Deutschland

Steuerzahler finanzieren Forschung für Fußball-Profis

Zwei private Hochschulen forschen an der Weiterentwicklung des „Footbonauten“. Das Bildungsministerium fördert das Hightech-Trainingsgerät für Profifußballer mit einer halben Million Euro. Zur selben Zeit verkommen in den Schulen die Sportplätze und Turnhallen.
19.04.2013 02:40
Lesezeit: 3 min

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

Noch ist Borussia Dortmund offiziell amtierender Fußballmeister. Damit auch in Zukunft sportliche Erfolge gefeiert werden können, setzt man auch auf Hightech. Offenbar aber hat auch das modernste Gerät nicht gereicht, um in diesem Jahr die Bayern vom vorzeitigen Gewinn der Meisterschaft abzuhalten: Seit vergangenem Herbst trainieren die Spieler mit dem sogenannten Footbonauten. Dabei handelt es sich um ein knapp 14 mal 14 Meter großes Kunstrasenfeld, das von vier Wänden und acht ansteuerbaren Ballwurfrobotern umgeben ist. Der Spieler steht in der Mitte des Feldes und wird aus allen Richtungen und in verschiedenen Höhen mit Bällen beschossen. Nach der Ballannahme muss er diesen dann in eines von 72 plötzlich aufleuchtenden Feldern versenken. Durch aufwendige opto-elektronische Sensoren kann die Leistung des Spielers anschließend analysiert werden. Vor allem Passpräzision und Reaktionsvermögen sollen mit dem wohl teuersten Trainingsgerät der Fußballgeschichte geschult werden. Auf der Website der Firma erfährt man nicht viel über das Gerät: Lediglich ein verschwommenes Fußball-Feld ist zu sehen.

Der Bund der Steuerzahler (BdSt) kritisiert nun, dass zwei Hochschulen großzügige Förderungen in Zusammenhang mit dem Footbonauten erhielten: „Dem Bundesministerium für Bildung und Forschung liegt ... ein Upgrade der Trainingswunderwaffe auf die Version 2.0 am Herzen.“ Die private BiTS Hochschule Iserlohn und die ebenso private Berliner Hochschule für Gesundheit und Sport erhielten dafür unter dem  klingenden Projektnamen „Computeradaptive Leistungsdiagnostik im Profifußball“ 572.000 Euro an Steuergeldern.

Es handelt sich mitnichten um die Verschwendung von Steuergeldern, entgegnet der Geschäftsführer der Firma CGoal GmbH, Christian Güttler: Die Studenten würden den von seiner Firma entwickelten Footbonauten lediglich als „Tool“ verwenden, um damit sportwissenschaftliche Studien anzustellen. Ob die Forschungen zu Ergebnissen kommen, die das Unternehmen am Ende nützen kann, könne er nicht sagen - die Forschungen seien streng wissenschaftlich und daher objektiv. Natürlich würde er sich freuen, wenn die Ergebnisse dazu beitragen könnten, das Gerät weiterzuentwickeln.

Die Forscher haben jedoch erkannt, dass „individualisiertes Training, Talentsichtung, Rekuperation und Nachwuchsförderung im Profifußball derzeit gekennzeichnet durch rasante Entwicklungsschübe. Zu einem der technikgetriebenen Katalysatoren dieses Wandels könnte der Footbonaut werden“.

Vorrangiges Forschungsziel ist die Gewinnung zusätzlicher Stresstestdaten und die Erweiterung verschiedener Trainingskonzepte. Auf der BiTS-Homepage heißt es zu den erhofften Ergebnissen: „Computerunterstützte Auswertungen erlauben augenblickliche Marktwertanalysen von Nachwuchsspielern“, der „repetitive Drill“ soll verbessert werden. Nach Einschätzung der BiTS bleibt „das Gerät hinter dem heutigen Entwicklungsstand der schließenden Statistik insbesondere im Bereich der Prozessdiagnostik und -steuerung zurück“:

Die Kritik der BiTS:

Bislang beschränkt sich der Footbonaut auf die Messung von Ballverarbeitungsgeschwindigkeit und Passpräzision. Der Footbonaut könnte auf Grundlage von Trainingslehre und Sportpsychologie weit mehr Leistungsmerkmale messen und in sein Trainingsprogramm integrieren, um so das mögliche Potential voll auszuschöpfen. Zudem werden die Prozesse des Footbonaut trotz aller ingenieurstechnischer Raffinesse bislang auf Basis einer reinen Datendeskription und heuristischen Datenanalyse gesteuert.

Das soll sich nun ändern, indem die Hochschulen mit Steuermitteln dem Gerät alle sportwissenschaftliche Raffinesse zuführen,um dafür zu sorgen, dass der Footbonaut tatsächlich zu einem technikgetriebenen Katalysatoren des Wandels im Profi-Fussball werden kann.

Die BiTS beschäftigt sich mit dem Gerät in drei Phasen. „In der ersten Projektkomponente werden wir unter dem Blickwinkel der Sportwissenschaft den Footbonaut als Diagnoseinstrument nutzen. In der zweiten Projektkomponente widmet sich das Vorhaben der Verbesserung der Trainingseffizienz durch Optimierung der statistischen Verfahren bei der Prozesssteuerung des Footbonaut.“

Für das Unternehmen und damit für den Profi-Fussball interessant wird es in der dritten Projektkomponente - der „Evaluation des Footbonaut“.

