Finanzen

Was bleibt, ist ein Scherbenhaufen: Schweizer Großbank Credit Suisse entlässt CEO Tidjane Thiam

Die Schweizer Großbank "Credit Suisse" hat heute ihren umstrittenen CEO Tidjane Thiam entlassen. DWN-Finanzexperte Michael Bernegger, ein hervorragender Kenner des Finanzsystems seiner schweizerischen Heimat, hat die Ereignisse analysiert und eingeordnet.
07.02.2020 18:18
Aktualisiert: 07.02.2020 18:18
Lesezeit: 4 min
Was bleibt, ist ein Scherbenhaufen: Schweizer Großbank Credit Suisse entlässt CEO Tidjane Thiam
Tidjane Thiam. (Foto: dpa) Foto: Ennio Leanza

Die Schweizer Großbank „Credit Suisse“ kommt nicht aus den Schlagzeilen. Ein unsägliches Theater endet mit dem Rauswurf des kurz zuvor noch vom Verwaltungsrat reingewaschenen CEOs Tidjane Thiam. Der Ivorer hinterlässt einen Scherbenhaufen - die Bank ist nach wie vor in Schwierigkeiten, mit einem problematischen Geschäftsmodell, das nun zum x-ten Mal überprüft und korrigiert werden muss. Tatsache ist: Das Geldinstitut ist seit Jahrzehnten ein Selbstbedienungsladen für Spitzenmanager. Was von Thiam bleibt, ist auch die Erinnerung, wie auf dem Neujahrsempfang einer Weltbank millionenschwere Banker die Fäuste sprechen ließen.

Heute hat der Verwaltungsrat (entspricht dem deutschen Aufsichtsrat) die Notbremse gezogen und sich vom umstrittenen Vorstandsvorsitzenden Tidjane Thiam getrennt. Der Ivorer (Jahresgehalt 2019: 12,7 Millionen Franken) war unter Beschuss aufgrund einer Beschattungsaffäre. Zwei Mitglieder der Konzernleitung, Iqbal Khan und Peter Goerke, waren durch externe Detektive umfassend überwacht worden, und zwar unter Verletzung interner Vorschriften. Die Detektive waren von Khan in flagranti erwischt und angezeigt worden. Der Verwaltungsrat, sein Präsident Urs Rohner sowie Thiam selbst seien über die Überwachung nicht informiert gewesen. Die alleinige Verantwortung wurde nach einer externen Untersuchung dem damaligen Konzernleitungsmitglied und Stabschef Pierre-Olivier Bouée, einem Franzosen, angelastet. Dieser wurde dann auch fristlos entlassen. Da er als rechte Hand und Intimus von Konzernchef Thiam galt, war seine Demission in der Öffentlichkeit als Bauernopfer angesehen worden.

Hinter dieser grotesken Überwachungs-Affäre steckt ein Machtkampf um das profitabelste Geschäft sowie um die strategische und operationelle Ausrichtung der Bank.

Die Credit Suisse – Ein Abstieg in mehreren Akten

Die Schweizerische Kreditanstalt (SKA) war zu ihrer besten Zeit eine schweizerische Großbank in der globalen Spitzenliga. Das Unheil begann mit einer Serie von missratenen Aufkäufen anderer Banken. In den frühen 1990er Jahren erstand die SKA praktisch alle zum Kauf stehenden einheimischen Regional- und Großbanken im Rahmen ihrer Expansionsstrategie. Dies just kurz vor dem Zeitpunkt, als eine schwere Bau- und Immobilienkrise in der Schweiz riesige Kreditverluste dieser Banken zur Folge hatte. 1996 wurde die SKA mit all diesen Akquisitionen fusioniert und die Credit Suisse Group geschaffen. Vorgängig dieser Integration aller Geschäftseinheiten wurde ein Abschreiber in Höhe von 26 Milliarden Franken (!) auf faule Immobilienkredite vorgenommen. Der damalige Konzernchef Joseph Ackermann wurde abgesetzt (und durfte später dennoch Chef der Deutschen Bank werden). Stille Reserven mussten im großen Stil aufgelöst und hoch profitable Geschäftseinheiten verkauft werden.

Nach der Integration dieser Geschäftseinheiten wurde der Fokus weg vom inländischen Stamm-Geschäft, das auch das Private Banking einschloss, auf das globale Investment-Banking gelegt. In der Folge übernahmen immer mehr Angelsachsen das Kommando in der Bank, auch in vorher hoch profitablen inländischen Geschäftseinheiten. Die Bank verhob sich mit der Akquisition der amerikanischen Investment-Bank „Donaldson, Lufkin & Jenrette“ (DLJ) auf dem Höhepunkt der Dot-Com-Blase im Jahr 2000. Sie wollte in die Top-3 der globalen Investment-Banken aufsteigen. Wieder war eine überteuerte Akquisition zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt vorgenommen worden.

Unter dem neu ernannten CEO Oswald Grübel, einem Deutschen und Urgestein der Bank, gelangen der Bank in der Finanzmarkt-Hausse bis 2007 einige gute Jahre. Die Früchte der Integration schienen aufzugehen. Nach Grübels altersbedingtem Rücktritt wurde der Amerikaner Brady Dougan, der Chef des Investment-Bankings, neuer CEO, und Urs Rohner neuer Verwaltungsratspräsident.

