Wirtschaft

Hat Deutschland die Lösung für Europas Stromnetz-Krise gefunden?

Deutschland erlebt einen Solarboom auf Dächern, Balkonen und Parkplätzen. Während Dänemark unter einem überlasteten Stromnetz leidet, zeigen deutsche Akteure, wie private Haushalte, Batterien und digitale Steuerung die Energiewende beschleunigen könnten.
03.06.2026 16:04
Lesezeit: 8 min
Hat Deutschland die Lösung für Europas Stromnetz-Krise gefunden?
In Deutschland sind im vergangenen Jahr nach Angaben der Solarbranche so viele neue Solaranlagen zur Strom- und Wärmeerzeugung errichtet worden wie nie zuvor. (Foto: dpa) Foto: Jens Büttner

Solarboom auf deutschen Dächern entlastet das Stromnetz

Mein Nachbar Claus ist dabei, Solaranlagen auf seiner Rasenfläche zu errichten, schreibt unser Kollegen von Børsen. Bambusstäbe rahmen derzeit die 35 Quadratmeter ein, denen nur noch die letzten Genehmigungen fehlen, bevor er der erste Besitzer eines nach Süden ausgerichteten Eisenfeldes in der Straße wird. Als früher in diesem Jahr die Hecke geschnitten wurde, pflanzte er eine Idee. Claus, der auch ein Elektroauto fährt und Erdwärme nutzt, erzählte leidenschaftlich von einem gewaltigen Solarboom in Deutschland.

Der Nachbar im Süden, Deutschland und nicht Claus, hat nämlich eine volkstümliche Energierevolution in Gang gesetzt. Während sich die Probleme beim dänischen Netzbetreiber Energinet häufen, schießen Solaranlagen in hohem Tempo auf deutschen Hausdächern, Parkplätzen und Balkonen empor.

Besonders seit der Energiekrise im Jahr 2022 hat der Ausbau Fahrt aufgenommen. In den Jahren 2023 und 2024 kamen gut 30 Gigawatt neue Solarkapazität hinzu. Das entspricht ungefähr dem Siebenfachen der Kapazität der drei Atomkraftwerke, die Deutschland 2023 abgeschaltet hat. Anders als in Dänemark wird der Ausbau nicht von großen Freiflächenanlagen getragen.

Jeder sechste deutsche Haushalt hat inzwischen eine Solaranlage. Gleichzeitig hat sich die sogenannte Balkonsolarenergie stark beschleunigt. Dabei handelt es sich um Plug-and-play-Anlagen, die auf dem Balkon montiert und direkt mit dem Verbrauch der Wohnung verbunden werden können. Mehr als eine Million Menschen haben "Balkonkraftwerke" aufgestellt, zu denen Vermieter grundsätzlich nicht Nein sagen können. In Dänemark ist es nicht erlaubt, die Balkonanlagen direkt in die Steckdose einzustecken.

"Deutschland hat wirklich etwas gefunden. Sehen Sie sich nur diese Balkonanlagen an. Sie geben Herrn und Frau Jensen in einem Wohnblock die Möglichkeit, an der grünen Umstellung teilzunehmen und zugleich Geld zu sparen", sagt Peter Ingemann am Telefon, als die Fahrt einige Monate später im Auto in Richtung Deutschland geht.

Ingemann ist Moderator bei TV2 und begeistert von der grünen Umstellung, über die er auch Vorträge hält. Außerdem ist er der Schwager von Nachbar Claus und damit der wichtigste Grund dafür, dass Claus sich vollständig auf die Elektrifizierung seines Haushalts eingelassen hat. "Gerade sind Sonne und Batterien schlicht ein dreifacher Gewinn", fährt Peter Ingemann fort und erläutert. Energieunabhängigkeit von "Tyrannen", Klima und Geldbeutel.

In Hamburg, der zweitgrößten Stadt Deutschlands, führt der Weg in einem hohen Gebäude zu Jan Rispens, Geschäftsführer von Renewable Energy Hamburg, dem grünen Energiecluster der Region. "Ja, es ist wirklich sehr schnell gegangen", bestätigt er.

Solar und Batterien verändern den Markt

Rispens leitet ein Cluster mit 320 Mitgliedsunternehmen, die daran arbeiten, die Region Hamburg mit ihren 5,4 Millionen Einwohnern zu einem europäischen Zentrum für grüne Energie zu machen. Außerdem hat er selbst vor Kurzem Solaranlagen auf dem Dach und eine Batterie im Hauswirtschaftsraum zu Hause bekommen. "Die vergangenen Jahre haben einen gewaltigen Solarboom gebracht", sagt er.

