Corona-Virus: Zentralbanken manipulieren wie nie zuvor

 

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08.02.2020 08:26
Die chinesische Volkswirtschaft steht zu großen Teilen still - und dennoch schnellen die Aktienkurse weltweit in die Höhe. Was hinter diesem Phänomen steckt, analysiert und erläutert DWN-Gastautor Ernst Wolff.
Corona-Virus: Zentralbanken manipulieren wie nie zuvor
Die Chinesische Zentralbank in Peking. (dpa)
Foto: Adrian Bradshaw

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Hätte Anfang Januar irgendjemand vorausgesagt, dass die chinesische Volkswirtschaft vier Wochen später weitgehend stillsteht, hätte ihn wohl kaum jemand ernst genommen. Hätte er dann auch noch behauptet, dass dieser Stillstand an den internationalen Börsen nach einer kurzen Schwäche mit einem gewaltigen Aufschwung und neuen Höchstständen quittiert würde, hätte man ihn vermutlich für verrückt erklärt.

Doch genau das ist in dieser Woche geschehen. Der Wirtschaftsgigant China – verantwortlich für 16 Prozent des Bruttoweltproduktes, 25 Prozent des Welthandels und 33 Prozent des globalen jährlichen Wirtschaftswachstums – erlebte einen historisch nie dagewesenen Stillstand und die Aktienkurse in aller Welt kannten dennoch nur eine Richtung - nach oben.

Ein extremes Beispiel für diese absurd anmutende Entwicklung lieferte Südkorea: Als der Autohersteller Hyundai am vergangenen Dienstag (4. Februar) ankündigte, seine heimische Produktion wegen Zulieferproblemen aus China ab Freitag (7. Februar) einzustellen – unter normalen Umständen das Signal für einen umgehenden Absturz der Aktie – legte der Hyundai-Kurs am koreanischen Aktienindex Kospi um 2,13 Prozent zu.

Wie kann das sein? Sehen die Investoren die Gefahren nicht?

Keinesfalls. Der gegenwärtige Aufwärtstrend an den Börsen ist einem Phänomen zu verdanken, das in den vergangenen Jahren immer größere Ausmaße angenommen hat - der länderübergreifenden Manipulation des globalen Finanzsystems durch die Zentralbanken.

Die Führung dieser unheiligen Allianz hat diesmal die chinesische Zentralbank übernommen. Da sie nach der einwöchigen Schließung der Aktienmärkte wegen des chinesischen Neujahrsfestes am vergangenen Freitag (den 31. Januar) größere Einbrüche befürchtete, ließen die Verantwortlichen die Eröffnung der Börsen auf Montag (den 3. Februar) verschieben. Dazu verfügten sie ein Verbot von Leerverkäufen (Wetten auf fallende Kurse), verdonnerten staatliche Investoren dazu, massenweise Aktien aufzukaufen und fluteten den Markt mit einer Liquiditätsspritze von 1,2 Billionen Yuan (174 Milliarden Dollar). Am Dienstag (4. Februar) legten sie nach und pumpten weitere 400 Milliarden Yuan (57 Milliarden Dollar) ins System.

Die US-Zentralbank, die seit vergangenem September circa 500 Milliarden Dollar über den Repo-Markt ins System eingespeist hat, folgte dem chinesischen Beispiel und stellte US-Investoren nach Angaben des „Wall Street Journal“ am Freitag (31. Januar) 46 Milliarden Dollar und am Montag (3. Februar) weitere 76.9 Milliarden Dollar zur Verfügung.

Diese Zahlen umreißen vermutlich nicht einmal das ganze Ausmaß der Manipulation, sondern nur den Teil, von dem die Öffentlichkeit erfährt. Man kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass zurzeit noch weitere Kräfte am Werk sind, um die Finanzmärkte zu stützen.

In den USA dürfte es sich dabei vor allem um zwei Organisationen handeln: Die 1988 unter dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan gegründete President’s Working Group on Financial Markets, auch Plunge Protection Team (PPT, zu Deutsch: Gruppe zum Schutz vor Börsenabstürzen) genannt, und den Exchange Stabilization Fund (ESF, zu Deutsch: Börsenstabilisierungsfonds). Beide haben bereits in der Vergangenheit geholfen, die Märkte unter anderem durch Einlösung von US-Staatsanleihen (die so nicht in der Bilanz der FED auftauchen) zu stützen.

Die Schäden sind jetzt schon immens

Niemand kann momentan voraussagen, wie sich die Lage in China weiter entwickeln wird. Doch selbst wenn es nicht zu einer unkontrollierbaren Pandemie kommen sollte, ist der Schaden für die Weltwirtschaft immens. 21 chinesische Provinzen werden alle wirtschaftlichen Aktivitäten bis zum 10. Februar und angesichts der noch immer zunehmenden Infektionen mit dem Corona-Virus sehr wahrscheinlich auch darüber hinaus aussetzen. Betroffen sind 80 Prozent der Unternehmen, die für Chinas BIP sorgen, und 90 Prozent der für den Export arbeitenden Betriebe.

Da China mit 20 Prozent an den globalen Lieferketten – und in Japan, Südkorea, Vietnam und Kambodscha sogar mit 40 Prozent an den jeweiligen Lieferketten – beteiligt ist, sind die Folgen bereits zu spüren und werden in den kommenden Tagen immer stärkere Auswirkungen zeigen.

Der Ölpreis, der in den vergangenen drei Wochen bereits um etwa 20 Prozent gefallen ist, wird wegen der nachlassenden Nachfrage mit Sicherheit weiter sinken. Die ohnehin in großen Schwierigkeiten steckende Fracking-Industrie in den USA, die geradezu nach einem höheren Ölpreis lechzt, wird noch tiefer in die roten Zahlen rutschen – es wird weitere Bankrotte geben.

