Politik

Europas nukleares Dilemma: Zwischen Paris und Washington

Wirtschaftlich ist Europa ein Riese, militärisch jedoch – gerade im nuklearen Bereich – noch immer ein Juniorpartner der USA. Kanzler Merz will das nun ändern und die Verhandlungen über einen europäischen Atomschirm vorantreiben. Wir klären die Hintergründe: Warum die nukleare Autonomie die größte Herausforderung der kommenden Jahrzehnte ist und welche Hürden Berlin und Paris jetzt überwinden müssen.
16.02.2026 17:03
Lesezeit: 3 min

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat Deutschland und anderen EU-Partnern bereits 2020 während der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump Gespräche über eine europäische Kooperation bei der atomaren Abschreckung angeboten. Bei der damaligen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stieß er aber auf genauso wenig Resonanz wie bei ihrem Nachfolger Olaf Scholz (SPD). Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat das Angebot jetzt angenommen.

Wie funktioniert die atomare Abschreckung aktuell?

Sie basiert derzeit auf den US-Atomwaffen, von denen Schätzungen zufolge noch etwa 100 in Europa stationiert sein sollen, einige davon auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel. Im Ernstfall sollen die in Büchel stationierten Bomben von Kampfjets der Bundeswehr eingesetzt werden – das sieht die sogenannte nukleare Teilhabe der Nato vor. Auch in Belgien, den Niederlanden, Italien und in der Türkei sollen noch US-Atombomben lagern. Offizielle Angaben gibt es dazu nicht.

Die Nuklearwaffen der beiden einzigen Atommächte Frankreich und Großbritannien, das der EU nicht mehr angehört, fungieren bei der nuklearen Abschreckung der Nato derzeit lediglich als Ergänzung.

Wie groß ist Frankreichs Atomwaffen-Arsenal?

Nach Schätzungen des Friedensforschungsinstituts Sipri verfügen die USA über 1.770 einsatzbereite Atomwaffen; Frankreich über 280 und Großbritannien über 120. Konkret hat Frankreich vier Atom-U-Boote, von denen Raketen mit Atomsprengköpfen mit einer Reichweite von etwa 10.000 Kilometern abgefeuert werden können. Auch aus der Luft kann Frankreich Atomwaffen einsetzen. Seine Rafale-Kampfjets können die gut 50 Marschflugkörper des Landes mit Nuklearsprengköpfen abschießen.

Was müsste für einen europäischen Schutzschirm getan werden?

Es wären vermutlich riesige Investitionen erforderlich, Schätzungen gehen bis in den dreistelligen Milliardenbereich. Wie ein solcher Schirm organisiert werden könnte, ist unklar. Theoretisch könnte Frankreich einfach garantieren, seine Atomwaffen auch zum Schutz europäischer Interessen einzusetzen. Auch eine Stationierung auf dem Gebiet von EU-Partnern wie Deutschland, Polen oder im Baltikum wäre denkbar, um die Reichweite der Waffen nach Russland zu verkürzen.

Aus französischer Sicht müssten sie aber unter strikter französischer Kontrolle bleiben, ihre Lagerorte von französischen Streitkräften geschützt werden. Präsident Macron hat klargestellt, dass der Einsatzbefehl bei Frankreichs Staatschef verbleiben müsste. Das wiederum dürfte für die europäischen Partner ein Problem sein.

Auch eine Einbindung der britischen Atomwaffen wäre denkbar, auch wenn Großbritannien kein EU-Mitglied ist.

Wie steht Merz zum Angebot Macrons?

Der CDU-Chef hatte sich anders als seine Vorgänger bereits im Wahlkampf zu Gesprächen darüber bereit erklärt und das bei seinem Antrittsbesuch in Paris als Bundeskanzler im Mai bekräftigt. Als Unions-Fraktionschef Jens Spahn (CDU) im vergangenen Sommer eine deutsche Führungsrolle in der Diskussion forderte, bremste er aber zunächst. Es handele sich um eine Aufgabe, «die sich allenfalls in der sehr, sehr langen Perspektive hier stellt, weil es da doch eine große Zahl von Fragen zu beantworten gilt».

Seit der Grönland-Krise, die das Vertrauen zwischen den Europäern und den USA massiv beschädigt hat, geht Merz offensiver mit dem Thema um. Ende Januar sagte er erstmals öffentlich, dass es Gespräche über einen europäischen Atomschirm gebe. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz konkretisierte er, dass er auf Spitzenebene mit Macron darüber spreche.

Ist sich die Koalition einig?

Nur so halb. Vizekanzler und SPD-Chef Lars Klingbeil befürwortet die Gespräche mit Frankreich. «Wir haben vor ein paar Wochen gesagt, wenn Frankreich uns Gespräche anbietet, dann sollten wir unter Freunden diese Gespräche auch führen», sagte er am Samstag in München der dpa. Verteidigungsminister Boris Pistorius, Parteifreund von Klingbeil und in der Regierung für die deutsche Beteiligung an der nuklearen Abschreckung zuständig, ist skeptischer. Er warnte in München vor Doppelstrukturen und Doppelbemühungen.

Warum ist die Diskussion eine Gratwanderung?

Weil sie die USA verärgern und zu einem Rückzug der US-Atombomben führen könnte nach dem Motto: Dann schützt euch doch selbst gegen russische Atomraketen! Andererseits könnte sich Trump auch unabhängig von der europäischen Debatte für einen Abzug der US-Atomwaffen entscheiden. Dann wäre Europa der atomaren Bedrohung aus Russland schutzlos ausgeliefert.

Wird Deutschland am Ende selbst Atombomben beschaffen?

Das ist nach aktueller Vertragslage nicht möglich. Deutschland hat sich in zwei völkerrechtlich bindenden Verträgen verpflichtet, keine eigenen Atomwaffen zu besitzen: im sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrag im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung sowie im sogenannten Atomwaffensperrvertrag von 1970. Letzterer sieht vor, dass nur die offiziellen Atommächte USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien Nuklearwaffen besitzen dürfen.

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