Deutschland

Noch fliegen die Drachen: Ein Land in banger Erwartung des Ungewissen

Anfang der Woche haben sich die Bundesregierung und die Bundesländer auf Leitlinien zur Bekämpfung des Corona-Virus geeinigt. Wie gehen die Deutschen mit den teilweise doch recht einschneidenden Maßnahmen um? Ein Stimmungsbild.
19.03.2020 09:01
Aktualisiert: 19.03.2020 09:01
Lesezeit: 3 min
Noch fliegen die Drachen: Ein Land in banger Erwartung des Ungewissen
Drachen über dem Tempelhofer Feld in Berlin. (Foto: dpa) Foto: Wolfgang Kumm

Die dpa zeichnet ein Stimmungsbild von Deutschland, nachdem Bundesregierung und Bundesländer einschneidende Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus getroffen haben:

Die drastischen Maßnahmen der Politik gegen die Ausbreitung des Corona-Virus zeigen Wirkung und haben das öffentliche Leben in Deutschland deutlich verlangsamt. Zwar waren bei sonnigem Wetter am Dienstag bundesweit noch viele Menschen auf den Straßen und in den Parks unterwegs. Doch nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Vorabend einschneidende Maßnahmen zur Einschränkung beruflicher und sozialer Kontakte verkündet hatte, schlossen vielerorts schon die ersten Läden.

Am Montag hatten Bund und Länder vereinbart, dass eine Vielzahl von Geschäften geschlossen werden müssen. Supermärkte und andere Läden, die zur Grundversorgung beitragen, dürfen allerdings geöffnet bleiben. Regelverstöße zu ahnden und Bußgelder zu verhängen, ist Sache der Ordnungsämter. Ihre Mitarbeiter können aber auch Hilfe erhalten von der Polizei. Zum Beispiel, wenn sich jemand weigert, seinen Laden zu schließen oder wenn sich in Parks große Gruppen, dicht an dicht, zum gemeinsamen Picknick versammeln. Aktuell scheint es noch nicht gänzlich ruhig auf den Straßen und in den Parks geworden zu sein. So wurden zum Beispiel auf dem Tempelhofer Feld in Berlin viel Drachen steigen gelassen.

Die Bundesregierung will nun einige Tage schauen, ob die Maßnahmen wirken - ob die Bürger den Appellen folgen und wie sich die Infektionszahlen entwickeln. Sollte die Infektionskurve steil ansteigen, wären womöglich auch hierzulande weitere Verbote zu erwarten.

Unsicherheit herrschte am Dienstag bei vielen Gewerbetreibenden und ihren Kunden. Optiker fragten sich, ob Brillen-Reparaturen weiterhin möglich sein würden. Und was ist mit Kaufhäusern, die neben der Lebensmittel-Abteilung ja auch noch viele andere Waren im Angebot haben? Einzelhandelsgrößen mit hoher Frequenz wie zum Beispiel IKEA, haben sich schon entschlossen, Ihre Türen vorsorglich bis Ende März zu schließen.

In den vergangenen Tagen hatte es in Berlin mehrfach Verstöße gegen das hier bereits seit dem Wochenende geltende Öffnungsverbot für Kneipen und Clubs gegeben. Die Polizei wird deshalb weiterhin kontrollieren. „Gestern mussten 22 Strafanzeigen geschrieben werden, erklärte ein Polizeisprecher.

Auch in Baden-Württemberg war die Polizei in der Nacht zum Dienstag auf zahlreiche – trotz Verbots – geöffnete Gaststätten gestoßen. Die meisten Wirte seien einsichtig gewesen und hätten ihre gut besuchten Lokale auf Aufforderung geschlossen, teilte die Polizei mit. Nur in Ausnahmefällen hätten Zwangsmaßnahmen angedroht werden müssen. Vereinzelt hätten die Beamten Hinweise auf private Partys erhalten, die alternativ zum fehlenden Nachtleben organisiert worden waren. „Die aktuellen Maßnahmen sind natürlich für das Privatleben einschneidend, sie sind aber mit Bedacht gewählt und sinnvoll. Wir appellieren dringend daran, sich an die Hinweise und Bestimmungen zu halten“, betonte Karlsruhes Polizeipräsidentin Caren Denner.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci sagte nach einer Sitzung des Senats, Spielplätze sollten in Berlin nicht gesperrt werden. Nordrhein-Westfalens Regierung kündigte dagegen die Schließung aller Spielplätze an. Restaurants sollen in NRW um 15.00 Uhr schließen. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sagte: „Es geht um Leben und Tod. So einfach ist das. Und so schlimm.“

Sachsen schließt ab dem heutigen Donnerstag unter anderem Bars, Clubs, Kinos und Sportstätten. Eine entsprechende Verfügung soll zunächst bis zum 20. April gelten. Für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland gelten ab Mittwoch ebenfalls neue Regeln - sie orientieren sich an den zwischen Bundesregierung und Bundesländern vereinbarten Leitlinien.

Vor einigen Spielplätzen in Hannover hing am Dienstag bereits weiß-rotes Absperrband. Im Stadtwald Eilenriede hingegen waren die Rutschen und Klettergerüste größtenteils noch zugänglich. Während im Zentrum der niedersächsischen Landeshauptstadt die großen Kaufhäuser und Modeketten geschlossen blieben, hatten einige kleinere Geschäfte weiterhin geöffnet. Einige Geschäftsinhaber hatten Hinweisschilder an ihre Türen geklebt mit Regeln wie „Mindestabstand 1,5 Meter“ oder „Kurzzeitige Schließung wegen mehr als zwei Personen im Laden“.

Vor einigen Supermärkten in Berlin standen am Dienstag Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen, die dafür sorgten, dass nicht zu viele Kunden gleichzeitig im Geschäft waren. In einem Discounter im Bezirk Spandau waren einzelne Waren wir Tiefkühl-Pizza, Brot und Nudeln praktisch ausverkauft. „Nudeln sind heute nicht gekommen und kommen auch morgen nicht“, sagte eine Mitarbeiterin. Vor allem vor Apotheken standen die Menschen Schlange.

In Bayern müssen auch Biergärten und Außenterrassen von Restaurants von diesem Mittwoch an um 15.00 Uhr schließen. Das teilte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Dienstag nach einer Kabinettssitzung in München mit. Für Friseursalons kündigte er einen verpflichtenden Mindestabstand zwischen den einzelnen Kunden von 1,5 Metern an.

Er sagte, der Freistaat werde den Bund bitten, eine schnelle Regelung zu finden, damit der Warenverkehr schneller über die Grenzen erfolgen könne: „Das wäre ganz existenziell wichtig.“ Infolge der Grenzkontrollen seien bereits Verzögerungen bei Warenlieferungen an den Grenzen zu spüren. Denkbar seien „grüne Spuren an den Grenzen für die Lebensmittellieferungen“, sagte Söder.

Zugleich rief er alle Menschen auf, keine Hamsterkäufe zu tätigen. Die Versorgung sei zu keinem Zeitpunkt in Gefahr. Söder betonte, derzeit sehe die Regierung keinen Bedarf, Verkäufe auf bestimmte Waren zu limitieren: „Nach derzeitigem Stand sieht es so aus, dass die Lebensmittelversorgung gesichert ist.“

Doch diese und ähnliche Aussagen, die auch von anderen Politikern und Behördenvertretern in diesen Tagen zu hören sind, beruhigen nicht jeden - wie sich an den vielen Menschen, die volle Einkaufstaschen nachhause trugen und weiterhin tragen, ablesen lässt.

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