Politik

Bruno Maçães: Die tektonischen Verschiebungen auf der Weltbühne werden Europa zu einer Neuaufstellung zwingen

Der Aufstieg Chinas zu einer Weltmacht scheint unaufhaltsam. Doch wäh-rend die USA ein Machtzentrum auf dem Globus bleiben werden, sieht Bruno Maçães, Senior Fellow am Hudson Institute in Washington sowie Autor meh-rerer Bücher, die Perspektiven der EU skeptisch. Warum, hat er den Deut-schen Wirtschaftsnachrichten in einem Gespräch dargelegt.
30.12.2019 17:00
Lesezeit: 2 min
Bruno Maçães: Die tektonischen Verschiebungen auf der Weltbühne werden Europa zu einer Neuaufstellung zwingen
Buenos Aires: Die Teilnehmer des G20-Gipfels und ihre Ehepartner posieren für ein Familienfoto vor dem offiziellen Abendessen im Teatro Colon. (Foto: dpa) Foto: -

"Innerhalb der nächsten fünfzehn Jahre werden vier der fünf größten Volkswirtschaften der Welt aus Asien kommen – und keine aus Europa", sagte Maçães. Dies stelle gerade für die EU eine besondere Herausforderung dar. Denn im Bereich vieler Zukunftstechnologien wie etwa der Künstlichen Intelligenz, autonom fahrender Autos oder des neuen 5G-Mobilfunkstandards hätten Firmen aus der EU inzwischen den Anschluss verloren.

Man müsse sich die Frage stellen, ob dies die ersten Anzeichen dafür seien, dass die EU ihre Position als einer der wesentlichen Wirtschaftsblöcke in der Welt einbüße, so Maçães.

Die Krise der deutschen Wirtschaft stelle zudem ein besonderes Problem dar. Die deutsche Autoindustrie stehe unter Beschuss und dies habe Konsequenzen für die Industrie in ganz Europa. Länder wie Ungarn, die Tschechei, Polen und Portugal würden dies besonders zu spüren bekommen. So sei die Produktion von VW-Fahrzeugen in Portugal für ein Prozent der portugiesischen Exporte verantwortlich. Es stehe zu befürchten, dass VW bei einer weiter anhaltenden Krise zunächst – technologisch weniger fortschrittliche – Fabriken in der europäischen Peripherie schließen werde.

Für viele Beobachter sei zudem ersichtlich, dass sich Europa in sicherheitspolitischen Fragen nicht mehr auf die USA verlassen könne. Dies liege allerdings nicht an US-Präsident Trump. Auch wenn jemand wie Elisabeth Warren die Wahl gewinnen sollte, würde sie zwar eine andere Politik als Trump verfolgen – wie beispielsweise eine deutliche Senkung der Militärausgaben durchzusetzen – im Ergebnis würde dies allerdings immer noch bedeuten, dass sich Europa vermehrt um die eigene Sicherheit kümmern müsse. Es sei kein Zufall, dass der französische Präsident Emmanuel Macron dieses Thema vermehrt in den Fokus nehme.

Durch die – teilweise sanktionsbedingte – Annäherung Russlands an China entstehe zudem ein Machtblock, der die Dominanz der westlichen Welt in Frage stelle. "Wenn ich in Russland mit Kreml-nahen Intellektuellen rede, fällt mir auf, wie sehr sie sich an China orientieren. Das ist eine große Veränderung. Eine der größten Veränderungen auf der aktuellen weltpolitischen Bühne." sagt Maçães. So sei es in der Vergangenheit nicht gewesen. Russland, so die Wahrnehmung, widerstehe zusammen mit China der Macht der USA. Zudem entwickele sich in dem Land so etwas wie eine asiatische Identität. Maçães: "Gerade junge Russen fühlen sich von der Idee eines dynamischen, nicht westlichen Eurasiens angezogen. Überall ist das Bemühen zu spüren, China zu verstehen – nicht aber Westeuropa oder die USA. Da hat es einen emotionalen Bruch gegeben."