Dabei soll es unter anderem um folgende Fragen gehen:

• Welchen Einfluss haben Leistungssteigerungen im Footbonaut auf die Spielerperformance bei einem echten Fußballspiel?

• Welche Übungsformen im Footbonaut beeinflussen Erfolgsmerkmale auf dem Fußballplatz?

• Gibt es bei verschiedenen Spielertypen oder Positionen unterschiedliche Trainingsprogramme, für die die Leistungssteigerung optimiert werden kann?

Wie lange brauchen Leistungszuwächse und wie schneidet der Footbonaut im Vergleich zu herkömmlichen Trainingsmethoden ab?

Sollten die streng wissenschaftlichen Ergebnisse dazu führen, dass der Footbonaut besser ist als andere Trainingsgeräte, dann würde das sicherlich die Weiterentwicklung beflügeln. Allerdings ist das großzügig geförderte Projekt an dieser Stelle ausgesprochen unlogisch: Was wird eigentlich evaluiert? Der alte Footbonaut, der angeblich hinter dem aktuellen Entwicklungsstand herhinkt? Oder aber der neue, den es noch gar nicht gibt.

Der Bund der Steuerzahler zeigt der Förderung daher „die rote Karte“ und kritisiert die Subventionen: „Ist eigentlich jemand mal auf die Idee gekommen zu fragen, ob die nutznießenden Profifußballklubs darin nicht ein sinnvolles Investment sehen?“ In kaum einer anderen Sportart fließe mehr Geld als im Profifußball, schreibt der BdSt in einer Stellungnahme. Steuergelder hätten bei der Entwicklung von Trainingsgeräten in diesem Bereich nichts verloren.

Das Geld könnte nämlich in marode Turnhallen und Sportplätze gesteckt werden - von denen es bundesweit mittlerweile zahlreiche gibt. Viele Schulen haben keine ausreichende Finanzierung, um den Erhalt der Sportstätten sicherzustellen. Der Grund: die Schuldenkrise in den Kommunen.

Dort, so möchte man meinen, wäre die Steuergelder richtig gut angelegt - zur Markwertsteigerung der deutschen Schüler.

Wenn die nämlich erfolgreich sind, werden sie einmal brav Steuern zahlen.

Das nennt man dann Investment.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie BradyPrinter i7500: Revolution im Hochpräzisionsdruck

Sie haben genug vom altmodischen Druck großer Etikettenmengen? Keine Kalibrierung, keine Formatierung, kein umständliches Hantieren mit...

X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.
E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und erkläre mich einverstanden.
Ich habe die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

DWN
Politik
Politik „Machen Sie sich auf die Auswirkungen gefasst“: EU kündigt weitere Gegenmaßnahmen zu US-Zöllen an
03.04.2025

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hat die Bürger der EU auf die bevorstehenden wirtschaftlichen Folgen...

DWN
Politik
Politik US-Finanzminister warnt vor Vergeltungszöllen: Eskalation könnte die Lage verschärfen
03.04.2025

US-Finanzminister Scott Bessent hat betroffene Länder vor einer schnellen Reaktion auf die jüngste Ankündigung von Präsident Donald...

DWN
Politik
Politik AfD-Kandidat erstmals ins Verfassungsgericht gewählt: Zweidrittelmehrheit im Thüringer Landtag
03.04.2025

Die AfD hat einen Kandidaten für den Thüringer Verfassungsgerichtshof durchgesetzt: Rechtsanwalt Bernd Falk Wittig wurde mit...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bewerbercheck: Dürfen Arbeitgeber frühere Chefs kontaktieren?
03.04.2025

Referenzen von ehemaligen Arbeitgebern können wertvolle Einblicke bieten – aber ist es rechtlich erlaubt, ohne Zustimmung des Bewerbers...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Sichere KI statt Datenleck: Das müssen Firmen beim Chatbot-Einsatz beachten
03.04.2025

KI-Chatbots sind im Mittelstand längst Alltag – doch oft fehlt es an Sicherheitsstandards. Der Hamburger KI- und Digitalisierungsexperte...

DWN
Panorama
Panorama Orban trifft Netanjahu in Budapest trotz Haftbefehl -und erklärt Rückzug aus Internationalen Strafgerichtshof
03.04.2025

Viktor Orbán ignoriert den Haftbefehl, den der Internationale Strafgerichtshof gegen Israels Premier erlassen hat – und heißt ihn in...

DWN
Politik
Politik Russlands Verzögerung der Verhandlungen könnte auch der Ukraine nützen
03.04.2025

Die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über eine mögliche Waffenruhe oder Friedenslösung ziehen sich weiter hin. Während...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX aktuell: DAX-Kurs fällt nach Trumps Zollankündigung - wie sollten Anleger reagieren?
03.04.2025

Die erneute Zollankündigung von US-Präsident Donald Trump hat am Donnerstag die Aktienmärkte stark unter Druck gesetzt. Der DAX-Kurs...