EU: Computer-Algorithmen können eigenständig Preis-Kartelle bilden

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 2 min
11.03.2018 18:47
Die EU-Wettbewerbskommissarin weist darauf hin, dass Computer-Programme eigenständig Preiskartelle aufbauen könnten.
EU: Computer-Algorithmen können eigenständig Preis-Kartelle bilden

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager warnt vor computergesteuerten Kartellen. Mit Preisabsprachen, die durch Algorithmen und Computerprogramme errechnet werden, könnte aus ihrer Sicht der freie Wettbewerb in der EU zum Erliegen kommen. Verhindern will die EU dies mit einer verbesserten Aufklärung und vermehrter Kontrollen.

Die Zeiten, in denen Unternehmen ihre Preise von Hand an die der Konkurrenz angepasst haben, sind vorbei. Laut einem Bericht der amerikanischen Onlinezeitung Politico wird diese Aufgabe heutzutage überwiegend von Robotern und Computerprogrammen übernommen. Für Vestager Grund zur Sorge. So könne der Einsatz künstlicher Intelligenz und computergesteuerter Algorithmen in diesem Bereich schwere Schäden für den freien Wettbewerb auf dem EU-Binnenmarkt verursachen.

Computergesteuerte Preisabsprachen sind der EU-Kartellbehörde bereits länger bekannt. Vor zwei Jahren deckten die Wettbewerbsschützer ein verdecktes Preiskartell auf der Online-Verkaufsplattform Amazon auf. Mit Hilfe computergesteuerter Software hatten zwei britische Poster-Händler zwischen 2011 und 2015 ihre Preise gegenseitig in die Höhe getrieben und einander stets angeglichen. Ausgangspunkt der gemeinsamen Preisgestaltung war die Vereinbarung gewesen, sich gegenseitig nicht zu unterbieten. Für ihr Handeln wurden sie von der EU mit Geldstrafen in Höhe von rund 180.000 Euro belegt.

Neu ist jedoch, dass sich die computergesteuerte Preisgestaltung künftig durch den Einsatz von Robotern verselbständigen könnte. Im vergangenen Dezember stellten Forscher im US-amerikanischen Pennsylvania ein Computerprogramm vor, nicht nur eigene Handlungsstrategien entwickeln kann. Vielmehr ist das Programm Liberatus auch in der Lage, das Verhalten seines Gegenübers binnen kürzester Zeit zu analysieren und zu prognostizieren und in das eigene Handeln einzubeziehen. Nach überwiegender Ansicht von Forschern aus IT und Wirtschaft stellt der Einsatz von Programmen wie Liberatus an sich keine Gefahr für einen freien Wettbewerb dar.

Zum Erliegen kann er nach Ansicht der Europäischen Kommission jedoch dann kommen, wenn mehrere Unternehmen einer Branche ihre Preise durch derartige Computerprogramme bestimmen ließen. In einem im vergangen Jahr veröffentlichten Bericht gab sie zu Bedenken, dass es durch die Verwendung von Preisbestimmungssoftware unweigerlich zu Preiserhöhungen für Verbraucher kommen werde. Darüber hinaus könnten sich Unternehmen durch die Verwendung derartiger Programme unbeabsichtigt einer Kartellbildung strafbar machen.

Für die EU-Wettbewerbskommissarin Vestager wäre dieser Umstand kein Grund zur Straffreiheit. Während der Internationalen Kartellkonferenz in Berlin im vergangenen März erklärte sie, Unternehmen seien für die Folgen, die durch die Verwendung von automatisierten Preisgestaltungsprogrammen entstehen, selbst verantwortlich. Zwar sei die Verwendung der Programme grundsätzlich legal, jedoch sei es Aufgabe des verwendenden Unternehmens, sich darüber zu informieren, wie derartige Programme arbeiteten und was sie bewirken könnten.

Unterstützung erhält Vestager aus den USA. Bereits im Zusammenhang mit dem aufgedeckten Amazon-Kartell erklärte der US-amerikanische stellvertretende Generalstaatsanwalt Bill Baer, derartige Preisbeeinflussungen würden in den USA nicht geduldet. Auch in den USA waren die britischen Poster-Händler zu Geldstrafen verurteilt worden.

