Finanzen

Widerstand gegen Anleihenkäufe im EZB-Rat viel stärker, als von Draghi dargestellt

Nie zuvor gab es im EZB-Rat so viel Uneinigkeit, wie bei der Entscheidung vom Donnerstag, die Anleihenkäufe wiederaufzunehmen. Anders als von EZB-Chef Mario Draghi dargestellt war fast die Hälfte der Mitglieder dagegen.
13.09.2019 10:34
Aktualisiert: 13.09.2019 10:48
Lesezeit: 2 min
Widerstand gegen Anleihenkäufe im EZB-Rat viel stärker, als von Draghi dargestellt
Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (Foto: dpa) Foto: Arne Dedert

EZB-Präsident Mario Draghi ist Insidern zufolge mit dem Vorschlag zur erneuten Auflage der Anleihenkäufe auf starke Opposition gestoßen. Die Mehrheit für die Wiederbelebung der Transaktionen sei im EZB-Rat relativ knapp gewesen. Dies sagten drei mit der Situation vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag im Anschluss an das Zinstreffen in Frankfurt am Main.

Bundesbank-Chef Jens Weidmann, Frankreichs Notenbank-Gouverneur Francois Villeroy de Galhau sowie auch EZB-Direktor Benoit Coeure seien gegen die erneuten Anleihenkäufe gewesen. Schließlich sei aber klar geworden, dass es eine Mehrheit dafür gibt. Eine Abstimmung habe nicht stattgefunden. Die EZB, die Bundesbank und die Banque de France lehnten eine Stellungnahme ab.

Doch offenbar waren nicht nur Deutschland und Frankreich gegen die von Draghi vertretenen Anleihenkäufe, sondern auch Länder wie Österreich und Estland sowie Mitglieder des Direktoriums der EZB, darunter EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger und EZB-Direktor Benoit Coeure. Dies sagten Insider zu Bloomberg.

Das Hauptargument gegen die Wiederaufnahme der Anleihenkäufe sei gewesen, dass man diese Maßnahme für einen eventuellen Notfall zurückhalten sollte, also zum Beispiel für ein abruptes Ergebnis wie einen Brexit ohne Übergangsabkommen. Eine solche Uneinigkeit bei einer wichtigen geldpolitischen Maßnahme hatte es während Draghis achtjähriger Amtszeit noch nie gegeben.

Hat Draghi Probleme mit der Wahrheit?

Doch trotz der großen Uneinigkeit im EZB-Rat sagte Draghi auf der Pressekonferenz am Donnerstag: "Am Ende war der Konsens so breit, dass es nicht nötig war, eine Abstimmung durchzuführen. Die Entscheidung am Ende zeigte also einen sehr breiten Konsens. Wie ich bereits sagte, war es nicht notwendig, darüber abzustimmen. Es gab eine so klare Mehrheit." Mit diesen Worten bringt er offenbar eine ganz eigene Beschreibung der tatsächlichen Vorgänge zum Ausdruck.

Sprecher der österreichischen, niederländischen, estnischen, französischen, niederländischen und deutschen Zentralbanken wollten sich zu den Diskussionen bei der EZB Stellung nicht äußern. Ein Sprecher der EZB weigerte sich ebenfalls, gegenüber Bloomberg Stellung zu nehmen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) beschloss auf dem Zinstreffen, ihre Anleihenkäufe wieder aufzunehmen, die bis zu ihrer Einstellung Ende Dezember 2018 ein Volumen von 2,6 Billionen Euro erreicht hatten. Ab November sollen pro Monat nun neue Zukäufe im Umfang von 20 Milliarden Euro hinzukommen. Die Transaktionen sollen erst dann gestoppt werden, wenn die Notenbank kurz vor einer Zinserhöhung steht.

Neue Anleihenkäufe galten schon lange im Vorfeld der EZB-Zinssitzung am Donnerstag als umstritten. Mehrere EZB-Ratsmitglieder, darunter Weidmann, Villeroy de Galhau und der Notenbankchef der Niederlande, Klaas Knot, hatten öffentlich Bedenken geäußert. Bereits im Jahr 2015 war Draghi auf heftigen Widerstand gestoßen, als er den EZB-Rat dazu drängte, gegen den Wunsch seiner deutschen, niederländischen, estnischen und österreichischen Kollegen Anleihen zu kaufen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Goldgedeckte Digitalwährungen als Brücke zwischen Sachwerten und Finanztechnologie

Steigende Inflation, geopolitische Unsicherheiten und die fortschreitende Digitalisierung verändern die Anforderungen an moderne Formen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Revolte bei den Jusos: Philipp Türmer droht SPD-Spitze mit Personaldebatte
19.06.2026

Die anhaltende Umfragekrise der SPD sorgt für heftigen parteiinternen Zoff. Juso-Chef Philipp Türmer geht die Parteispitze frontal an und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Werksumbau in Sachsen: BMW macht Leipzig fit für die nächste E-Generation
19.06.2026

BMW schaltet am Standort Leipzig auf Zukunft: In den kommenden Sommermonaten wird das sächsische Werk für mehrere Wochen umfassend...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gemeinsame Ziele in Krisenzeiten: Deutschland und Türkei planen engere Kooperation
19.06.2026

Deutschland und die Türkei wollen ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit massiv ausbauen und vertiefen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina...

DWN
Politik
Politik Digitalisierungs-Offensive fürs Bauen: Hubertz bläst zum Angriff auf die Baukosten
19.06.2026

Mit einem 13-Punkte-Plan will Bauministerin Verena Hubertz dem akuten Wohnungsmangel und den explodierenden Kosten trotzen. Kern des...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft US-Strafzölle im Visier: Washington leitet Verfahren wegen deutscher Arzneipreise ein
19.06.2026

Die US-Regierung droht Deutschland im Streit um Medikamentenpreise mit Zöllen. Das Büro des Handelsbeauftragten Jamieson Greer leitete...

DWN
Technologie
Technologie Dokumentenanalyse mit KI: Was Unternehmen jetzt beachten sollten
19.06.2026

KI revolutioniert die Dokumentenanalyse und stellt Unternehmen, Verwaltungen und Beschäftigte vor eine neue Arbeitsteilung. Welche Rolle...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Übernahme: Ravensburger schnappt sich Steiff - Rettung oder Ausverkauf?
19.06.2026

Zwei der bekanntesten deutschen Spielzeugmarken vereinen sich: Der Spielehersteller aus Ravensburg sichert sich die Mehrheit am...

DWN
Technologie
Technologie Das finale Kapitel: Deutschlands Atommüll nach drei Jahrzehnten komplett zurück
19.06.2026

Eine Ära geht zu Ende: Die Rückführung des hochradioaktiven deutschen Atommülls aus dem Ausland ist offiziell abgeschlossen. Am...