Packeis kein Hindernis mehr: Russischer Gas-Tanker durchquert Arktis

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 3 min
28.05.2020 13:00
Der russische Gastanker „Christophe de Margerie“ durchquert derzeit die Arktis, um zum chinesischen Hafen von Jingtang zu fahren - und zwar ohne Eisbrecher.
Packeis kein Hindernis mehr: Russischer Gas-Tanker durchquert Arktis
Die Route des LNG-Tankers „Christophe de Margerie“ Richtung China. (Grafik: DWN/Google Maps)

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Der LNG-Gastanker „Christophe de Margerie“ ist am 19. Mai von der sibirischen Jamal-Halbinsel aufgebrochen , um über die Nordostpassage in den chinesischen Hafen von Jingtang zu fahren. Das Schiff soll dort am 11. Juni eintreffen. Der Gastanker der russischen Reederei Sovcomflot hat Flüssigerdgas geladen, berichtet der "Barents Observer".

Stand heute hat der Gastanker es fast bis zur Insel Wrangle geschafft. Er wird von dem atomgetriebenen Eisbrecher „Yamal“ begleitet. Aber, und das ist das Besondere an der Fahrt: Der Eisbrecher musste dem Tanker bislang seinen Weg noch nicht freimachen.

Die Eisschichten auf der Nordostpassage sind über mehrere Jahre dramatisch geschrumpft - im September 2019 befand sich die Eisdecke auf dem zweitkleinsten Stand aller Zeiten.

Im Jahr 2019 waren in der Arktis die zweithöchsten Durchschnittstemperaturen aller Zeiten zu verzeichnen, und der jüngste Klimabericht des russischen Wetterdienstes Roshydromet besagt, dass die durchschnittlichen Wintertemperaturen entlang der Nordostpassage, den Gewässern entlang der arktischen Küste des Landes, seit den 1990er Jahren um etwa fünf Grad gestiegen sind.

Aus den aktuellen Daten (Stand: 28. Mai 2020/12.30 Uhr) von Marinetraffic.com geht hervor:

  • Der LNG-Tanker „Christophe de Margerie“ befindet sich derzeit in NCCIS - Kara Sea an Position 73 ° 58 '52,176 "N, 76 ° 54 '52,164" E.

Was für ein Schiff ist die „Christophe de Margerie“?

  • Die „Christophe de Margerie“ (IMO: 9737187) ist ein LNG-Tanker, der 2016 gebaut wurde und unter der Flagge Zyperns fährt. Seine Tragfähigkeit beträgt 172.600 Kubikmeter Flüssiggas und sein aktueller Tiefgang zwölf Meter. Die Gesamtlänge (LOA) beträgt 299 Meter und die Breite 50 Meter. Die „Christophe de Margerie“ besitzt einen Eisbrecher-Level von Arc7 und ist imstande, 2,1 Meter dickes Eis zu durchbrechen.

Simon Boxall, ein Ozeanograph an der University of Southampton, sagt, dass die Schifffahrtsunternehmen eine „sichere Wette“ beim Bau von Schiffen für die Nordostpassage gemacht haben. Denn dort werde das Eis drastisch abschmelzen. „Auch wenn wir bereits morgen die Treibhausemissionen stoppen könnten, wäre der drastische Verlust des arktischen Eises wahrscheinlich nicht rückgängig zu machen“, so Boxall. Die Ironie sei, dass der Klimawandel auch einen Vorteil habe. Denn die Schiffe, die durch die Nordostpassage in den Pazifik fahren, benötigen weniger Treibstoff als die Schiffe, die die Route durch den Suezkanal nehmen.

„In den vergangenen Jahren hat es einen stetigen Anstieg des Verkehrs gegeben (…) Es gab immer einen Handel auf dieser Strecke (Nordostpassage, Anm.d.Red.), aber es wurde viel durch das Eis behindert. Dieser Weg ist eine viel kürzere Alternative als die Suez-Route“, so Bill Spears, Sprecher der Reederei Sovcomflot mit Sitz in St. Petersburg.

Arktis bis 2050 weitgehend eisfrei

Bis zum Jahr 2050 wird der Nordpol nach Berechnung Hamburger Wissenschaftler zumindest in einigen Sommern eisfrei sein. Eine Analyse von 40 Klimamodellen habe ergeben, dass das Eis im Arktischen Ozean auch dann schmelzen werde, wenn die Menschheit ehrgeizige Klimaziele beim Kohlendioxidausstoß verwirkliche.

„Wenn wir die Emissionen weltweit schnell und deutlich reduzieren und so das Zwei-Grad-Ziel erreichen, wird das Arktiseis trotzdem noch vor 2050 im Sommer immer mal wieder weitestgehend abschmelzen“, sagte der Leitautor der Studie, Dirk Notz vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg. „Das hat uns überrascht.“ Die Studie haben die Forscher in den „Geophysical Research Letters“ veröffentlicht.

Notz nannte die Arktis einen Großschauplatz des Klimawandels. Das Meereis reagiere sehr sensibel und vergleichsweise linear auf die Klimaerwärmung. Jede Tonne CO2, die ausgestoßen werde, lasse drei Quadratmeter Eis schmelzen.

