Finanzen
Kommentar

Der Staat will uns das Bargeld nehmen: Sollen wir das wirklich zulassen?

Das Bargeld gerät zunehmend ins Kreuzfeuer von Lobbyisten. Wollen wir seiner Abschaffung wirklich tatenlos zuschauen?
Autor
05.09.2019 12:06
Aktualisiert: 05.09.2019 12:39
Lesezeit: 3 min

Es schwärmen so viele Politiker und „angebliche“ Experten, vor allem die der jungen Generation, von der Abschaffung des Bargelds. Kreditkarten hätten wir doch schließlich alle, behaupten sie, und die jungen Leute würden sowieso nur noch mit ihren Handys bezahlen. Überhaupt würden im Zuge der fortschreitenden technologischen Entwicklung fast jeden Tag neue, innovative Zahlungsmöglichkeiten entwickelt. Und dann sei da ja auch noch die Kostenfrage. Vor allem für die Banken, aber auch für viele andere Unternehmen, sei der Umgang mit Bargeld nur eine unnötige finanzielle Belastung. Geldautomaten seien unrentabel, die Aufwendungen für gepanzerte Geldtransporter hoch, und die Lagerung von großen Mengen Münzen und Papiergeld eine aufwendige Sache. Und erst der Mittelstand: Gerade für kleine Unternehmen, die besonders stark auf ihre Kosten achten müssen, wäre es doch viel besser, wenn sie von der finanziellen Last des Umgangs mit Bargeld befreit wären. Kurz gesagt: Elektronisch, digital, virtuell oder Krypto – alle anderen Zahlungsweisen sind ineffizient, kostenintensiv und überhaupt ganz furchtbar altmodisch.

Unterlegt wird diese Denkweise, ganz im Sinne der betriebswirtschaftlichen Logik, mit harten Zahlen. In Norwegen zum Beispiel (dem laut „UN-Index der menschlichen Entwicklung“ höchstentwickelten Land der Welt) werden nur noch sechs Prozent der Einkäufe im Einzelhandel mit Bargeld getätigt. Im vielgepriesenen Musterland Schweden ist die Zahl der Bargeld-Transaktionen in den letzten zehn Jahren um circa 80 Prozent gefallen. Und auch hierzulande nimmt die Bedeutung des alten Wahlspruchs „Nur Bares ist Wahres“ kontinuierlich ab, ist die Zahl der Bargeld-Transaktionen zunehmend im Rückschritt begriffen. Und ja, es stimmt zweifellos, dass Bargeld Betrügereien, Steuerhinterziehung und Geldwäsche um einiges einfacher macht. Da wundert es nicht, dass sich auch die designierte EZB-Chefin Christine Lagarde zu einer schrittweisen Abschaffung des Bargelds bekennt.

Wir, die wir im Herzen konservativ sind und traditionellen Werten anhängen, haben natürlich nichts dagegen, wenn immer mehr Leute mit Kreditkarten und Handys bezahlen. Und selbstverständlich unterstützen wir die technologische Entwicklung - Fortschritt ist schließlich wichtig. Aber: So richtig anfreunden mit dem Gedanken, das Bargeld abzuschaffen, können wir uns nicht. Und darum sind wir der Meinung, dass wir uns die Freiheit, die das Zahlungsmittel Bargeld mit sich bringt, nicht wegnehmen lassen sollten. Hier eine Reihe von Gründen:

