Politik

Nur noch Überschall-Raketen? USA erwägen Abschaffung ihrer Flugzeugträger

Lesezeit: 3 min
18.10.2019 14:14  Aktualisiert: 18.10.2019 14:27
In den USA ist eine hitzige Diskussion über die Zukunft der Flugzeugträger-Flotte entbrannt.
Nur noch Überschall-Raketen? USA erwägen Abschaffung ihrer Flugzeugträger
Der Flugzeugträger "USS Carl Vinson" auf seinem Weg in die Gewässer der Koreanischen Halbinsel. (Foto: Dusty Howell/U.S. Navy /dpa)
Foto: Dusty Howell

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  
Politik  

Die Seestreitkräfte der Vereinigten Staaten beherrschen die Meere. Prunkstück der US-Navy: Ihre elf Flugzeugträger. Doch die Tage der seegestützten Luftwaffenbasen könnten gezählt sein. Derzeit wird nämlich in amerikanischen Verteidigungskreisen, einschließlich des Pentagons selbst, eine hitzige Diskussion darüber geführt, ob die riesigen Kriegsschiffe noch zeitgemäß sind. Wobei es in der Diskussion ausschließlich um die Bekämpfung eines bestimmten Gegners geht: China. Und zwar auf einem klar umrissenen Kriegsschauplatz: Dem Pazifik.

So sagte auf der traditionellen „Defense News Conference“ - an der vor allem hochrangige Militärs, Analysten, Industrievertreter und Lobbyisten teilnehmen - der Leiter des Bereichs Forschung und Ingenieurwesen im Pentagon, Mike Griffin: „Wovor hat die chinesische Regierung wohl mehr Angst? Vor 2000 im Pazifik stationierten Überschall-Raketen oder vor einem einzelnen Flugzeugträger? Die beiden Dinge kosten in etwa gleich viel. Das sind die Fragen, die wir uns in Zukunft stellen müssen.“

Hintergrund: Die Kosten eines Flugzeugträgers sind gewaltig. Der Bau des letzten vom Stapel gelaufenen Trägers, der „USS Gerald R. Ford“, verschlang 13 Milliarden Dollar. Betriebs- plus Personalkosten schlagen im Jahr mit guten 150 Millionen Dollar zu Buche. Dazu kommen noch die gewaltigen Kosten für den Bau und den anschließenden Unterhalt der zahlreichen Begleitschiffe (im Schnitt pro Träger fünf Kreuzer und Zerstörer, zwei Jagd-U-Boote sowie ein Versorgungsschiff). „Träger frisst Flotte“, lautet ein klassischer Marine-Spruch.

Darüber hinaus sind Flugzeugträger heutzutage vom Feind einfacher zu bekämpfen als in früheren Zeiten. In Manövern hat sich gezeigt, dass deutsche U-Boote mit konventionellem Antrieb (also nicht dem viel lauteren Atom-Antrieb der US-Submarines) den Trägern gefährlich nahe kamen. Dazu kommt, dass die schwerfälligen Riesen relativ leicht zu Zielen von an Land stationierten Raketen werden können (China hat in den letzten Jahren seine Fähigkeiten, die See vor seiner Küste zu beschießen, stark ausgebaut, nicht zuletzt im Hinblick auf einen möglichen militärischen Konflikt um Taiwan).

Aber: Viele Militärs und Analysten sind der Meinung, dass Flugzeugträgern weiterhin eine massive militärische Wirkung verfügen. So hat US-Konteradmiral Roy „Trigger“ Kelley kürzlich in einem sehr emotionalen Artikel die - in seinen Augen - enormen Fähigkeiten von Trägern folgendermaßen beschrieben: „Kein anderes Waffensystem, auch keine Kombination von kleineren Waffensystemen, sind so tödlich, beweglich und unverwüstlich wie ein großer, atomgetriebener Flugzeugträger und sein Fluggeschwader. Träger verfügen über die Einsatzschnelligkeit, das Durchhaltevermögen, die multidimensionale Kraft und die Übersicht über das gesamte Operationsfeld, die Amerika benötigt, um in einem Konflikt mit einer anderen Supermacht die Oberhand zu behalten. Eine Trägerkampfgruppe kann allein durch ihre bloße Präsenz die Ereignisse im Sinne unserer Nation beeinflussen.“ Die Träger seien im Laufe der Jahre immer wieder an die wechselnden Anforderungen angepasst worden, sie seien sehr „anpassungsfähige“ Systeme und daher nach wie vor äußerst „relevant“.

Diejenigen, die auch weiterhin auf Flugzeugträger setzen wollen, führen aber nicht nur ihre militärische Wirksamkeit ins Feld. Ihr zweites pro-Träger-Argument lautet, dass gerade die Tatsache, dass ein Flugzeugträger weniger Wirkung entfaltet als eine Vielzahl von Raketen, für den Träger spricht. Sollte es nämlich zu einem begrenzten militärischen Kräftemessen mit China kommen, wäre die Drohung, den Träger zum Einsatz zu bringen, glaubhaft. Nicht aber die Drohung, Peking oder Schanghai mit Raketen zu beschießen, was unweigerlich zu einer entsprechenden Gegenreaktion Chinas führen würde, die San Francisco, Denver oder Kansas City in Ruinen verwandeln würde. Raketen würden abschreckend auf Mächte wie den Iran oder Nord Korea wirken, schreibt der pensionierte U-Boot-Officer und jetzige außenpolitische Analyst, Bryan Clark, aber nur in begrenztem Maße auf andere Supermächte. „Ich glaube nicht, dass sie (die chinesischen Machthaber - Anm. d. Red.) Raketen als glaubhafte Drohung ansehen. Darum ist der Wert von Raketen als Mittel der Abschreckung geringer.“

Unter Donald Trump haben die Verteidigungsausgaben der USA dieses Jahr mit 716 Milliarden Dollar (das entspricht mehr als 40 Prozent des russischen und rund fünf Prozent des chinesischen Bruttoinlandprodukts) einen neuen Rekordwert erreicht. Das „Zentrum für Internationale und Strategische Studien“ (CSIS/ Sitz: Washington) hat allerdings errechnet, dass mehrere Verteidigungsetats unter Obama höher ausfielen, wenn man sie um die Inflation bereinigt.

