Finanzen

Investoren ziehen sich auf breiter Front aus Firmen-Anleihen zurück

Der Markt für Firmenanleihen hat die schlechteste Woche seit 2011 hinter sich. Rekordhohe Schulden schüren Zweifel an der Stabilität vieler Unternehmen, während die Flucht der Investoren aus ausfallgefährdeten Anleihen inzwischen auch auf das als sicher geltende Segment Investment Grade übergreift.
04.03.2020 10:30
Aktualisiert: 04.03.2020 10:30
Lesezeit: 3 min
Investoren ziehen sich auf breiter Front aus Firmen-Anleihen zurück
Drei "As" symbolisieren die Bestbewertung bei Firmenanleihen. (Foto: dpa) Foto: Oliver Berg

Der US-amerikanische Markt für Anleihen von Unternehmen mit schwacher Kreditwürdigkeit hat die schlechteste Woche seit dem Jahr 2011 hinter sich. So zogen Investoren in der Woche bis zum vergangenen Mittwoch rund 6,8 Milliarden Dollar aus Fonds ab, die sich auf sogenannte „Junk Bonds“ spezialisiert haben, wie aus Daten von EPFR hervorgeht. Alleine aus dem HYG-Fonds von BlackRock sollen etwa 4 Milliarden Dollar abgeflossen sein, berichtet die Financial Times.

Allein am Dienstag sollen Investoren etwa 1,5 Milliarden aus dem HYG-Fonds abgezogen haben – es war der größte Abfluss innerhalb eines Tages seit Gründung des Fonds. Genauso erging es dem auf riskante Unternehmensanleihen spezialisierten Fonds des Konkurrenten State Street, wo Abflüsse am Dienstag in der Größenordnung von 890 Millionen ebenfalls einen Allzeit-Tagesrekord darstellten.

Doch nicht nur im Markt für „Junk Bonds“, auch im Segment von Unternehmensanleihen mit hoher Bonität verzeichneten Fonds deutliche Abflüsse. In der vergangenen Woche verlor der führende iShares iBoxx Investment Grade Corporate Bonds ETF des Marktführers BlackRock mehr als 2 Milliarden Dollar, wie BNN Bloomberg berichtet.

BlackRock selbst gab bekannt, dass es den Anteil von Unternehmensschulden in seinen Portfolien reduzieren wolle. Während am US-Aktienmarkt am Montag hohe Gewinne realisiert wurden, stiegen die Kosten zur Absicherung gegen Bankrotte nordamerikanischer Unternehmen auf den höchsten Stand seit 14 Monaten – ein Anzeichen dafür, dass Investoren sich um die Tragfähigkeit der Schulden Sorgen machen.

Ein weiteres Indiz für die zunehmende Skepsis ist der Umstand, dass vergangene Woche die erste Woche seit dem Jahr 2018 war, in der es praktisch keine Emissionen von Anleihen durch Unternehmen gegeben hatte. Diese warten offenbar ab, wie sich die durch das Coronavirus massiv verschlechterte Lage an den Finanzmärkten weiter entwickelt.

„Die Absatzbewegung weg von High Yield-Anleihenfonds spiegelte die Verkäufe bei riskanten Finanzpapieren generell wider. Investoren antizipieren negative Auswirkungen des Coronavirus auf die Weltwirtschaft und versuchen, in sicherere Ecken des Finanzmarktes umzuschichten“, schreibt die FT. Die deutlichen Kapitalabflüsse bei riskanten Anleihen weckten Erinnerungen an die Finanzkrise, sagte ein Analyst der Zeitung. „Das schafft die Möglichkeit eines weltweiten Abschwungs. Die meisten Leute glauben noch nicht, dass es so weit kommt, aber die Risiken sind jetzt signifikant.“

Der Renditeunterschied zwischen riskanten Unternehmensanleihen und vergleichbaren US-Staatsanleihen stieg am Donnerstag auf 462 Basispunkte (4,62 Prozent). Er lag damit rund 100 Basispunkte über dem Wert der Vorwoche – ein weiteres Zeichen für eine wachsende Skepsis potenzieller Geldgeber.

