Finanzen

Blackbox „Grüne Anleihen“: Wem sie nutzen, ist kaum abzusehen

Seit einigen Jahren existieren sogenannte Grüne Anleihen zur Förderung umweltbezogener Projekte. Der Nutzen der Wertpapiere für die Umwelt bleibt ungewiss. Am meisten profitiert wohl das Image der Emittenten.
31.01.2020 14:00
Lesezeit: 3 min
Blackbox „Grüne Anleihen“: Wem sie nutzen, ist kaum abzusehen
Frankfurt/Main: Der Bulle vor der Frankfurter Börse wird mit grüner Farbe angestrichen. (Foto: dpa) Foto: Arne Dedert

Seitdem die Europäische Investitionsbank im Jahr 2007 erstmals eine sogenannte „Grüne Anleihe“ emittierte, ist der Bekanntheitsgrad dieses Finanzinstrumentes deutlich gestiegen. Dabei ist ein Nutzen der Papiere für die Umwelt dem derzeitigen Stand der Wissenschaft zufolge schwer abzuschätzen – wohl eher dürften die Emittenten selbst von einer solchen Anleihe profitieren, schreibt Norbert Häring auf seinem Blog.

Bei Grünen Anleihen handelt es sich um normale Anleihen, deren eingesammelte Mittel aber an eine im Vorherein bekannte Verwendung im Bereich Umweltschutz oder ein Projekt mit Umweltbezug gekoppelt sind. Wie aus mehreren von Häring zitierten Studien aber hervorgeht, ist der langfristige Nutzen der Papiere umstritten. Dies liegt in erster Linie daran, dass es noch immer verhältnismäßig wenig Grüne Anleihen gibt und dass deren Volumen folglich nur einen Bruchteil des gesamten Anleihemarktes abdeckt – also keine quantitativ signifikante Wirkung entfalten dürfte.

Zwar stieg das Volumen des weltweiten grünen Anleihesegmentes zwischen 2008 und 2018 von etwa einer Milliarde Dollar auf rund 170 Milliarden Dollar. Doch auch dieser Wert machte damals nur etwa 2 Prozent des Gesamtmarktes aus. Möglich ist allerdings, dass die seit 2019 deutlich verstärkte Medienkampagne um den Klimawandel – ausgelöst nicht zuletzt durch die Aktivistin Greta Thunberg – zu einem deutlicheren Wachstum beigetragen hatte. Nichtsdestotrotz dürfte das Volumen weiterhin im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegen.

Dem auf „sauberen Kapitalismus“ fokussierten Datenanbieter Corporate Knights zufolge sind überhaupt nur etwa 17 Prozent aller weltweiten Investitionen großer Unternehmen als „im weitesten Sinne“ umweltfreundlich einzustufen und könnten daher mit Grünen Anleihen finanziert werden – wobei sich die Frage stellt, was im weitesten Sinne heißt und wie sich dies auf die Wirksamkeit der Anleihen für Klima- und Umweltschutz dann real auswirkt.

Die Wirksamkeit der Anlageklasse für die Umwelt kann ferner an den Renditeabschlägen abgelesen werden, welche die Geldgeber hinzunehmen bereit sind. Sie bilden letztendlich einen Gradmesser für die Frage, ob die Investoren bereit sind, auf Geld zu verzichten, um Gutes zu tun. Auch in dieser Hinsicht gibt das bislang verfügbare Datenmaterial nicht viel her.

Eine maßgebliche Studie der Universität Tilburg mit dem Namen „The effect of pro-environmental preferences on bond prices“ kommt nach der Analyse von 110 Grünen Anleihen zwischen 2013 und 2017 zu dem Schluss, dass sich deren Renditeabschläge gegenüber vergleichbaren Anleihen ohne Umweltbezug zwischen 0,02 und 0,08 Prozent bewegen. Selbst wenn größere Summen im Spiel sind, stellen diese Größenordnungen keine glaubwürdige Bevorteilung Grüner Anleihen dar.