Im Jahr 2024 wurden in Deutschland mehr als eine Million neue Solaranlagen ans Netz angeschlossen. Etwa die Hälfte aller neuen Anlagen wird auf privaten Hausdächern installiert, die zugleich die größte Einzelkategorie bilden und 38 Prozent der gesamten Solarkapazität ausmachen. In Dänemark sind die Zahlen weniger klar. Doch eine Akteneinsicht der Energiebehörde zeigt, dass private Haushalte im Jahr 2024 weniger als 10 Prozent der neuen Solarkapazität beisteuerten.

Die Erklärung für den deutschen Solarboom ist vielfältig, meint Jan Rispens. Zuerst kam der Schock der Energiekrise im Jahr 2022, der viele Private dazu brachte, nach Alternativen zu Gas zu suchen. Der aktuelle Schock durch den Iran-Konflikt hat eine weitere Ebene der Energieunsicherheit hinzugefügt. Parallel dazu sind chinesisch produzierte Solaranlagen und Batterien stark im Preis gefallen. Zuletzt hat Deutschland Mehrwertsteuerfreiheit, Steuerfreiheit und eine erleichterte Registrierung neuer Solaranlagen eingeführt.

"Was wir jetzt sehen, ist, dass man den normalen Stromverbrauch mehr oder weniger durch Solarstrom ersetzen kann, wenn man eine Solaranlage auf dem Dach hat und sie mit einer Batterie kombiniert", sagt Jan Rispens, der selbst ausgebildeter Elektroingenieur ist.

Auch der Batteriemarkt wächst in Deutschland stark. Im Jahr 2024 wurden fast 600.000 neue Batteriespeicher installiert. Das erhöhte die gesamte Speicherkapazität um rund 50 Prozent. Der weitaus größte Teil wurde in privaten Haushalten aufgestellt. "Batterien sind so billig geworden, dass ich fast nicht glaube, dass es noch neue Solarinstallationen gibt, die nicht mit irgendeiner Form von Batterie kombiniert werden." Doch je mehr Solar- und Windstrom ins System kommt, desto größer werden die Kopfschmerzen der Netzbetreiber.

Kann das Stromnetz mithalten?

In Dänemark sind die Probleme gut beschrieben. Das Stromnetz ist so stark belastet, dass neue Unternehmen, Rechenzentren und Energieanlagen darauf warten müssen, angeschlossen zu werden. In der vergangenen Woche verlängerte Energinet erneut die Pause für neue Netzanschlüsse. Hier besteht die Antwort in hohem Maß aus massiven Investitionen in den Ausbau des Stromnetzes. In Deutschland ist die Diskussion dieselbe. Neue Hochspannungsleitungen sollen unter anderem Windenergie aus dem Norden zur Industrie im Süden bringen.

Fragt man jedoch den Unternehmer Philipp Schröder, lautet die Antwort nicht mehr und größere Kabel. Schröder war früher Landeschef von Tesla in Deutschland und gründete 2021 das Energietechnologieunternehmen 1Komma5. Der Name verweist auf das Pariser Ziel, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Nur 23 Monate später erreichte das Unternehmen Unicorn-Status mit einer Bewertung von 1 Milliarde Euro. Das Unternehmen hat inzwischen 3000 Beschäftigte und ist in sieben Ländern vertreten, darunter Dänemark. "Für die Stromnetzunternehmen ist es eine Geldmaschine, weiter in das Stromnetz zu investieren, statt darüber nachzudenken, es besser zu nutzen", sagt Philipp Schröder beim Treffen im Showroom des Unternehmens in Hamburg.

1Komma5 verkauft Solaranlagen, Batterien, Wärmepumpen und Ladestationen an private Haushalte und verbindet sie im sogenannten virtuellen Kraftwerk des Unternehmens, Heartbeat AI. Die Idee ist, dass Tausende Haushalte digital gesteuert werden können, damit Batterien, Elektroautos und Wärmepumpen Strom nutzen, wenn er billig und reichlich vorhanden ist. Zugleich entlasten sie das Netz, wenn der Druck am größten ist.

Philipp Schröder kommt etwas verspätet in einem zerknitterten Hemd an. Doch nachdem das Diktiergerät eingeschaltet ist, spricht er nahezu ununterbrochen mehr als eine Stunde lang. Über die Fehler im gegenwärtigen Energiesystem. Und über das Potenzial, sie mit dezentraler Speicherung und intelligenter Software zu lösen. "Am Ende geht es bei der erneuerbaren Energie der Zukunft um End-to-End-Optimierung. Entweder bekommen wir ein dysfunktionales System, das wir gerade haben. Oder wir finden einen Weg, Stromproduktion und Verbrauch zu synchronisieren", sagt der Vorstandschef und Gründer.