Das deckt sich damit, dass die letzten Jahre gezeigt haben, dass die USA zunehmend weniger in der Lage sind, ihrer (selbstauferlegten) Aufgabe als Weltpolizist gerecht zu werden. Der US-Präsident mag poltern, aber wo stehen seine Truppen in Syrien? Nirgendwo, er hat sie abgezogen. Die Vereinigten Staaten beschäftigen sich zunehmend mit sich selbst, ihre Institutionen, ihre Menschen sind müde. Dieser Umstand spricht eher dafür, dass sich die Amerikaner dazu entscheiden werden, auf Raketen zu setzen, keine neuen Träger zu bauen, die noch vorhandenen im Hafen und ihre Besatzungen zu Hause zu lassen.

Für die diesbezüglichen Entscheidungen, die in den kommenden Jahren in den Machtzirkeln von US-Politik und -Militär getroffen werden, interessiert sich der größte Teil der Öffentlichkeit wenig. Aber sie werden die geopolitischen Entwicklungen unserer Zeit entscheidend mitbestimmen.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik Die Corona-Krise führt zum Zusammenbruch der Nationalstaaten

Die Corona-Maßnahmen haben die Staatsschulden der Nationen und die Schulden der Unternehmen in astronomische Höhen schnellen lassen. Die...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Verrückte Ideen, knallhartes Kalkül: Wie ein Mann unsere Lebensweise verändert - und dabei zum Super-Milliardär aufsteigt

DWN-Kolumnist Ernst Wolff zeichnet den Weg eines Mannes nach, der es ganz nach oben gebracht hat. Dank ungezügelter Fantasie, brachialer...

DWN
Politik
Politik DWN-SPEZIAL: Gewaltsame Anti-Corona-Unruhen in zehn Städten der Niederlande

In Niederlanden sind am Sonntag gewaltsame Proteste gegen den Corona-Lockdown ausgebrochen. Es wurden zahlreiche Personen festgenommen.

DWN
Politik
Politik Bundesregierung gefährdet mit Corona-Einreise-Verordnung Obst und Gemüse-Versorgung

Der Deutsche Fruchthandelsverband sieht die Versorgung mit Obst und Gemüse aus dem Ausland gefährdet. Grund sei die Verschärfung der...

DWN
Finanzen
Finanzen „Jeder vierte Selbstständige von Berufsunfähigkeit betroffen“

Selbstständige müssen noch mehr als Angestellte eine Berufsunfähigkeit fürchten, da sie in der Regel wenig Anspruch auf staatliche...

DWN
Politik
Politik Ramelow über Corona-Konferenz: „Die einen spielen Sudoku, die anderen spielen auf ihren Handys Schach oder Scrabble, und ich spiele Candy Crush“

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow teilt mit, dass er sich bei den oft stundenlangen Ministerpräsidentenkonferenzen mit...

DWN
Politik
Politik Zwischen Grandeur und Bedeutungslosigkeit: Frankreichs Hoffnung liegt in Afrika

In der neunten Folge der großen geopolitischen DWN-Serie wird analysiert, wie Frankreich seine Machtposition in Europa, im Mittelmeer-Raum...

DWN
Politik
Politik Deutschlands bekanntester Ökonom: Lobbyismus und zentralistische EU-Planung sind für Impfdebakel verantwortlich

In Deutschland und Europa steht nicht genügend Impfstoff zur Verfügung. Wie das passieren konnte, zeigt der ehemalige Leiter des...

DWN
Unternehmen
Unternehmen ABB hält Zeitplan für prestigeträchtigen unbemannten Hafenschlepper nicht ein

Die unbemannten Schiffe, die von Künstlicher Intelligenz gesteuert werden, sind schon seit Jahren im Gespräch. Wegen der Krise kann nun...

DWN
Technologie
Technologie ZEITREISEN, TEIL 2: Mit relativistischen Raumschiffen reist man recht beschwerlich

Im zweiten Teil unseres großen Artikels zum Thema "Zeitreise" geht es um praktische Fragen. Wie könnten Raumfahrer überhaupt in die...

DWN
Finanzen
Finanzen Nach Brexit: Derivate-Handel wechselt von London nach New York - nicht nach Frankfurt

Hoffnungen, dass der Brexit Teile des Derivate-Handels aus London nach Frankfurt oder nach Paris bringt, haben sich nicht erfüllt....

DWN
Politik
Politik Biden sieht Russland als Feind - und wird Waffen an die Ukraine liefern

DWN-Kolumnist Ronald Barazon analysiert die zukünftige Außenpolitik der USA unter ihrem neuen Präsidenten Joe Biden.

DWN
Deutschland
Deutschland Amtsgericht Weimar: „Corona-Kontaktverbot verfassungswidrig, Lockdown katastrophale politische Fehlentscheidung“

Das Amtsgericht Weimar hat in einem bahnbrechenden Urteil entschieden, dass die Corona-Kontaktverbote in Thüringen verfassungswidrig sind....

DWN
Politik
Politik US-Firma mit engen Kontakten zu russischen Staatsunternehmen verbietet Mitarbeitern Teilnahme an Protesten

Das Unternehmen hat Angst, seinen Ruf als "politisch neutrale" Organisation zu verlieren.