Doch obgleich in Eurasien ein neuer russisch-chinesischer Machtblock entstehe, blieben einige der Säulen amerikanischer Macht unangetastet. Eine davon sei der US-Dollar. Denn um mit dem Renminbi den Dollar in seiner Stellung als Weltleitwährung herausfordern zu können, müsste China den freien Verkehr von Kapital zulassen. "Wenn Sie aber die Wirtschaft kontrollieren möchten – so wie China – können Sie nicht zulassen, dass Renminbi von Ausländern gehalten werden." so Maçães.

Daher sei der einzige potenzielle Rivale des Dollar der Euro. Dafür seien allerdings ein integrierter europäischer Kapitalmarkt und wahrscheinlich auch Eurobonds nötig. Bisher sei Deutschland zwar nicht an einer Emittierung von Eurobonds interessiert gewesen. Dies könne sich aber möglicherweise ändern, wenn die Eurobonds und die damit potenziell stärkere Bedeutung des Euro als ein Mittel zur Ausbalancierung des Weltfinanzsystems dargestellt würden. Sollte der Dollar in Zukunft an Bedeutung verlieren, dann sei dies entweder auf den Euro oder - auszuschließen sei dies nicht - auf Digitalwährungen, die von Facebook oder anderen Firmen herausgegeben würden, zurückzuführen.

Info zur Person: Bruno Maçães ist Senior Fellow am Hudson Institute und ehemaliger Europaminister Portugals. Er ist der Autor von "The Dawn of Eurasia" und "Belt and Road: A Chinese World Order", die beide 2018 veröffentlicht wurden.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Technologie
Technologie Wind- und Solarenergie in EU übertrifft fossile Brennstoffe
22.01.2026

Wind- und Solarenergie haben 2025 in der EU erstmals mehr Strom erzeugt als fossile Brennstoffe. Gut 30 Prozent des Stroms stammten aus...

DWN
Politik
Politik Machtverschiebung in Syrien: Rückzug der Kurden und Neuausrichtung der USA
22.01.2026

Der Rückzug der Kurden aus Nordostsyrien markiert eine strategische Zäsur und verschiebt das Machtgefüge zwischen Damaskus und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft US-Boykott: Wie Dänen amerikanische Produkte aus dem Einkauf verbannen
22.01.2026

Der politische Streit um Grönland erreicht den Alltag der Verbraucher. In Dänemark meiden viele gezielt US-Produkte, unterstützt von...

DWN
Politik
Politik US-Präsident Trump gründet Friedensrat: Wer teilnimmt und wer ablehnt
22.01.2026

Trumps neuer "Friedensrat" sorgt international für Diskussionen. Während Ägypten, Albanien und Argentinien sofort zusagen, halten...

DWN
Politik
Politik Europa, die digitale Kolonie: Fünf Risiken im Umgang mit Trump
22.01.2026

Donald Trumps Umgang mit Europa sorgt für Alarm: Nach Zolldrohungen und dem Grönland-Konflikt wirkt die EU machtlos. Berlin und Brüssel...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Spielwarenhändler Rofu insolvent: So geht es jetzt für Kunden und Mitarbeiter weiter
22.01.2026

Der Spielwarenhändler Rofu steht plötzlich im Fokus einer drastischen Entwicklung: Nach Problemen im Geschäft rutscht das...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilienmarkt im Schockzustand: Zinswende, Preisverfall, Baukrise – wie geht es 2026 weiter?
22.01.2026

Auf dem Immobilienmarkt setzt nach dem Zinsschock und einem Preissturz im Jahr 2025 eine zarte Gegenbewegung ein – aber mit völlig...

DWN
Politik
Politik Trump reist ohne Erfolge vom Weltwirtschaftsforum in Davos ab
22.01.2026

Mit Drohungen über neue Zölle und dem Anspruch auf eine stärkere US-Dominanz über Grönland versuchte US-Präsident Donald Trump, die...