Das Kreditprogramm des IWF steht in Argentinien vor dem Scheitern

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 3 min
27.08.2019 16:33
In Argentinien bahnt sich ein Regierungswechsel an, in dessen Folge der IWF auf Forderungen in Milliardenhöhe sitzen bleiben könnte. Es wäre das zweite Mal innerhalb von zwei Jahrzehnten.
Das Kreditprogramm des IWF steht in Argentinien vor dem Scheitern
IWF-Chefin Christine Lagarde - hier mit Wirtschaftsminister Nicolas Dujovne - hat im letzten Jahr das Kreditprogramm für Argentinien unterzeichnet, das nun zu platzen droht. (Foto: dpa)

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Am Wochenende ist ein Team des Internationalen Währungsfonds (IWF) nach Buenos Aires geflogen, um dort die Zukunft seiner Kredite für Argentinien auszuloten. Der Fonds hatte dem Land im vergangenen Jahr einen Rekordkredit in Höhe von 56 Milliarden Dollar eingeräumt und damit einen Staatsbankrott verhindert.

Um diesen Kredit zu erhalten, musste Argentinien ein IWF-Programm akzeptieren, das dem Land unter anderem Kürzungen im Staatshaushalt auferlegt. Doch der Bailout zeigt nur wenig Erfolg. Die argentinische Wirtschaft ist weiter in der Rezession. Und nun drohen dem Fonds Milliarden-Verluste.

Denn bei einer wichtigen Vorwahl vor zwei Wochen hat der oppositionelle Kandidat Alberto Fernandez dem amtierenden Präsidenten Mauricio Macri überraschend eine herbe Niederlage beigebracht. Nun gilt Fernandez, der das IWF-Hilfsprogramm überarbeiten will, als Favorit für die Präsidentenwahl im Oktober. Nicht zuletzt der Unmut der Argentinier über die harten vom IWF vorgegebenen Maßnahmen hatten zum Wählerumschwung geführt. Dies führte umgehende zu einem Einbruch der argentinischen Finanzmärkte und der Landeswährung. Der Peso brach im Verlauf von nur einer Woche um 20 Prozent ein, und die Renditen für Staatsanleihen schossen in die Höhe. Das implizite Ausfallrisiko stieg auf über 80 Prozent.

Nach den Beratungen mit den IWF-Vertretern am Wochenende sagte Fernandez' Wahlbündnis Frente de Todos, dass es weder den Plänen der amtierenden Regierung von Mauricio Macri noch den Empfehlungen des IWF zustimmt. Damit steht der IWF nun vor einer schwierigen Entscheidung.

Denn einerseits erscheint die Zukunft des IWF-Programms nun höchst ungewiss und weitere Kreditzahlungen werden womöglich nie zurückgezahlt. Doch anderseits würde der Fonds riskieren, die Turbulenzen noch zu verschlimmern, wenn er im September die nächste Zahlung in Höhe von 5,3 Milliarden Dollar zurückhält.

Zwar sind die Präsidentschaftswahlen in Argentinien noch zwei Monate entfernt. Doch Macris deutliche Niederlage gegen Alberto Fernandez und seine Mitstreiterin, die frühere argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, hat dazu geführt, dass Analysten ihn bereits abgeschrieben haben.

Wackelnde Vereinbarung mit Argentinien ist eine Peinlichkeit für den IWF

"Der IWF hat viel investiert - nicht nur Geld, sondern auch Prestige", sagt Hector Torres, ein ehemaliger Exekutivdirektor des IWF. "Die Tatsache, dass die Vereinbarung im Moment nicht gut funktioniert, ist eine Peinlichkeit", zitiert ihn Bloomberg. Die September-Zahlung werde "eine schwierige Entscheidung sein".

