Finanzen

Bizarre Allianz: Ursula von der Leyen, Finanz-Investoren und Grüne kämpfen gemeinsam für den Klima-Deal

Der Finanzexperte Ernst Wolff analysiert im Gespräch mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten, welche Finanzinteressen hinter dem „New Green Deal" stehen, den sich EU-Kommission-Präsidentin Ursula von der Leyen auf die Fahnen geschrieben hat.
04.03.2020 09:20
Aktualisiert: 04.03.2020 09:20
Lesezeit: 3 min
Bizarre Allianz: Ursula von der Leyen, Finanz-Investoren und Grüne kämpfen gemeinsam für den Klima-Deal
Grün soll die Wirtschaft werden - das fordern nicht nur die Grünen, sondern auch Ursula von der Leyen sowie viele Finanzinvestoren. (Foto: dpa)

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Der „New Green Deal" erfährt neuerdings immer mehr Aufmerksamkeit. Warum?

Ernst Wolff: Die Initiatoren versprechen eine Welt mit Vollbeschäftigung und einer ökologisch nachhaltigen klimaneutralen Wirtschaft. Das kommt gut an.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie wollen sie das erreichen?

Ernst Wolff: Durch eine „ökologische Wende“ in der Industriegesellschaft. Sie wollen sich an Roosevelts „New Deal“ in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts orientieren.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Beim „New Deal“ handelte es sich um Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die vom Staat finanziert wurden, um die Wirtschaft nach der großen Depression anzukurbeln...

Ernst Wolff: Genau. Das hat damals auch funktioniert. Aber die Zeiten haben sich geändert. Der „New Green Deal“ ist nichts anderes als eine grün angestrichene und ökologisch verbrämte Neuauflage einer Politik, die die Probleme unserer Zeit verkennt und den Menschen falsche Hoffnungen macht.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Probleme unserer Zeit stehen dem „New Green Deal“ denn im Weg?

Ernst Wolff: Der Zustand des globalen Finanzsystems und die Finanzlage der Staaten. Das Finanzsystem musste 2007/08 von den Staaten gerettet werden und wird seitdem durch die Zentralbanken künstlich am Leben erhalten. Wir haben zurzeit leere Staatskassen und riesig aufgeblähte Bilanzen der Zentralbanken.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie soll der „New Green Deal“ unter diesen Umständen finanziert werden?

Ernst Wolff: Angeblich durch „ungenutzte Finanzmittel“. Das Problem ist, dass es solch ungenutzte Finanzmittel nicht gibt. Das heißt: Sie müssten geschaffen werden, und das ginge nur durch die Zentralbanken. Im Klartext heißt das: Es soll noch mehr Geld aus dem Nichts geschaffen und ins System gepumpt werden als bisher.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Das meiste Geld, das seit 2007/08 ins System gepumpt wurde, ist Großinvestoren zugute gekommen. Im „New Green Deal“ dagegen würde es arbeitenden Menschen in Form von Lohnzahlungen zugute kommen. Würde das nicht für eine Art sozialen Ausgleich sorgen?

Ernst Wolff: Das wäre schön, wird aber nicht geschehen. Während das an die Investoren gegangene Geld eine Inflation an den Finanzmärkten in Gang gesetzt hat, würden die staatlichen Lohnzahlungen in den Konsum fließen und so die Inflation im Alltag anheizen. Je mehr Geld über den „New Green Deal“ an die Menschen verteilt würde, umso mehr würde ihnen durch die Inflation wieder genommen. Es wäre eine unheilvolle Spirale, die da in Gang gesetzt würde.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wieso erhalten die Befürworter des „New Green Deal“ so große Unterstützung aus Politik und Wirtschaft?

Ernst Wolff: Weil sowohl Politiker als auch Investoren versuchen, die Angst vor dem Klimawandel für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Das politische Spektrum der Befürworter reicht ja bei uns mittlerweile von der Linkspartei über die Grünen bis zu Ursula von der Leyen. In der Wirtschaft sind es vor allem Anlagegesellschaften, die den „New Green Deal“ mitorganisieren und daran mitverdienen wollen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Ist diesen Firmen nicht bewusst, dass das Projekt langfristig keinen Erfolg haben kann?