Hintergrund für die Nervosität ist die hohe Verschuldung von Unternehmen weltweit und besonders auch in den USA. Diese hat mit etwa 6,5 Billionen Dollar in den USA ein Allzeithoch erreicht, wobei hinzugefügt werden muss, dass die Verschuldung bis auf die Phase zwischen 2002 und 2006 seit Jahrzehnten stets gestiegen ist, wie aus Daten der Federal Reserve of St. Louis hervorgeht.

Auch weltweit ergibt sich ein ähnliches Bild. So hatten die vom Institute of International Finance gemessenen Verbindlichkeiten aller Unternehmen ohne Berücksichtigung von Finanzinstituten Ende 2018 die Marke von 75 Billionen Dollar überschritten, was 92 Prozent der damaligen globalen Wirtschaftsleistung entsprach. Zum Vergleich: Ende 2016 lag der Wert noch bei 62 Billionen Dollar, Ende 2008 bei etwa 45 Billionen Dollar, wie aus Daten von Statista hervorgeht.

Zu den Unternehmen, welche Analysten zufolge bald mit einer Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit oder Refinanzierungsschwierigkeiten aufgrund des Coronavirus rechnen müssen, gehören dem Magazin Fortune zufolge beispielsweise die australische Fluglinie Virgin, die indonesische Fluglinie Garuda, Casinobetreiber wie MGM oder Codere, der deutsche Reisekonzern Tui (dessen Bonität am vergangenen Freitag von Standard & Poor’s herabgestuft wurde), Kinobetreiber, Reedereien mit bedeutendem Chinageschäft sowie Automobilkonzerne wie Aston Martin oder Jaguar Range Rover.

Die von der Ausbreitung des Coronavirus gebremste Ölnachfrage bringt zudem die hoch verschuldeten Fracking-Ölförderer in den USA in Schwierigkeiten. Denn die Firmen steigern ihre Förderung weiter, während die weltweite Nachfrage kaum noch steigt. Der Ölpreis fällt, allein seit Jahresanfang hat sich leichtes US-Öl der Sorte WTI um etwa ein Fünftel verbilligt. Damit wird es schwerer für die Unternehmen, ihre auslaufenden Anleihen zu finanzieren. Es sei „keine gute Zeit für die Produzenten“, nach frischem Geld zu suchen, sagte Buddy Clark, Partner bei der Anwaltskanzlei Haynes and Boone, die sich auf Insolvenzen bei Öl- und Gasfirmen spezialisiert hat der Nachrichtenagentur Reuters. Die Banken bewerteten derzeit, wie in jedem Frühjahr, ihre Sicherheiten neu - und die Ölvorräte dürften 2020 deutlich niedriger bewertet werden als vor Jahresfrist.

Viele Fracking-Firmen besorgen sich das nötige Geld am Anleihemarkt. Allein in den kommenden vier Jahren laufen nach Daten von Moody's Investors Service Anleihen der Fracking-Unternehmen im Volumen von 86 Milliarden Dollar aus. Dabei sind es nicht nur kleine Firmen, die Geld brauchen: So muss Occidental Petroleum 14 Milliarden Dollar auslaufende Wertpapiere bis 2024 zurückzahlen. Das Unternehmen hat bereits weitere Sparprogramme angekündigt, sollte der Ölpreis so niedrig bleiben. Schon jetzt sollen die Ausgaben in diesem Jahr um 40 Prozent niedriger ausfallen, damit genügend Geld für den laufenden Betrieb und die Dividenden übrigbleibt. Auch der Ölmulti Exxon Mobil muss sich in dieser Woche den Fragen der Investoren stellen, die mehr zu geplanten Geschäftsverkäufen erfahren wollen, mit denen höhere Ausgaben sowie Dividenden finanziert werden sollen.