  1. Bargeld ist praktisch. Liege ich zum Beispiel am Strand, will ich mein Handy oder meine Kreditkarte nicht dabeihaben, aber einen 20-Euro Schein schon. Geht er verloren oder wird gestohlen, ist das keine Tragödie. Kommen mir dagegen das Handy oder die Kreditkarte abhanden, bedeutet das für mich eine Menge Scherereien. Und auch wenn ich in den Bergen wandere - was ich als passionierter Gebirgsliebhaber häufig tue - möchte ich Bargeld bei mir tragen. Mit einer funktionierenden Internet-Verbindung sind nämlich nur die wenigsten Almhütten ausgestattet.
  2. Bargeld zu besitzen ist unser staatsbürgerliches Recht. Bargeldloses Bezahlen hinterlässt Spuren. Ich will nicht, dass mich meine Bank und der Staat anhand dieser Spuren überwachen können. Ich habe nichts zu verbergen - überwacht werden möchte ich trotzdem nicht. Dass meine Freiheit bis zu einem gewissen Grad eingeschränkt sein muss, zum Beispiel bei Transaktionen mit großen Mengen Bargeld, kann ich problemlos nachvollziehen. Aber meine ganze Freiheit - die will ich mir nicht nehmen lassen.
  3. Nicht nur Unternehmen, auch Kleinsparer bekommen für ihr Erspartes keine Zinsen mehr. Teilweise müssen sie sogar Negativ-Zinsen zahlen. Mit anderen Worten: Banken sind keine Finanzinstitute im klassischen Sinne mehr, sondern „Geld-Verwahrer“, die für ihre Dienstleistungen selbstverständlich von ihrem Kunden eine Gegenleistung erwarten. Ich habe mich allerdings dazu entschlossen, ein solches Geschäftsverhältnis nicht einzugehen, also nichts zu bezahlen. Wenn ich mein Geld unter meinem Kissen verstecken oder in meinem Safe aufbewahren möchte, steht es mir frei, so zu handeln - als Bürger eines demokratischen Rechtsstaats steht mir eine solche Entscheidung uneingeschränkt zu. Aber: In einer bargeldlosen Gesellschaft bin ich dieser Entscheidung beraubt. Ich bin gezwungen, den Anbieter der bargeldlosen Transaktionen zu bezahlen. Und das ist falsch, denn: Weder der Staat, noch die Zentralbank und auch nicht meine Bank oder die Anbieter von monetären Transaktionen sollten in der Lage sein, mich zu einem Geschäft zu zwingen, dass ich nicht eingehen möchte.

In unseren Augen wäre es eine gute Idee, den Besitz von Bargeld als Recht im Grundgesetz zu verankern.

***

Peter Frankl ist Geschäftsführer der Deutschen Wirtschaftsnachrichten sowie Herausgeber von "Finance", des führenden Wirtschaftsportals und Wirtschaftsmedien-Verlags von Slowenien. Aufgewachsen in Slowenien und Österreich, verfügt er über rund 30 Jahre Erfahrung als Journalist und Medienmanager beim schwedischen Verlag "Bonnier".

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

 

Peter Frankl

                                                                            ***

Peter Frankl ist Geschäftsführer der Deutschen Wirtschaftsnachrichten sowie Herausgeber von „Finance“, des führenden Wirtschaftsportals und Wirtschaftsmedien-Verlags von Slowenien. Aufgewachsen in Slowenien und Österreich, verfügt er über rund 30 Jahre Erfahrung als Journalist und Medienmanager beim schwedischen Verlag „Bonnier“.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street gibt wegen schwacher Chip-Aktien nach
13.10.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Entwicklungen die Wall Street heute bewegt haben.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russland erzielt mit Europas Energiekäufen Einnahmen von rund 322 Milliarden Euro
13.10.2026

Europa will seine Energieabhängigkeit von Russland beenden. Doch trotz Sanktionen fließt weiterhin eine große Menge Kapital nach Moskau....

DWN
Finanzen
Finanzen Rente 2026: Fast 2.000 Euro? Für die meisten ein Traum – 5 Zahlen zeigen die Realität
13.10.2026

Die Politik verweist auf ein stabiles Rentenniveau und knapp 2.000 Euro Standardrente. Doch amtliche Zahlen zeigen: Das ist ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland baut neue Bahnstrecke von Hamburg nach Hannover – aber erst 2050
13.10.2026

Überlastete Strecke: Zwischen Hamburg und Hannover fahren täglich rund 200 Güterzüge, dazu ICE- und Regionalzüge. Staus und...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg: Hat Trump den größten Fehler der USA begangen?
13.10.2026

Donald Trump wollte Iran in die Knie zwingen. Stattdessen gerät die amerikanische Supermacht selbst unter Druck. Der Krieg verschlingt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Präsentismus: Wenn Mitarbeiter trotz Krankheit arbeiten 
13.10.2026

Mit Halskratzen aufgewacht und dennoch zur Arbeit gegangen, „weil es ja nicht so schlimm ist“. Viele Beschäftigte neigen dazu, trotz...

DWN
Finanzen
Finanzen Nel ASA-Aktie hebt ab: Kooperation mit Rheinmetall bei E-Fuels treibt Pennystock nach oben
13.10.2026

Nel ASA und Rheinmetall wollen bei dezentraler Produktion synthetischer Kraftstoffe zusammenarbeiten. Die norwegische Wasserstoff-Aktie...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau in Deutschland: Angebot an Zeitarbeit schrumpft
13.10.2026

Früher war Zeitarbeit ein boomendes Geschäft: 2017 arbeiteten noch mehr als eine Million Deutsche als Zeitarbeiter. Heute kämpft...