Politik

Zwischen Anspruch und Realität: Die Rückkehr der Kriegswirtschaft und das Erbe der Abrüstung

Während des Kalten Kriegs gab es detaillierte Pläne für die deutsche Wirtschaft im Krisenfall, in den 1990ern wurden diese weitgehend abgeschafft. Heute wird wieder über Kriegstauglichkeit gesprochen, doch viele Strukturen fehlen und müssten aufwendig neu aufgebaut werden – Militärexperte Thomas Meuter hat dazu eine klare Meinung. Die DWN haben mit ihm gesprochen.
19.03.2026 16:00
Lesezeit: 3 min
Zwischen Anspruch und Realität: Die Rückkehr der Kriegswirtschaft und das Erbe der Abrüstung
Rüstungsindustrie, Infrastruktur, Bundeswehr: Militärjournalist Thomas Meuter erklärt, was Deutschland braucht, um im Ernstfall wirklich vorbereitet zu sein (Foto: dpa).

Deutsche Wirtschaftsnachrichten (DWN): Die Bundesregierung spricht davon, dass Deutschlands Wirtschaft „kriegstauglich“ werden müsse. Was bedeutet das konkret?

Thomas Meuter: Während des Kalten Kriegs war Deutschland das mögliche Hauptschlachtfeld eines großen Konflikts. Deshalb existierten umfassende Planungen für eine zivil-militärische Verteidigung. Die Industrie sollte im Ernstfall schnell Rüstungsgüter liefern können, während gleichzeitig die Versorgung der Bevölkerung gesichert bleiben sollte.

Nach der Wiedervereinigung wurden diese Strukturen stark abgebaut. Die Bundeswehr wurde verkleinert, ebenso große Teile der Rüstungsindustrie. Anfang der neunziger Jahre arbeiteten noch rund 250.000 Menschen in diesem Bereich, heute deutlich weniger. Gleichzeitig ging durch Fusionen und politische Entscheidungen technisches Know-how verloren. Heute versucht Deutschland, diese Fähigkeiten wieder aufzubauen. Dazu gehört vor allem eine stärkere nationale Rüstungsindustrie. Dieser Prozess wird allerdings lange dauern.

DWN: Wie sah die Vorbereitung auf einen Krisen- oder Verteidigungsfall früher konkret aus?

Thomas Meuter: Viele große Unternehmen waren in entsprechende Planungen eingebunden. Produktionsanlagen konnten im Kriegsfall unbrauchbar gemacht werden, damit sie einem Gegner nicht in die Hände fielen. Auch wichtige Brücken verfügten über vorbereitete Sprengschächte, um sie im Ernstfall schnell zerstören zu können.

Zudem existierten umfangreiche Notfallpläne, die zivile Unternehmen, Speditionen und Versorgungsbetriebe einbezogen. Ziel war es, sowohl militärische Transporte als auch die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Die meisten dieser Strukturen wurden nach dem Ende des Kalten Kriegs abgeschafft.

DWN: Was müsste heute geschehen, um die deutsche Wirtschaft krisen- und kriegstauglicher zu machen?

Thomas Meuter: Ein zentraler Punkt ist der Ausbau der Rüstungsindustrie. Durch den Krieg in der Ukraine ist die Nachfrage nach militärischem Gerät stark gestiegen. Deutsche Unternehmen wie Rheinmetall, Hensoldt, KNDS oder Diehl verzeichnen volle Auftragsbücher. Gleichzeitig müssen Beschaffungsprozesse beschleunigt werden. Die Verfahren in Deutschland sind oft lang und stark bürokratisiert. Auch das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr arbeitet noch immer mit sehr komplexen Strukturen. Darüber hinaus ist eine bessere Sicherung kritischer Infrastruktur notwendig – etwa im Energiesektor oder bei wichtigen Transportwegen.

DWN: Welche weiteren Probleme sehen Sie?