Wie absurd die Entwicklung an den Finanzmärkten ist und wie sehr sie sich von der Wirklichkeit der Realwirtschaft entfernt hat, zeigt vor allem das Beispiel Tesla: Am selben Tag, an dem das Unternehmen zusammen mit Ford und Apple seine Produktion in China einstellte, eilte die Aktie wie von Geisterhand getrieben von einem Rekordhoch zum nächsten.

Die Frage, die sich jedem Beobachter angesichts dieser Situation stellt, lautet:

Wie lange kann das gutgehen?

Ein schnelles Ende ist nicht abzusehen, denn niemand kann die Zentralbanken daran hindern, noch mehr frisches Geld in die Märkte zu pumpen, um die Aktienkurse auf diese Weise noch weiter in die Höhe zu treiben. Damit aber setzen sie den Trend der Entwertung des Geldes fort, untergraben das Vertrauen in das globale Finanzgefüge und riskieren, dass es irgendwann zu einer plötzlich einsetzenden Flucht in Sachwerte kommt – ein Grund, weshalb der Goldpreis parallel zur Anheizung der Finanzmärkte von den Großbanken manipuliert und nach Kräften gedrückt wird.

Können die Zentralbanken diese Politik irgendwann wieder zurückschrauben? Nein. Den Beweis hat der vergangene Dezember geliefert, als die Börsen den Versuch der FED, die Zinsen wieder anzuheben, mit den größten Einbrüchen seit siebzig Jahren beantworteten. Die Zentralbanken sitzen also in einer Falle: Sie haben eine Entwicklung eingeleitet, die nicht mehr zu stoppen ist und die sie auf Grund ihrer inneren Logik zwingt, ihre Geldschwemme in Zukunft sogar noch auszuweiten.

Der Realwirtschaft kommt das allerdings nicht zugute, da die Summen auch künftig hauptsächlich in die Spekulation fließen werden. Da es sich bei der Realwirtschaft aber um den Bereich handelt, in dem die große Masse der Menschen arbeitet und ihr Geld verdient, wird es brenzlig werden: Kommt es hier – wie jetzt zu erwarten - zu größeren Einbrüchen, werden die Verluste schnell auf die Belegschaften abgewälzt, was Massenentlassungen und damit Lohnausfälle nach sich zieht. (Einen Vorgeschmack auf dieses Szenario lieferte diese Woche Hongkongs Fluglinie „Cathay Pacific“, die alle 27.000 Mitarbeiter aufforderte, angesichts der aktuellen Probleme für drei Wochen unbezahlten Urlaub zu nehmen.)

Zunehmende Entlassungen führen dazu, dass der Konsum nachlässt, der Absatz wegen schwindender Nachfrage sinkt, die Realwirtschaft also noch stärker ins Stocken gerät.

Helikoptergeld als Allheilmittel?

Aus dieser sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale wird es nur einen Ausweg geben: Die Kaufkraft der Menschen muss künstlich erhöht werden. Für genau diesen Fall gibt es bereits ein vermeintliches Allheilmittel – das Helikoptergeld. In den Zentralbanken der Welt wird seit Längerem ernsthaft darüber diskutiert, die Kaufkraft der Menschen zu erhöhen, indem man ihnen flächendeckend frisch gedrucktes Geld zur Verfügung stellt – mit der Vorgabe, es umgehend in den Konsum zu stecken.

Wird das die Probleme lösen? Ganz sicher nicht. Aber die Idee wird von politischen Opportunisten derzeit als Wunderdroge angepriesen, weil sie bei vielen Geringverdienern auf fruchtbaren Boden fällt, Wählerstimmen einbringt und mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer kurzlebigen Belebung der Wirtschaft führen dürfte.

Das dicke Ende aber wird nicht ausbleiben: Sobald das Helikoptergeld in größerem Ausmaß in den Konsum und damit in die Realwirtschaft fließt, werden die Industriekonzerne ihre Chance wittern: Sie werden die Preise anheben und damit eine Inflationsspirale in Gang setzen, die nicht mehr zu stoppen wäre und die die Zentralbanken zwingen würde, noch mehr Helikoptergeld zu verteilen – der sichere Weg in die Hyperinflation.

Das Helikoptergeld ist also nur ein Mittel, um den Zusammenbruch des Systems weiter hinauszuzögern. Aber nicht das einzige. Denkbar wäre für die nahe Zukunft auch das Szenario eines sogenannten „Flash-Crashs“.

Sollten Großbanken und Hedgefonds ihre Aktien - vermutlich nach heimlicher Absprache - gleichzeitig auf den Markt werfen, würden sie damit einen gewaltigen Preissturz herbeiführen und könnten die Aktien anschließend zu Spottpreisen wieder aufkaufen. Den Preis für diese künstlich herbeigeführte „Bereinigung“ der Märkte würden Millionen von Kleinanlegern zahlen, die von dieser Entwicklung kalt erwischt würden.

Welche dieser Varianten uns bevorsteht, kann niemand sagen. Nur eines ist sicher: So wie es momentan läuft, kann und wird es nicht endlos weitergehen. Mit dem durch das Corona-Virus bedingten Stillstand in China ist eine Zeitbombe ins Spiel gekommen, die sowohl die Risiken als auch die Gefahren im globalen Finanzsystem gewaltig erhöht und die das Potenzial besitzt, es nach dem 11jährigen und damit längsten Aufwärtstrend seiner Geschichte nicht nur zu erschüttern, sondern existenziell zu gefährden.

                                                                            ***

Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.


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