Ernst Wolff: Hinter fast allen diesen Unternehmen stehen heute Fonds, deren Manager von den Anlegern getrieben werden, auf Biegen und Brechen Rendite zu machen. Und da die negativen Auswirkungen des „New Green Deal“ erst mit zeitlicher Verzögerung auftreten werden, sind diese Manager – genau wie die Politiker – sehr bemüht, möglichst viele Menschen für ihr Ansinnen zu gewinnen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Der „New Green Deal“ hat also Chancen, umgesetzt zu werden?

Ernst Wolff: Dazu muss man nur in die USA sehen: Der Erfolg des herzkranken 78jährigen Demokraten Bernie Sanders liegt ganz bestimmt nicht an seiner Vitalität, sondern einzig und allein daran, dass er von einflussreichen Kräften im Hintergrund finanziell und medial gefördert wird. Weshalb? Weil der „New Green Deal“ ein Teil seines Wahlprogramms ist.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Hat Sanders Chancen, die Wahl zu gewinnen?

Ernst Wolff: Ganz bestimmt. Unser globales Finanzsystem hat durch die Manipulation der Zentralbanken einen Zustand erreicht, in dem das Motto „inflate or die“ („Inflation erzeugen oder untergehen“ – Anm. d. Red.) gilt. Bernie Sanders’ wird keineswegs – wie viele irrtümlich glauben - den Sozialismus in den USA einführen. Seine historische Rolle besteht darin, den Menschen in den USA die Inflation ideologisch durch die Verkündung eines vermeintlich grünen Zeitalters schmackhaft zu machen. Damit erfüllt er eine für die US-Finanzelite durchaus nützliche Funktion.

Info zur Person: Ernst Wolff (69) befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft. Sein jüngstes Buch ist der Spiegel-Bestseller „Finanztsunami – Wie das globale Finanzsystem uns alle bedroht“.

Link: www.amazon.de/Finanz-Tsunami-globale-Finanzsystem-alle-bedroht/dp/3000575332/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=ÅMÅŽÕÑ&keywords=ernst+wolff&qid=1569868769&s=gateway&sr=8-1

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Milliardenloch bei den Krankenkassen – Bürgergeldempfänger belasten das System schwer
02.04.2026

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger schlägt Alarm. Unser Gesundheitssystem gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht. Mit Blick auf ein...

DWN
Politik
Politik Trump-Rede zum Iran-Krieg: Viele Worte, wenig Klarheit
02.04.2026

US-Präsident Trump hat sich erneut optimistisch über den Verlauf des Iran-Kriegs geäußert. Wirkliche Neuigkeiten enthielt seine "Rede...

DWN
Politik
Politik Luftverkehrsteuer: Ticketsteuer für Flüge soll ab Juli sinken
02.04.2026

Der Iran-Krieg treibt die Flugpreise kräftig. Jetzt will die Bundesregierung ein Versprechen aus ihrem Koalitionsvertrag einlösen. Doch...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mehr Geld – oder Kündigung: So reagieren Arbeitgeber auf Ultimaten
02.04.2026

Kündigungsdrohung im Gespräch? Dann entscheidet nicht die schnelle Zusage, sondern die Qualität der Reaktion: Wer jetzt aus Angst...

DWN
Politik
Politik Investmentpläne vor Iran-Angriff? Pete Hegseths BlackRock-Investition im Fokus
02.04.2026

Während des Iran-Krieges rücken mögliche frühere Verbindungen zwischen US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, BlackRock und den...

DWN
Politik
Politik 80-Prozent-Rückkehrer-Quote: Syrien entschieden gegen Zwangsabschiebungen
02.04.2026

Die Debatte um eine Zielmarke für die Rückkehr von nach Deutschland geflüchteten Syrern hat auch in deren Heimatland für Aufsehen...

DWN
Politik
Politik EU passt Regeln im Emissionshandel an: Entlastung für die Industrie in Sicht?
02.04.2026

Die EU stellt zentrale Weichen im Emissionshandel neu und rückt dabei die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie stärker in den Fokus....

DWN
Politik
Politik Mehrwertsteuererhöhung auf 21 Prozent? Mehr Belastung für die Älteren und weniger für die Jüngeren
02.04.2026

Die Bundesregierung prüft eine Mehrwertsteuer-Erhöhung auf 21 Prozent. Trotz Mehreinnahmen für den Staatshaushalt sind Ökonomen...