Am Tag des Besuchs in Hamburg kündigt 1Komma5 an, dass Heartbeat AI nun private Anlagen zusammengeschaltet hat, die einer Leistung von 1 Gigawatt entsprechen. "Das entspricht der Anschlussleistung eines Atomkraftwerks", sagt Philipp Schröder begeistert. Er meint, dass große gesellschaftliche Gewinne darin liegen, den Stromverbrauch klüger zu steuern. Er verweist auf eine Analyse der Beratungsgesellschaft Roland Berger, die davon ausgeht, dass intelligente Steuerung flexiblen Stromverbrauchs Deutschland jährlich zwischen 1 und 2 Milliarden Euro an Netzvestitionen sparen und zugleich die Energiekosten der Haushalte deutlich senken kann.

Diesen Punkt teilt Jan Rispens von Renewable Energy Hamburg. Er betont, dass das Stromnetz nicht wie in der Vergangenheit betrieben werden kann, als höhere Nachfrage durch das Hochfahren von Kraftwerken erfüllt werden konnte. "Als ich Elektroingenieur studierte, hatten wir ein paar hundert große Kraftwerke, und zusammen waren sie leicht zu steuern. Jetzt haben wir Dutzende Millionen Solaranlagen, Windparks und Batterien, die alle über das Internet gesteuert werden. Das ist ein völlig anderes System, das intelligente Steuerung erfordert."

Auch in Dänemark deuten Analysen darauf hin, dass die Haushalte ein Teil der Lösung für die Netzkrise werden können.

Eine Analyse von Copenhagen Economics für die CIP Fonden geht davon aus, dass flexibler Stromverbrauch den Bedarf an Investitionen in das Stromnetz im nächsten Jahrzehnt um 7 bis 12 Prozent verringern kann. Das entspricht einer Einsparung von rund 294 Millionen Euro jährlich. Eine Voraussetzung ist jedoch, dass es für Private leichter und attraktiver gemacht wird, sagt Ida Ruge-Andersen Friis, Branchenchefin bei DI Teknik & Installation, am Telefon. Derzeit ist die Lage umgekehrt. Regeln und lange Bearbeitungszeiten machen es schwerer, private Haushalte zum Beitrag zu bewegen, sagt sie. "Es besteht kein Zweifel, dass Dänemark zurückliegt. Es ist unnötig kompliziert, und deshalb meinen wir auch, dass die kommunale Bürokratie für Solaranlagen auf bestehenden Dächern weg muss."

Intelligente Steuerung wird zum Schlüssel

Im riesigen Rathaus im Zentrum von Hamburg dämpft Katharina Fegebank die Spitze der deutschen Solarbegeisterung. Die grüne Umstellung ist, gelinde gesagt, mühsam. Auch in Deutschland. Fegebank ist eine mächtige Politikerin der Grünen. Sie ist seit mehr als zehn Jahren zweite Bürgermeisterin Hamburgs und heute Senatorin für Klima, Energie, Umwelt und Landwirtschaft. Bei einer Volksabstimmung im vergangenen Jahr erhielt sie ein Mandat, Hamburg bereits 2040 CO2-neutral zu machen. Das ist fünf Jahre früher als ursprünglich geplant.

Doch die Ambition trifft auf eine Stadt mit einem enormen Hafen, hohen Energiepreisen und energieintensiver Industrie wie Kupfer- und Stahlproduktion. "Wir können nicht einfach sagen, dass wir weitermachen, egal was es kostet, oder unabhängig davon, ob wir die Energie überhaupt liefern können oder nicht. Wir brauchen die Versorgung, wir müssen auf die Kosten schauen", sagt sie. Um das Tempo zu erhöhen, hat Hamburg in seinem Klimagesetz eine "PV-Pflicht" eingeführt. Neue Gebäude, Dachsanierungen und Parkplätze müssen grundsätzlich mit Solaranlagen ausgestattet werden. Ab 2027 sollen Flachdächer auch mit grüner Vegetation kombiniert werden, unter anderem um die Wirkung der Solaranlagen zu erhöhen. Fegebank betont jedoch, dass die Ambitionen nicht an der Wirklichkeit vorbeilaufen dürfen. "Es muss ein gutes Geschäft sein. Es muss bezahlbar sein. Wir müssen die Dinge im Gleichgewicht halten, sonst verlieren wir die Unterstützung der Bevölkerung", sagt sie.