„Der geringe Renditeabschlag deutet darauf hin, dass sich die Verzichtsbereitschaft der Anleger für ein gutes Gewissen in Grenzen hält. Offenbar kaufen sie als ökologisch vermarktete Anleihevarianten nur, solange es sie nicht merklich Rendite kostet. Nach dem weisen schwäbischen Spruch "Was nix koscht, isch nix", ist kein großer Effekt zu erwarten, wenn sich grüne Anleihen fast nicht von anderen unterscheiden. Es stellt sich die Frage, warum sich die Finanzbranche trotzdem die Mühe macht, mit diversen Initiativen und bunten Prospekten und Studien den Hype zu befördern und das Segment der grünen Anleihen am Markt zu etablieren“, schreibt Häring.

Natürlich stellt jede Grüne Anleihe an sich einen Gewinn für die Umwelt dar, weil die Mittel zweckgebunden in entsprechnenden Investitionen sind. Hier stellt sich jedoch auch die Frage, wer diese Anleihen nach welchen Maßstäben als „grün“ einstuft und ob letztendlich nicht das sogenannte „Green Washing“ betrieben wird - also die Vermarktung von Aktivitäten als "ökologisch" oder "umweltfreundlich", obwohl der wahre Nutzen für Mensch und Umwelt eher gering ausfällt.

Nachgewiesen ist auch eine leicht positive Wirkungstendenz der Green Bonds auf die Emittenten, so das Resultat einer Studie der Boston University mit dem Titel "Green Bonds: Effectiveness and Implications for Public Policy". Für die Studie wurden die Emissionen Grüner Anleihen und anderer Anleihen bei börsennotierten Unternehmen verglichen und ein Bezug zur kurzfristigen Aktienkursentwicklung gebildet.

Die Studie „ermittelte einen Ankündigungseffekt auf den Aktienkurs von 0,7 Prozent. Am Aktienmarkt wird also die Ankündigung eines grünen Bonds als positives Signal für den Unternehmenswert verstanden. Allerdings nur, wenn die grünen Anleihen von einem der gängigen Anbieter als solche zertifiziert sind. Bei nicht zertifizierten grünen Anleihen war kein positiver Effekt auf den Aktienkurs feststellbar. Das passt zu einer Studie der Deutschen Bank, der zufolge Presseberichte und Ankündigungen über Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit auf Zwölfmonatssicht den Aktienkurs des betreffenden Unternehmens um durchschnittlich 1,4 Prozent nach oben treiben“, schreibt Häring.

Auch hier fällt wie im Fall des Marktvolumens und der Renditeabschläge erneut auf, dass es sich um vergleichsweise geringe Abweichungen zum traditionellen Anleihe-Segment handelt, welche letztendlich auch ganz andere Gründe gehabt haben konnten als singulär Folge der Emissionsankündigungen zu sein - man denke etwa an die seit Jahren von den wichtigen Zentralbanken betriebene Flutung der Märkte mit Geld.

Die positiven Auswirkungen auf die Emittenten können nur sehr schwer qualitativ bewertet werden. Es herrscht offenbar noch weitgehend Unklarheit. Zwar stellt die Bostoner Studie einen Anstieg der Unternehmensrentabilität zwei Jahre nach der Emission einer grünen Anleihe um gut ein Zehntel fest. „Die minimal günstigere Refinanzierung grüner Investitionen kann kaum der Grund dafür sein. Flammer (Die Studienleiterin – die Red.) bietet keine Erklärungshypothese an. Wenn der positive Effekt auf die Rentabilität kein statistisches Kunstprodukt ist, bietet sich als Erklärung die positive Wirkung grüner Investitionen und grüner Bonds auf das Standing eines Unternehmens in der Öffentlichkeit und damit auf den Markenwert an. Eine Erklärungshypothese ist auch, dass es ein Ausweis guten - und eventuell verbesserten - Managements sein könnte, wenn die Unternehmensführung die PR-Chancen von grünen Bonds erkennt und wahrnimmt“

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