Bis Anfang des Monats war Argentinien auf bestem Wege, in diesem Jahr das IWF-Ziel eines ausgeglichenen Haushalts zu erreichen (Zinszahlungen nicht eingerechnet). Der Fonds könnte diese positive Entwicklung in der ersten Jahreshälfte als Grund für die Auszahlung im nächsten Monat anführen. Allerdings hat die Regierung von Macri nach der herben Wahlschlappe vor zwei Wochen damit begonnen, ihre Politik zu lockern. Sie hat die Treibstoffpreise eingefroren und staatliche Ausgaben erhöht, was die jüngste Talfahrt des Pesos und die Inflation im Land noch weiter in die Höhe zu treiben droht.

Fitch Ratings prognostiziert nun ein Primärdefizit (das heißt Zinszahlungen nicht eingerechnet) von 1 Prozent. Die Regierung hingegen sagt noch immer, dass sie die Haushaltsziele des IWF erreichen wird. Daher könnte der Fonds auch zu dem Schluss kommen, dass Argentinien seine Ziele nicht erfüllt. Dann wäre die Auszahlung im September gefährdet, zitiert Bloomberg Daniel Marx, der vor zwei Jahrzehnten als argentinischer Finanzminister mit dem IWF verhandelte und nun in Buenos Aires das Unternehmen Quantum Finanzas leitet.

Doch nicht nur die argentinische Regierung, sondern auch die Zentralbank des Landes könnte gegen die Vorgaben des IWF verstoßen. Denn sie hat massiv Währungsreserven eingesetzt, um den Peso zu verteidigen. "Jetzt, wo sie anfangen, in die Spotmärkte einzugreifen, könnte sich das auf die Nettoreserven auswirken", so Marx. Zwar gelang es der Zentralbank in der vergangenen Woche, die Währungs- und Anleihemärkte zu stabilisieren. Doch Staatsschulden, die Argentinien nach 2018 zurückzahlen muss, handeln weiter bei weniger als der Hälfte ihres theoretischen Werts. Auch dies ist ein Warnsignal für den IWF.

Der Internationale Währungsfonds hat spezielle Kriterien für die Vergabe von Milliardenkrediten, die nach der Griechenlandkrise überarbeitet wurden. Die Einhaltung der vereinbarten Programme wird jetzt bei jeder Überprüfung neu bewertet. Bei zwei dieser Kriterien hat Argentinien derzeit erhebliche Schwierigkeiten, wie man auf den Finanzmärkten sehen kann. Der IWF muss sicherstellen können, dass die Schulden eines Kreditnehmers nachhaltig sind und dass er gute Aussichten auf Zugang zu privatem Kapital hat.

Es droht eine Wiederholung der Geschichte

Oppositionsführer Fernandez hat in den Jahren nach der Krise Ende 2001 in der Rolle des argentinischen Kabinettschefs bereits Erfahrungen mit dem IWF gemacht. Damals verfehlte Argentinien mehrere Haushaltsziele im Rahmen des Kreditprogramms, doch der IWF erhöhte seine Kredite. Dann kündigte die argentinische Regierung an, dass sie sich auf eine Umschuldung vorbereitet. In der Folge eilten Bürger zu ihren Banken, um ihr Geld abzuheben. Doch die Behörden hatte ihre Guthaben bereits eingefroren. Viele Argentinier machen noch heute den IWF dafür verantwortlich.

Fernandez sagt, dass es keine Wiederholung dieser Ereignisse geben werde. "Es besteht keine Möglichkeit, dass Argentinien in Zahlungsverzug gerät, wenn ich Präsident bin", sagte er vergangene Woche. Das IWF-Programm muss seiner Ansicht nach aber überarbeitet werden, damit Argentinien wieder wachsen könne.

"Der IWF steckt in der Klemme", zitiert Bloomberg einen Analysten. "Es erinnert mich an das Sprichwort: Wenn du der Bank 100 Dollar schuldest, ist das dein Problem. Wenn du der Bank 100 Millionen Dollar schuldest, ist das das Problem der Bank."

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Unternehmen
Unternehmen Elektromobilität: In jedem Wandel stecken Chancen

Emissionen verringern, Kosten sparen und Imagegewinne erzielen – die Gründe für Unternehmen, in der Flotte auf Fahrzeuge mit...

