Politik

Sabotage in der Ostsee: NATO setzt verstärkt auf Unterwasserdrohnen

Beschädigte Seekabel in der Ostsee rücken autonome Unterwasserdrohnen verstärkt in den sicherheitspolitischen Fokus der NATO-Staaten. Können diese Systeme die Aufklärung möglicher Sabotageakte auf wirklich See spürbar verbessern?
17.02.2026 16:00
Lesezeit: 4 min
Sabotage in der Ostsee: NATO setzt verstärkt auf Unterwasserdrohnen
Neue Unterwasserdrohnen sollen die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöhen, Verursacher von Kabelschäden in der Ostsee zu identifizieren (Foto: iStock.com, Tomassino) Foto: Tomassino

Unterwasserdrohnen sollen Ostsee-Infrastruktur schützen

In der Ostsee sind in den vergangenen Jahren wiederholt Seekabel beschädigt worden. Mehrfach betraf dies Leitungen, die von litauischen Telekommunikationsanbietern genutzt werden. Auch wenn es bislang keine gravierenden Ausfälle gab, haben die Vorfälle die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur deutlich gemacht.

Zu Beginn dieses Jahres sorgte ein weiterer Zwischenfall für Aufsehen. Ein vorbeifahrendes Schiff kappte das Glasfaserkabel zwischen Liepaja und Sventoji vollständig. Der Betreiber Arelion, früher Teil der Telia-Gruppe und bekannt als Telia Carrier, bestätigte die komplette Unterbrechung der Verbindung.

Zwar blieben größere Störungen für Endkunden aus. Dennoch gilt als offensichtlich, dass Telekommunikationskabel nicht ohne äußere Einwirkung reißen. Die Häufung ähnlicher Ereignisse hat daher sicherheitspolitische Diskussionen in der Region neu entfacht.

Hybride Bedrohung und NATO-Mission

Ein einzelner Vorfall mag als Zufall erscheinen, mehrere jedoch lassen auf ein mögliches Muster schließen. Der Blick richtet sich dabei häufig nach Osten, da Politiker die Zwischenfälle mit Formen hybrider Einflussnahme in Verbindung bringen.

Die NATO reagierte bereits im Januar vergangenen Jahres mit der Mission Baltic Sentry. Ziel ist es, die Überwachung der Ostsee zu intensivieren und kritische Infrastruktur besser zu schützen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine vor fast vier Jahren hat sich das sicherheitspolitische Umfeld spürbar verändert.

Unbemannte Systeme spielen in modernen Konflikten eine zunehmend zentrale Rolle. Während bislang vor allem Drohnen in der Luft im Fokus standen, gewinnen nun auch autonome Systeme unter Wasser an strategischer Bedeutung.

Technologischer Wandel unter Wasser

Mehrere Marinen investieren gezielt in Unterwasserdrohnen. Die britische Royal Navy testete Ende vergangenen Jahres erstmals autonome Systeme, um maritimen Bedrohungen effektiver begegnen zu können. Auch die USA treiben entsprechende Programme voran.

Der Rüstungskonzern Lockheed Martin präsentierte mit Lamprey eine autonome Langstrecken-Unterwasserdrohne, die sich an Schiffsrümpfe anheften kann, um Energie zu sparen und die Reichweite zu erhöhen.

Die strategische Relevanz dieser Technologie liegt auf der Hand. Meere sind weitläufige Räume, deren Kontrolle mit bemannten Einheiten kostenintensiv und personalaufwendig ist. Wird Infrastruktur beschädigt, lassen sich Verantwortliche bislang kaum unmittelbar identifizieren.

Euroatlas drängt in den NATO-Markt

Das Bremer Verteidigungstechnologieunternehmen Euroatlas plant, entsprechende Systeme auch den baltischen Staaten anzubieten. Darauf verwies das Unternehmen im Gespräch mit der estnischen Zeitung Postimees und bestätigte laufende Kontakte.

Geschäftsführer Eugene Ciemnyjewskis erklärte, man stehe auf unterschiedlichen Ebenen mit nahezu allen NATO-Staaten in Verbindung. Einige Länder signalisierten grundsätzliches Interesse, andere planten bereits Tests auf See, die in konkrete Bestellungen münden könnten.

Euroatlas wurde 1962 als Gemeinschaftsunternehmen deutscher und US-amerikanischer Firmen gegründet. Das Unternehmen ist traditionell in der Leistungselektronik sowie bei Komponenten für Kampfjets und U-Boote tätig und verfügt über jahrzehntelange Erfahrung im Unterwasserbereich.