Die schärferen Einschnitte sind auch deswegen nötig, weil sich Investoren aus Energie-Anleihen mit schlechterer Bonität zurückziehen. Im Januar stammten 36 der 50 am schlechtesten laufenden Hochzinsanleihen im entsprechenden ICE/BofAML-Index von Energiefirmen. Frackingfirmen wie Laredo Petroleum und Range Resources hätten es noch rechtzeitig geschafft, vor dem Ausbruch des Coronavirus frisches Geld aufzunehmen, sagte Josh Young, Chefinvestor bei der auf Öl- und Gasfirmen spezialisierten Vermögensverwaltung Bison Interests.

Allerdings dient die Entwicklung ihrer Anleihen als Warnsignal für andere Investoren. Ein Papier von Range Resources mit einem Zinssatz von 9,5 Prozent, das am 24. Januar ausgegeben wurde, wird derzeit bei gerade einmal 71 Prozent des Nennwerts gehandelt, bei einem Papier von Laredo Petroleum, das ebenfalls einen Coupon von 9,5 Prozent hat, sieht es kaum besser aus. „Hätten sie ihre Schulden nicht verlängert, hätten sie jetzt Schwierigkeiten“, sagt Young.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Online-Broker-Vergleich: Die besten Aktiendepots für Anleger – Tipps zur Anbieterauswahl

Ein Online-Broker-Vergleich beginnt beim Wertpapierdepot: Ein Depot ist die Eintrittskarte zur Börse, nur mit einem Depot können Anleger...

 

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Europäischer Medtech ist günstig, Goldrückgang ist vorübergehend
27.09.2026

Die Wall Street glänzt nahe seinen Rekordhöhen, doch unter der Oberfläche brodelt es. Während Künstliche Intelligenz die...

DWN
Politik
Politik Kanada und EU: Von der Leyens Plan könnte den Binnenmarkt verändern
27.09.2026

Kanada soll enger an die Europäische Union rücken als je zuvor. Ursula von der Leyen bringt dafür sogar eine "assoziierte...

DWN
Politik
Politik Gelockerter Kündigungsschutz für Hochverdiener: Was Arbeitgeber für 2027 wissen sollten
27.09.2026

Die Bundesregierung plant eine Reform des Kündigungsschutzes, in der Hochverdiener leichter kündbar werden sollen. Arbeitgeber können...

DWN
Panorama
Panorama Auswandern nach Andalusien: „In meinem Herzen habe ich zwei Seelen“
27.09.2026

Jens Halbroth und seine Frau Claudia suchten jahrelang nach einem neuen Lebensmittelpunkt. Sie reisten mit Motorrad und Wohnmobil durch...

DWN
Finanzen
Finanzen Weltweite Schulden mit Gold tilgen? Dann müsste es 400.000 Dollar kosten
27.09.2026

Die Goldpreise erreichen 2026 Rekordstände. Doch was wäre, wenn Staaten ihre Schulden theoretisch mit ihren Goldreserven decken wollten?...

DWN
Technologie
Technologie KI und Burnout: Warum ausgerechnet Entlastung krank machen kann
27.09.2026

KI soll Beschäftigte entlasten, Routinearbeit übernehmen und Unternehmen produktiver machen. Doch ausgerechnet die neue Effizienz schafft...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Horacio Pagani im Porträt: Seine Autos sind verkauft, bevor die Öffentlichkeit sie sieht
27.09.2026

Horacio Pagani baut keine Autos für den Massenmarkt. Im vergangenen Jahr sollen es gerade einmal rund 50 gewesen sein, das günstigste...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unternehmensnachfolge: Mehr Schließungs- als Übergabepläne im Mittelstand
27.09.2026

Erstmals wollen mehr Mittelständler dichtmachen als übergeben. Betroffen sind auch profitable Betriebe mit vollen Auftragsbüchern. Oft...