Sollte die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzt werden, wäre der Nordpol wahrscheinlich in der Hälfte der Sommer bis 2050 weitgehend eisfrei, das heißt, die Packeisfläche wäre kleiner als eine Million Quadratkilometer. Würde sich das Klima nur um 1,5 Grad erwärmen, so bliebe nach Angaben von Notz eine eisfreie Arktis eine Ausnahme. „Selbst im alleroptimistischen Szenario wird das Eis in manchen Jahren verschwinden“, sagte der Klimawissenschaftler jedoch. „Es ist voraussichtlich schon zu spät.“

Die Folgen für die Natur seien problematisch: Die Meeres-Eisdecke sei Jagdrevier und unverzichtbarer Lebensraum für Eisbären und Robben. Zugleich spiele die Eisdecke eine wichtige Rolle im Klimasystem. Die helle Oberfläche reflektiere das Sonnenlicht in den Weltraum und kühle so die Arktis.

Im September 2019 wurde nach Angaben des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts die zweitgeringste Ausdehnung des arktischen Eises seit 1979 gemessen. Nur 3,9 Millionen Quadratkilometer des Arktischen Ozeans waren zugefroren. Im September 2012 war mit 3,4 Millionen Quadratkilometern die bislang kleinste Eisfläche beobachtet worden. Das arktische Eis erreicht gewöhnlich im März seine größte und im September seine geringste Ausdehnung.

                                                                                ***

Cüneyt Yilmaz ist Absolvent der oberfränkischen Universität Bayreuth. Er lebt und arbeitet in Berlin.


Mehr zum Thema:  

DWN
Marktbericht
DWN
Deutschland
Deutschland DWN-Ratgeber: Staatliche Unterstützung während Corona - und wie man an sie herankommt

Auch wenn es immer wieder Kritik gibt: Dass der deutsche Staat nichts unternimmt, um den Unternehmen während der Krise unter die Arme zu...

DWN
Panorama
Panorama Die großen Viren-Epidemien kommen aus China: Ist der gewaltige Eier-Konsum der Grund?

Die großen Viren-Epidemien der letzten 100 Jahre kamen allesamt aus China. Was das mit dem gewaltigen Eierkonsum im Reich der Mitte zu tun...

DWN
Politik
Politik "Ich warne davor, sich gegenüber Peking unterwürfig zu verhalten"

Hier der zweite Teil des großen DWN-Interviews mit Fritz Felgentreu. Der SPD-Bundestagsabgeordnete, Obmann im Verteidigungsausschuss und...

DWN
Finanzen
Finanzen Irren die Lehrbücher? Zentralbanken pumpen Milliarden ins System - aber die Inflation bleibt aus

Seit über zehn Jahren überschwemmen die Zentralbanken die Welt mit Geld, aber die Inflation scheint auszubleiben. "Scheint", betont...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutscher Stahl: Auch heute noch das Rückgrat der Volkswirtschaft

Auch im Zeitalter der Digitalisierung bildet die Stahlbranche noch immer das Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft.

DWN
Politik
Politik Spahn treibt digitale Patienten-Akte voran: Kritik an Einführung einer „unausgereiften“ Version Anfang 2021

Die Bundesregierung treibt die Digitalisierung im Gesundheitswesen voran. Anfang 2021 wird die elektronische Patientenakte kommen – in...

DWN
Technologie
Technologie Markt für Smartcards wächst auf über 10 Milliarden Dollar

Smartcards, die oft in großen Unternehmen als eine Art digitaler Ausweis zum Einsatz kommen, werden immer wichtiger. Die Umsätze ihrer...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Statistiken werden in großem Stil gefälscht: In Wahrheit sind ein Drittel aller Amerikaner arbeitslos

In den offiziellen US-Statistiken werden Abermillionen von Arbeitslosen aufgrund von gezielten Tricksereien und Statistik-Fälschungen...

DWN
Politik
Politik Neue globale Verantwortung: Deutschlands Marine muss die Freiheit der Seewege schützen

Was bedeutet der Abzug von 9.500 amerikanischen Soldaten aus Deutschland? Wie soll unser Land in Zukunft sicherheitspolitisch agieren?...

DWN
Finanzen
Finanzen Corona-Insolvenzwelle, Teil 5: Die erste deutsche Universität steuert auf die Pleite zu

Die durch die Corona-Pandemie ausgelösten Finanzprobleme machen auch vor dem deutschen Bildungssektor nicht Halt. Nun kämpft die erste...

DWN
Politik
Politik Funkstille zwischen China und den USA: Das Risiko einer militärischen Eskalation im Pazifik ist so hoch wie nie zuvor

Im Südchinesischen Meer verschärfen sich die bestehenden Spannungen. Das Risiko ernster Zwischenfälle ist Experten zufolge so hoch wie...

DWN
Deutschland
Deutschland US-Höchstgericht urteilt im Besitz-Streit um den Welfenschatz der Preußen-Stiftung

Der höchste Gerichtshof der USA soll klären, ob die Stiftung Preußischer Kulturbesitz rechtmäßiger Eigentümer des Welfenschatzes ist....

DWN
Politik
Politik Einbruch-Serie erschüttert Europaparlament: Dutzende Büros aufgebrochen, Akten und Computer gestohlen

Wie erst jetzt bekannt wurde, wurden im Europaparlament in Brüssel in den vergangenen Wochen dutzende Abgeordneten-Büros aufgebrochen und...

DWN
Technologie
Technologie Wasserstoff: Die Lösung aller Antriebs-Probleme beim Auto?

Der Experte Timm Koch plädiert im großen DWN-Interview für das Auto mit Brennstoffzellen-Antrieb, der auf Wasserstoff basiert.

celtra_fin_Interscroller