Eine der derzeit größten Barrieren liegt laut Rispens und Fegebank in Berlin, wo im vergangenen Jahr eine neue Führung in die Regierungsbüros eingezogen ist. Während sich der nationale Markt Rispens zufolge nun in einem Tempo bewegt, das schwer zu stoppen ist, schwankt die politische Linie stärker. Das gilt besonders für die Beheizung deutscher Häuser, wo Wärmepumpen zum Symbol eines breiteren Kulturkampfs um die grüne Umstellung geworden sind. Hier hat die neue Regierung unter Führung von Friedrich Merz von der CDU mit dem Wärmegesetz der früheren Regierung gebrochen, das Anforderungen an fossilfreie Heizungsanlagen stellte. "Es ist nicht besonders hilfreich, dass sich die politische Debatte in Berlin jetzt in eine andere Richtung bewegt, denn der Markt bewegt sich tatsächlich schnell in Richtung Wärmepumpen", sagt Jan Rispens.

Katharina Fegebank hebt die Wärmedebatte ebenfalls als zermürbende politische Auseinandersetzung hervor, die Unternehmen und Hauseigentümer in Unsicherheit zurückgelassen und die Bevölkerung gespalten hat. "Jedes Mal, wenn wir in den Sprint gehen wollen, denn wir haben nicht sehr viel Zeit, werden wir zurückgehalten", sagt sie. Auch Philipp Schröder, der Mitglied der CDU ist, sieht große Schwierigkeiten im gegenwärtigen System. Er meint, dass starke Akteure im Energiesystem versuchen, ein zentralisiertes Modell zu bewahren, in dem weiterhin große Anlagen und große Stromnetze gebaut werden. "Die zentralistische Lobbygruppe sagt, lasst uns nichts Dezentrales bei den Verbrauchern haben. Lasst uns einfach weiter große Anlagen und noch größere Stromnetze bauen und es auf die Tarife legen", sagt Schröder, Gründer von 1Komma5.

Wenn Solaranlagen die erste Welle des deutschen Ausbaus waren, ist die nächste Jan Rispens zufolge bereits dabei, über das bevölkerungsreichste Land der EU hinwegzurollen. Es ist die Windkraft an Land. Seit 2022 wurde eine Rekordzahl von Genehmigungen für Landwind erteilt, und laut Rispens liegt nun eine enorme fertig genehmigte Pipeline bereit. "Im vergangenen Jahr hatten wir die höchste Zahl neuer Windinstallationen in Deutschland seit vielen Jahren, und in diesem Jahr sieht es noch besser aus. Es gibt viele Gebiete, die bereits von den lokalen Behörden genehmigt wurden, in denen die Parks aber noch nicht gebaut sind."

"Wir stehen also vor einem enormen Boom der Windkraft an Land in den nächsten zwei bis drei Jahren", sagt Jan Rispens. Er erklärt das Tempo damit, dass es nach der Energiekrise im Jahr 2022 vorteilhaft gemacht wurde, Landwind zu errichten. Unter anderem haben Wind- und Solarparks einen sogenannten privilegierten Status erhalten. Dadurch wird es für lokale Behörden und Nachbarn schwieriger, Projekte zu blockieren.

Beim dänischen Windriesen Vestas lässt sich die Entwicklung ebenfalls in der Bilanz ablesen. Deutschland ist heute der größte und am schnellsten wachsende Markt des Unternehmens gemessen am Auftragseingang. "Es könnte sogar ein Ultra-Boom bei der Windkraft an Land werden", sagt Jan Rispens.

Für Deutschland hat diese Entwicklung eine doppelte Bedeutung. Einerseits kann ein stärker dezentrales Energiesystem das Stromnetz entlasten, wenn Solaranlagen, Batterien, Wärmepumpen und Elektroautos intelligent gesteuert werden. Andererseits entscheidet die Fähigkeit zur schnellen Umsetzung darüber, ob Industriezentren wie Hamburg, Süddeutschland oder Nordrhein-Westfalen bezahlbare Energie erhalten und ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern können. Die deutsche Debatte zeigt damit, dass die Energiewende nicht allein eine Frage neuer Anlagen ist. Sie ist auch eine Frage von Genehmigungen, Marktregeln, digitaler Steuerung und Akzeptanz.

Deutschland liefert keine einfache Blaupause, aber einen wichtigen Hinweis für andere europäische Länder. Der Solarboom auf Dächern und Balkonen zeigt, wie private Haushalte zu aktiven Teilen des Energiesystems werden können. Zugleich bleiben Stromnetz, Bürokratie, politische Unsicherheit und Kosten die entscheidenden Bremsen. Die nächste Phase der Energiewende wird daher nicht nur auf großen Kraftwerken beruhen. Sie wird davon abhängen, ob Millionen kleiner Anlagen intelligent zusammenspielen.

Zurück in Dänemark wartet Nachbar Claus noch immer auf die letzten Genehmigungen, bevor er sein eigenes kleines Eisenfeld errichten kann.

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