DWN
Deutschland
Deutschland Alkohol, Parties, Fieber-Ambulanzen: Das sind die neuen Corona-Restriktionen

Bund und Länder haben sich auf neue restriktive Maßnahmen im Rahmen der Bekämpfung des Corona-Virus geeinigt.

DWN
Politik
Politik Feiern in öffentlichen Räumen werden auf 50 Teilnehmer beschränkt

Bund und Länder wollen angesichts anhaltend hoher Corona-Infektionszahlen Feiern in öffentlichen oder angemieteten Räumen auf maximal...

DWN
Politik
Politik Demos in Weißrussland: Für die EU spielen Corona-Regeln plötzlich keine Rolle mehr

Die EU und Kanzlerin Merkel machen keinen Hehl aus ihrer Unterstützung für die Demos in Weißrussland. Doch die Massendemos verlaufen...

DWN
Deutschland
Deutschland Illegale Tanzparty: Berliner Gastronom muss 5.000 Euro zahlen

Ein Berliner Gastronom muss nach einer Tanzparty 5.000 Euro Bußgeld zahlen. Bei der Veranstaltung seien die Corona-Hygienevorschriften...

DWN
Politik
Politik „The Great Decline“: Es gibt Anzeichen für das Ende der USA als Weltmacht

Der frühere Bürochef von US-Außenminister Colin Powell sieht in der Militär-Struktur der USA Anzeichen dafür, dass das Land als...

DWN
Deutschland
Deutschland Tierwohl-Steuer würde jeden Verbraucher 35 Euro im Jahr kosten

Die Einführung einer Tierwohl-Steuer in Deutschland könnte Verbraucher in Deutschland 35,02 Euro pro Jahr kosten.

DWN
Deutschland
Deutschland Skandal um Pkw-Maut: Opposition fordert Rücktritt von Verkehrsminister Scheuer

Die Opposition im Bundestag kritisiert vor dem Hintergrund des Debakels um die Pkw-Maut die Politik von Bundesverkehrsminister Andreas...

DWN
Politik
Politik Südafrikas Corona-Restriktionen drängen Millionen in Arbeitslosigkeit

In Südafrika haben bisher 2,2 Millionen Menschen aufgrund der Corona-Restriktionen ihre Arbeitsplätze verloren.

DWN
Finanzen
Finanzen Insider: Neuer Richtungsstreit an der Spitze der EZB ausgebrochen

Im Führungsgremium der Europäischen Zentralbank sollen namentlich nicht bekannten Insidern zufolge neue Grabenkämpfe ausgebrochen sein.

DWN
Deutschland
Deutschland „Aale Dieter“ boykottiert Corona-Wahnsinn auf dem Hamburger Fischmarkt

Wegen des Coronavirus wird der Hamburger Fischmarkt bis zur Unkenntlichkeit verändert. Ein Urgestein boykottiert nun das Schauspiel.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Immobilien-Deal: Vatikan erhebt schwere Vorwürfe gegen Top-Kardinal

Kardinal Giovanni Angelo Becciu muss wegen einer Untersuchung des Vatikans zurücktreten. Becciu soll eine fragwürdige...

DWN
Politik
Politik EU beginnt mit Entwicklung von Kampf-Drohnen – ohne die USA

Deutschland, Frankreich und zwei weitere EU-Staaten werden im aktuellen Jahr mit der Entwicklung von europäischen Kampf-Drohnen beginnen,...

DWN
Deutschland
Deutschland Alkoholverbote und Obergrenzen - das sind die Corona-Forderungen der Bundesregierung im Detail

Die Bundesregierung schlägt den Ländern vor den anstehenden Corona-Gesprächen weitreichende Maßnahmen vor.

DWN
Politik
Politik Großbritannien: Corona-Regierungsberater hält Aktien von Impfstoffhersteller

Der Chefberater der britischen Regierung in der Corona-Krise, Sir Patrick Vallance, hält Aktien von jenem Unternehmen, das damit...

celtra_fin_Interscroller