf Straftäter aus der Ultraszene des BVB und einen Leipziger vorläufig festgenommen. Bei einigen von ihnen wurden zudem die Eintrittskarten sichergestellt, so dass diese das Spiel nicht mehr live verfolgen konnten.

Die Dortmunder Polizei steht derzeit in engem Austausch und Kontakt mit dem Verein Borussia Dortmund, um die Geschehnisse von Samstagabend nachzubereiten und entsprechende Konsequenzen zu erarbeiten.

Nun bitten wir wiederholt dringend um Zeugen: "Ich kann nur eindringlich alle Zeugen dazu ermuntern, sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen. Ohne Zeugen und Hinweise sind uns ein weiteres Mal die Hände gebunden und die begangenen Straftaten werden folgenlos bleiben", so der Polizeieinsatzleiter.

Nach den massiven Attacken von BVB-Fans sieht RB Leipzig die Dortmunder Vereinsführung um Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Clubchef Reinhard Rauball in der Verantwortung. «Wir erwarten von Herrn Watzke und Herrn Rauball, dass diese von mehreren Tätern verübten Vorfälle - die diese Saison erstmals unsere Fans betrafen - lückenlos im Interesse der gesamten Bundesliga aufgeklärt werden», hieß es in einer Mitteilung des Bundesliga-Zweiten am Sonntag.

Die Angriffe der BVB-Fans vor dem Topspiel am Samstagabend sorgten sowohl in Leipzig als auch in Dortmund für Bestürzung. Beide Clubs reagierten nach den Vorfällen mit deutlichen Stellungnahmen. «Die Übergriffe von Dortmunder Fans gegen gegnerische Zuschauer, gegen die Polizei, aber auch Beleidigungen und Straftaten gegen Kinder und Frauen sind nicht tragbar und beschämend für ganz Fußball-Deutschland», hieß es in der RB-Mitteilung.

Wie konkrete Maßnahmen aussehen könnten, war zunächst unklar. In einer Erklärung am Sonntagnachmittag kündigte der Revierclub ein hartes Vorgehen an: «Der BVB wird alles daran setzen, das Fehlverhalten der eigenen Anhänger aufzuklären und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten hart zu sanktionieren. Wer seine Meinung nicht durch Argumente, sondern durch rohe Gewalt und plumpe Beleidigungen ausdrückt, kann, darf und wird nicht Teil der BVB-Familie sein», hieß es in einem gemeinsamen Statement von Rauball und Watzke.

Laut Polizei sei «eine extreme Aggressivität und Gewaltbereitschaft der Dortmunder Anhängerschaft gegenüber den Gästen festgestellt» worden. Auch «kleine Kinder, Frauen oder Familien» seien ins Visier der Randalierer geraten.

Nach Polizeiangaben wurden sechs Gäste-Fans und vier Polizisten verletzt. Es wurden insgesamt 28 Strafanzeigen wegen Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz, Körperverletzung, gefährlicher Körperverletzung, Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, Beleidigung, Widerstand sowie räuberischen Diebstahls gefertigt

Nach Angaben von RB sollen die verletzten Leipzig-Anhänger die Heimreise angetreten haben. Insgesamt waren 8500 Leipziger Fans zum ersten Auswärtsspiel des Jahres für RB mitgereist.

Dortmunder Fans hatten zudem vor dem Anpfiff des Top-Verfolgerduells ihren Unmut zum Geschäftsmodell von RB Leipzig mit einer Vielzahl von Spruchbändern zum Ausdruck gebracht. Für viele Traditionalisten unter Fußball-Anhängern ist das Bullen-Konzept ein Rotes Tuch. Der Verein wird vom österreichischen Getränkehersteller Red Bull gesponsert.

Von Funktionsträgern beider Clubs waren in der Vergangenheit kritische Töne über die Gegenseite geäußert worden. «Ich habe mir mal das Programm-Heft angeschaut. Ich glaube, wir haben 35 Seiten mit Anzeigen und Werbung blättern müssen», sagte RB-Vorstandschef Oliver Mintzlaff dem Sender Sky mit Blick auf den Besuch beim BVB. «Viel mehr Kommerz als hier kann ich gar nicht finden, und das ist für mich fast Benchmark, was ich hier beim BVB sehe.» Er hatte die Partie wie Sportdirektor Ralf Rangnick im Gäste-Fan-Block verfolgt.

Körperliche Attacken auf RB-Fans wie in Dortmund vor der Partie auf dem Weg ins Stadion gab es in der in dieser Saison nicht. Bislang kam es nur zu Vorfällen in Köln, als der Mannschaftsbus blockiert wurde und Leverkusen, als ein Farbbeutel auf diesen geworfen worden war.

Ungemach droht der Borussia auch von Seiten des Deutschen Fußball-Bundes. Wie der Verband auch Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag bestätigte, wird der DFB-Kontrollausschuss zu Beginn der neuen Woche Ermittlungen aufnehmen. Dabei dürfte es jedoch vor allem um die vielen Schmäh-Spruchbänder gehen, die vor der Partie auf der Südtribüne des Stadions zu sehen waren. Grundsätzlich kann die DFB-Sportgerichtsbarkeit nur Vorkommnissen nachgehen und zur Verurteilung bringen, die innerhalb des Stadions stattfanden.

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