Thomas Meuter: In Deutschland spielt Sicherheitspolitik in der öffentlichen Wahrnehmung eine vergleichsweise geringe Rolle. Viele Menschen beschäftigen sich kaum mit möglichen Krisen- oder Kriegsszenarien. Dabei sind wichtige Infrastrukturen potenziell verwundbar – etwa Stromnetze oder große Industrieanlagen. Auch Lieferketten für wichtige Komponenten können im Krisenfall schnell unterbrochen werden. Deshalb wäre es sinnvoll, bestimmte Schlüsseltechnologien und Produktionskapazitäten stärker im eigenen Land zu halten.

DWN: Kann die militärische Aufrüstung auch positive Effekte für die zivile Wirtschaft haben?

Thomas Meuter: Ja. Investitionen in militärische Technologien führen häufig zu Innovationen, die später auch zivil genutzt werden. Beispiele sind Entwicklungen in der Informationstechnologie, bei Verschlüsselungssystemen oder in der Drohnentechnik. Allerdings erfordert eine krisenfeste Wirtschaft eine enge Zusammenarbeit zwischen Staat und Industrie sowie erhebliche finanzielle Mittel.

DWN: Sind deutsche Unternehmen ausreichend auf einen Krisen- oder Kriegsfall vorbereitet?

Thomas Meuter: Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, dass viele Unternehmen noch nicht ausreichend vorbereitet sind. Zwar schützen sich viele Betriebe inzwischen besser gegen Cyberangriffe, doch Notfallpläne für größere Krisensituationen existieren oft nicht. Im Ernstfall müsste die Wirtschaft nicht nur militärische Güter produzieren, sondern vor allem die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen. Dafür sind stabile Lieferketten und funktionierende Infrastruktur entscheidend.

DWN: Wie beurteilen Sie die Lage der Bundeswehr?

Thomas Meuter: Die Bundeswehr steht vor großen Herausforderungen. Es fehlt weiterhin an Personal, Material und Munition. Gleichzeitig sollen neue Fähigkeiten aufgebaut werden und internationale Verpflichtungen erfüllt werden, etwa die Aufstellung einer Brigade in Litauen. Der Verteidigungsminister muss daher gleichzeitig die Streitkräfte modernisieren, Personal gewinnen und die Zusammenarbeit mit der Industrie verbessern.

DWN: Was sollte politisch vorrangig geschehen?

Thomas Meuter: Zunächst müsste in der Öffentlichkeit stärker darüber diskutiert werden, ob und inwieweit eine umfassende Sicherheitsvorsorge notwendig ist. Danach sollten Politik, Militär und Wirtschaft enger zusammenarbeiten, um konkrete Maßnahmen umzusetzen. Nur so kann Deutschland langfristig besser auf mögliche Krisen vorbereitet werden.

Info zur Person: Thomas Alexander Meuter (63) ist seit rund 35 Jahren wehrtechnischer Journalist und beschäftigt sich mit militärischen Fragen und Ausrüstungen von Streitkräften. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf der weltweiten Luftwaffen- und Heeresrüstung und militärische Analysen von Konflikten sowie Technologien, die dort zum Einsatz kommen. Das Thema Altmunition, Landminen und militärische Altlasten bearbeitet er ebenfalls redaktionell. Er ist erfolgreicher Fachbuchautor und Chefredakteur des Verlags MD&Partner in Meckenheim bei Bonn.

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Moritz Enders ist freier Autor und schreibt seit 2017 regelmäßig für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Er studierte Geschichte in Rom und Sevilla, Enders ist außerdem Autor und Regisseur. Mehrere Dokumentarfilme brachte er unter anderem für das ZDF und arte auf den Bildschirm, zum Beispiel „Schüsse auf dem Petersplatz – wer wollte den Papst ermorden?“ und „Tod eines Bankers – der Skandal um die älteste Bank der Welt“. Im Februar 2026 ist sein Roman „Die Prinzessin von Centocelle“ erschienen, dessen Hauptfiguren neben der Prinzessin ein Tierpfleger im Ruhestand, ein Schimpanse, ein Privatdetektiv und der Doppelgänger eines Top-Terroristen sind.

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