Das Investment-Banking trug in der Folgezeit zu hohen Verlusten der Bank bei. Die Verluste gehen aber zum Teil auf Geschäfte in der vorangegangen Expansionsperiode zurück. Die Credit Suisse musste jedoch, anders als die UBS, keine Staatshilfe beanspruchen. Unter Dougan wurde am Primat des Investment Banking festgehalten, was sich nicht auszahlen sollte. Die Bank wurde zudem unpopulär wegen weit überzogener Bonuszahlungen an Spitzenmanager und Investment-Banker.

Thiam als CEO – Vergangenheitsbewältigung und Neuausrichtung der Bank

2014/15 wurde deshalb ein neuer CEO gesucht. VR-Präsident Rohner heuerte den Ivorer Tidjane Thiam an, einen zuvor erfolgreichen Chef des großen englischen Lebensversicherers und Asset-Managers Prudential. Thiam hatte keinerlei Erfahrung im Bank-Geschäft, war aber als ehemaliger McKinsey-Mann und Spitzenmanager in der Versicherungsbranche als gute Lösung angesehen worden, um die Credit Suisse in ruhigere Gewässer zu führen.

Thiam lancierte ein umfassendes Kostensenkungs-Programm, das einen schmerzhaften Personalabbau zur Folge hatte. Vor allem wurde das Investment-Banking zurückgefahren, das bis dahin ein, vielleicht sogar das Aushängeschild gewesen war. In diesem Zusammenhang wurden erst hohe Abschreibungen auf den Goodwill - die wertlos gewordene Akquisition von „Donaldson, Lufkin & Jenrette“ aus dem Jahr 2000 - vorgenommen, ein weiteres Indiz für die schwache Unternehmensführung in den Jahren zuvor.

Thiam legte den Schwerpunkt auf den Aufbau des globalen Private Banking, das nicht mehr aus der Schweiz, sondern vor allem in Asien vor Ort betrieben werden sollte. In diesem Zusammenhang stieg der junge Pakistani Iqbal Khan zum Chef der globalen Vermögensverwaltung auf. Generell baute Thiam wie seine Vorgänger ein Netzwerk von Vertrauenspersonen um sich auf, die er von seinem früheren Arbeitgeber mitgenommen hatte und die mehrheilich französischer Zunge waren.

Ungewöhnlich war, dass Thiam als CEO gleichzeitig die Vermögensverwaltung in Asien leitete, die als wichtigste Wachstumsregion identifiziert war. Diese war nicht in die globale Vermögensverwaltung von Iqbal Khan integriert.

Handgreiflichkeiten beim Neujahrsempfang

Offenbar wurde dies zu einem Stein des Anstoßes zwischen den beiden Alphatieren. Khan forderte offenbar ein, dass ihm auch Asien unterstellt würde. Bei einem Neujahrsempfang im Januar 2019 kam es gemäß Zeitungsberichten zu hitzigen Wortgefechten, die eskalierten und vor den Augen beider Ehefrauen sogar zu Handgreiflichkeiten führten.

Der Schaden war irreparabel. Khan schied aus der Konzernleitung aus. Kurze Zeit später wurde bekannt, dass er zum Konkurrenten UBS wechseln und dort die Leitung der globalen Vermögensverwaltung übernehmen würde. Da Khan über exzellente Kontakte verfügte, wurde offenbar befürchtet, er könnte große Kunden und Mitarbeiter der Credit Suisse mit guten Kundenkontakten zur neuen Arbeitgeberin mitnehmen. Das war der Anlass der Überwachung durch eine externe Detektei. Khan bemerkte das, erhob Strafanzeige und die Sache gelangte an die Presse. Über Monate hinweg konnte sich das aufgeschreckte Publikum an immer neuen Details über die Machtkämpfe an der Führungsspitze der Credit Suisse ergötzen.

Dazu gehörte auch, dass sich zwei Lager unter den Aktionären, Kunden und leitenden Mitarbeitern der Bank bildeten. Große Aktionäre wie Harris Associates und Hedge Funds stützten den CEO Thiam, während Schweizer Kunden, Aktionäre und die Presse dessen Kopf forderten. Der Verwaltungsrats-Präsident Rohner musste sich öffentlich von drei großen Aktionären sagen lassen, er würde abgesetzt werden, falls Thiam gehen müsste.

Der Schaden der ganzen Affaire ist erheblich. Die Neustrukturierung der Bank unter Thiam ist nur halbwegs geglückt. Nach wie vor ist das Investment-Banking zu gross und kann trotz bester Bedingungen keine Gewinne erzielen. Im globalen Vermögensverwaltungsgeschäft dürfte die Bank Kunden an die UBS verlieren. Was hingegen gut läuft trotz Negativzinsen, ist das inländische Geschäft. Wohl deshalb wurde dessen Leiter Thomas Gottstein zum neuen CEO befördert. Er dürfte die nächste Restrukturierung, Neuausrichtung und Anpassung der Bank an die Hand nehmen müssen.

Die Credit Suisse ist wie viele andere europäische Großbanken durch größenwahnsinnige Expansionspläne und schwaches Management in eine andere Liga abgestiegen und längst noch nicht wieder neu positioniert. Wer weiß, ob ihr das jemals wieder gelingen wird.

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