Technologie

Wie von Zauberhand: Form von Auto-Ablage passt sich Wünschen des Fahrers an

Forscher des Fraunhofer-Instituts haben eine Ablage für Autos entwickelt, deren Form sich je nach Bedarf automatisch verändert. Zudem wird der Fahrer benachrichtigt, wenn er etwas liegen lässt.
21.06.2020 12:26
Lesezeit: 2 min
Wie von Zauberhand: Form von Auto-Ablage passt sich Wünschen des Fahrers an
Formflexible Fläche – mehrlagiger Folienaufbau mit integrierter Aktorik, Sensorik und Reglungselektronik. (Quelle: Fraunhofer)

Im Auto werden die Ablageflächen für Sonnenbrille, Taschentücher und Parkscheibe oft nicht genutzt, sodass sie reine Staubfänger sind. Abhilfe schafft eine Innovation des Fraunhofer-Instituts für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik IWU. Hier versteckt sich die Ablagefläche im Armaturenbrett und bildet sich nur dann, wenn man sie benötigt.

Besonders praktisch ist das offenbar beim Car-Sharing, das sich Experten zufolge weiter durchsetzen wird. Denn hier haben die Nutzer keinen Einfluss auf die Ausgestaltung des Innenlebens. Mit der Innovation des Fraunhofer-Instituts könnten sie künftig das Innenleben von Autos im Handumdrehen an ihre eigenen Wünsche anpassen.

Die IWU-Forscher haben gemeinsam mit dem Automobilzulieferer Brose eine Ablage entwickelt, die sich im Armaturenbrett verbirgt und nur bei Bedarf ausformt. Verlässt der Fahrer das Auto wieder und hat er etwas darin vergessen, wird er durch Formänderungen der Ablage an den vergessenen Inhalt erinnert.

»Die Bewegung beruht auf einer Faltstruktur – ähnlich wie beim Origami – sowie Formgedächtnislegierungen«, sagt Lukas Boxberger, Gruppenleiter am Fraunhofer IWU. »Das Besondere an solchen Formgedächtnislegierungen: Sie lassen sich deformieren und bleiben in dieser Form, kehren bei Erhitzung jedoch wieder in ihre ursprüngliche Geometrie zurück.«

Auf der Webseite von Fraunhofer wird die Funktionsweise wie folgt erklärt:

»Bewegt der Nutzer seine Hand über die entsprechende Stelle des Armaturenbretts, wird dies von einem Sensor registriert. Daraufhin setzt sich der Automatismus in Gang: Für einen kurzen Moment fließt ein Strom durch die Drähte aus einer Formgedächtnislegierung, die jeweils die benachbarten Ecken des quadratischen Ablagebereiches miteinander verbinden. Die Drähte erhitzen sich und ziehen sich wieder in ihren Ursprungszustand zusammen. Die vier Ecken werden also gleichmäßig Richtung Mitte des quadratischen Bereichs gezogen, der innere Teil wird nach unten gedrückt: Es entsteht eine Art Schale.«

Laut Gruppenleiter Boxberger ist das Faltprinzip von einer fleischfressenden Wasserpflanze inspiriert. Wenn der Nutzer das Fach wieder leert oder wenn er erst gar nichts hineinlegt, so geht die Schale wieder in den flachen Zustand über. »Strom fließt nur dann durch die Drähte, wenn sich das Ablagefach verformt«, sagt Boxberger. Das System zeigt auch nach drei Millionen Bewegungszyklen keine auffallende Ermüdung.

Ein Vorführmodell haben die Experten bereits per 3D-Druck hergestellt. Für eine spätere Serienfertigung ist 3D-Druck allerdings nicht geeignet. Die Forscher arbeiten daher in einem weiteren Schritt daran, die variable Ablage über Spritzguss und alternativ über Rolle-zu-Rolle-Verfahren herstellen zu können. Während sich der Spritzguss nur für Großserien eignet, sind beim Rolle-zu-Rolle-Verfahren Groß- und Kleinserie gleichermaßen möglich.

Vorbild ist dabei die menschliche Haut, die aus zahlreichen Schichten mit unterschiedlichen Funktionen besteht. So schützt die Außenhaut vor Schädigungen aus der Umwelt, während die Muskulatur für die Bewegung sorgt. So auch bei der geplanten Weiterentwicklung der variablen Ablage. Ihre Außenschicht schützt die Ablage vor der Umwelt. Die rezeptive Schicht enthält die Sensoren, die etwa registrieren, wenn der Nutzer seine Hand über den Bereich bewegt. Das Innere, das für Festigkeit und Bewegungsvorgabe sorgt, wird durch einen steiferen Kunststoff realisiert. Die Formgedächtnisdrähte repräsentieren die Muskulatur, indem sie für die Bewegung sorgen.

Langfristig planen die Forscher noch weitere Formen, etwa tiefere Ablagefächer, sowie eine Herstellung der Ablage aus verschiedenen Materialien wie Holzfurnier oder Textilien. Auch andere Anwendungen sind denkbar, etwa selbstständige Sonnenschutzsysteme, Lüftungsein- beziehungsweise -auslässe, die individuelle Anpassung eines Sitzes an den Nutzer.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Unternehmen
Unternehmen Wenn Führungskräfte scheitern: Warum Unternehmen Ideen oft nicht umsetzen
09.05.2026

Viele Führungskräfte scheitern nicht an Strategie oder Marktbedingungen, sondern daran, wie sie ihre Ideen im Unternehmen vermitteln und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Volvo EX60: Warum dieses Elektro-SUV Mercedes, BMW und Audi nervös machen dürfte
09.05.2026

Volvo baut mit dem EX60 nicht einfach ein neues Elektro-SUV, sondern eine Wette auf die Zukunft der Marke. Der Wagen soll beweisen, dass...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Streit um Obi-Orange: Warum Farben über Marken-Erfolg entscheiden
09.05.2026

Der Baumarkt Obi steht vor dem Bundesgerichtshof (BGH) im Streit um den rechtlichen Schutz seiner markanten Hausfarbe Orange. Der Fall...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Milliardenbaustelle Deutschland: Warum Großprojekte oft scheitern – und was sich strukturell ändern muss
09.05.2026

Vom Hauptstadtflughafen bis zum Bahnknoten Stuttgart: Deutschlands Großprojekte entwickeln sich oft zu Dauerbaustellen mit Kosten in...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Investitionen: Big Tech verbrennt Milliarden und muss Rendite liefern
09.05.2026

Die großen US-Techkonzerne melden starkes Wachstum, doch die Euphorie bekommt Risse. Microsoft, Amazon, Meta und Alphabet pumpen enorme...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: S&P 500 und Nasdaq wieder auf historischen Höchstständen
08.05.2026

Ein Handelstag der extremen Kontraste: Warum an der Börse Euphorie herrscht, während die Alltagssorgen wachsen.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Spleenlab: Wie ein Thüringer Startup seine Drohnensoftware in die Ukraine brachte
08.05.2026

Garage in Ostthüringen, vier Millionen Euro Landesförderung, Software im Kriegsgebiet: Spleenlab hat in sieben Jahren den Aufstieg vom...

DWN
Politik
Politik Eskalationsspirale trotz Waffenruhe: USA und Iran liefern sich Gefechte in der Straße von Hormus
08.05.2026

Die fragile Waffenruhe zwischen Washington und Teheran steht kurz vor dem Kollaps. Nach Attacken auf US-Zerstörer reagiert das US-Militär...