Wie das amerikanische Wirtschaftsmagazin Wall Street Journal berichtet, sind Vorgänger von Liberatus bereits heutzutage bei mehreren niederländischen Tankstellenpächtern im Einsatz. Um einen optimalen Benzinpreis zu kreieren, überwachen diese Programme ständig den Benzinpreismarkt und analysieren, wie Kunden und Konkurrenten auf Preisänderungen regieren.


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik Slowenischer Außenminister im DWN-Interview: Die EU ließ uns während der Flüchtlingskrise im Stich

Die slowenische Online-Zeitung "Finance" hat für die DWN den ehemaligen slowenischen Ministerpräsidenten und jetzigen Außenminister,...

DWN
Politik
Politik Südamerika: Kontinent ohne Hoffnung

Über 500 Jahre nach seiner Entdeckung funktioniert Südamerika noch immer wie zu den Zeiten der spanisch-portugiesischen Herrschaft. Ist...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Rekordhohe Schulden der Unternehmen bedrohen das globale Finanzsystem

Die Anleiheschulden der weltweiten Unternehmen haben ein neues Rekordniveau erreicht. Die OECD sieht in diesem Zusammenhang eine Bedrohung...

DWN
Politik
Politik Deutsche Entwicklungshilfe landet in den Geldkoffern afrikanischer Eliten

Eine Studie der Weltbank kommt zu dem Schluss, dass die Eliten in armen Ländern erhebliche Teile der Entwicklungshilfe-Zahlungen auf die...

DWN
Politik
Politik „Westlessness“, oder: Der Traum von der guten alten Zeit, die es nie gab

"Westlessness" hieß das Schlagwort auf der diesjährigen, vor wenigen Tagen zu Ende gegangenen Münchener Sicherheitskonferenz. Es drückt...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutschland: Demenzerkrankungen steigen dramatisch an

In Deutschland leben derzeit 1,8 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Bis zum Jahr 2050 wird es einen drastischen Anstieg...

DWN
Technologie
Technologie Corona-Krise zeigt die Macht von Chinas Überwachungs-Technologie

Im Kampf gegen die Corona-Krise weitet China die technologische Überwachung und Kontrolle seiner Bürger massiv aus. Auch wenn die...

DWN
Politik
Politik Südamerika: Ein Kontinent steht in Flammen

Das neue Jahrhundert sollte eine Zeit der politischen Stabilität und des wirtschaftlichen Aufschwungs für Südamerika werden. Doch die...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Tesla - der Überflieger unter den E-Autoherstellern

Kein Hersteller ist so eng mit der E-Mobilität verbunden wie Tesla: Das Unternehmen hat seine Umsätze innerhalb nur weniger Jahre weit...

DWN
Finanzen
Finanzen Noch mehr Enteignung? Spar-Zinsen in der Eurozone könnten weiter gesenkt werden

Die Bestrebungen der EZB, den Einlagensatz von aktuell minus 0,5 Prozent weiter in den negativen Bereich zu senken, treffen auf heftigen...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft China: Einkaufsmanager-Index stürzt wegen Corona-Virus auf Rekord-Tief

Die Investmentbank Nomura erwartet einen Absturz des chinesischen Einkaufsmanager-Index für Februar auf unter 40 Punkte.

DWN
Deutschland
Deutschland Einkommen und Hausbau: Eine Ausbildung lohnt sich mehr als ein Studium

Einer Studie zufolge haben Menschen mit Ausbildungen in der Lebensphase, in der die Familiengründung und der Hausbau erfolgt, die Nase...

DWN
Politik
Politik Völker, hört die Signale: Kamerad Trump

Mr. President war einmal. Jetzt heißt es: Kamerad Trump. Nina L. Chruschtschowa, Politikwissenschaftlerin und Enkelin von Nikita...

DWN
Politik
Politik Teurer „Green Deal“: Tiefe Gräben zwischen Nettozahlern und Kommission um künftige EU-Beiträge

In den Verhandlungen um die künftigen EU-Beiträge sind die Fronten verhärtet. Auf der einen Seite stehen die Nettozahler wie...

celtra_fin_Interscroller