Vom U-Boot-Zulieferer zum Drohnenanbieter

Der neue Geschäftsbereich konzentriert sich auf Hochtechnologielösungen wie die Unterwasserdrohne Greyscale. Der Schritt sei eine konsequente Weiterentwicklung gewesen, nachdem man viele Jahre als Zulieferer konventioneller U-Boote tätig war.

Ein Impuls sei von einer Marineausstellung vor drei Jahren ausgegangen, auf der ein Admiral der deutschen Marine eine Flottenstrategie mit starkem Fokus auf unbemannte Systeme vorstellte. Seither habe sich die Nachfrage nach autonomen Lösungen deutlich verstärkt.

Hersteller betonen, dass Unterwasserdrohnen die Fähigkeit zur Verfolgung von Unterwasser- und Überwasserschiffen erheblich verbessern können. Eine präzisere Ortung steigere die Reaktionsgeschwindigkeit im Ernstfall und könne zugleich abschreckend wirken.

Einsatz im autonomen Verbund

Darüber hinaus eignen sich die Systeme zur Suche nach Seeminen oder zur Überwachung sensibler Leitungen. Da sie autonom operieren, können mehrere Einheiten im Verbund zusammenarbeiten und Aufgaben eigenständig aufteilen.

Euroatlas empfiehlt den Einsatz von sechs Drohnen pro Einheit. Eine Drohne könnte ein beschädigtes Kabel lokalisieren, eine weitere Daten an Land übermitteln und eine dritte Informationen an ein Satellitenkontrollzentrum senden, während andere nach dem verantwortlichen Schiff suchen.

Nach Einschätzung des Unternehmens sollte dennoch eine menschliche Entscheidungsinstanz in der Befehlskette verbleiben. Bei ausreichendem Vertrauen in die Technik könnten die Systeme jedoch auch vollständig autonom operieren und ihre Mission selbstständig ausführen.

Produktionskapazitäten und Investitionsbedarf

Die Drohne Greyshark ist mittelgroß und kann bis zu fünfeinhalb Tage ununterbrochen unter Wasser bleiben. Eine weiterentwickelte Version soll diese Einsatzdauer perspektivisch auf bis zu 16 Wochen ausdehnen und damit deutlich größere Überwachungsräume ermöglichen.

Die Marschgeschwindigkeit liegt bei rund zehn Knoten, etwa 18,5 Kilometer pro Stunde, die Höchstgeschwindigkeit bei rund 14 Knoten oder 26 Kilometern pro Stunde. Perspektivisch strebt das Unternehmen eine Geschwindigkeit von bis zu 20 Knoten an, was rund 37 Kilometern pro Stunde entspricht.

Nach Angaben des Geschäftsführers sind die Systeme serienreif und bereits an zwei europäische Kunden verkauft worden. Um die Ostsee umfassend zu sichern, wären nach groben Schätzungen zwischen 180 und 240 Einheiten erforderlich.

Derzeit kann Euroatlas rund 150 Drohnen produzieren. Strategischer Partner ist der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall, der Ende 2025 mit dem Bau einer Fabrik in Litauen begonnen hat. Die Produktionskapazitäten könnten perspektivisch auf bis zu 500 Einheiten jährlich erhöht werden.

Kosten und Bedeutung für Deutschland

Die Systeme gelten als kostenintensiv. Laut Reuters kann der Preis pro hochwertiger Einheit mehrere Millionen Euro betragen. Zwei bereits im vergangenen Jahr unterzeichnete Verträge mit europäischen Verteidigungsministerien hatten ein Volumen von mehr als 100 Millionen Euro.

Für eine umfassende Absicherung der Ostsee wären Investitionen in zweistelliger oder sogar dreistelliger Millionenhöhe notwendig. Gleichzeitig verweist das Unternehmen darauf, dass kein Personal an Bord erforderlich ist und somit keine Menschenleben gefährdet werden.

Für Deutschland besitzt die Entwicklung unmittelbare strategische Relevanz. Als Ostseeanrainer und zentrale Volkswirtschaft Europas ist die Bundesrepublik auf stabile Daten- und Energieverbindungen angewiesen. Der Ausbau autonomer Unterwassersysteme dürfte daher auch für die deutsche Sicherheits- und Infrastrukturpolitik weiter an Bedeutung gewinnen.

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