Finanzen

Warum die Zentralbanken ihre eigenen Inflationsziele völlig verfehlen

Alle großen Zentralbanken der Welt sagen, dass sie mit niedrigen Zinsen Inflation schaffen wollen. Doch tatsächlich hat die extrem lockere Geldpolitik eine deflationäre Wirkung und treibt zudem einen Keil in die Gesellschaft.
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06.06.2020 16:53
Lesezeit: 3 min
Warum die Zentralbanken ihre eigenen Inflationsziele völlig verfehlen
Blick auf das Gebäude der US-Notenbank Federal Reserve in Washington (Foto: dpa)

Mit niedrigen Zinsen wollen die Zentralbanken laut ihren eigenen Angaben die Inflation antreiben. In der Regel verfolgen sie ein Inflationsziel nahe 2 Prozent. Die Idee dahinter ist, dass niedrige Zinssätze das Sparen bestrafen und die Verbraucher zum Konsum anhalten sollen. Auf diese Weise soll mehr Geld in den Umlauf kommen und die Preise sollen steigen, so die Theorie.

Doch in den letzten Jahren sind immer mehr Zentralbanken dazu übergegangen, die Zinsen sehr niedrig oder sogar in den negativen Bereich abzusenken, darunter neben der Europäischen Zentralbank (EZB) auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) und die Bank of Japan (BoJ). Als zusätzliche Maßnahme für mehr Inflation starteten sie massive Wertpapierkäufe mit frisch gedrucktem (elektronischem) Geld.

Doch trotz der extremen Geldpolitik haben die Zentralbanken ihre Inflationsziele nicht nur verfehlt, sondern die Inflation ist sogar immer weiter gesunken. In der Eurozone ist die Inflationsrate zuletzt auf 0,3 Prozent gefallen, in Japan auf 0,1 Prozent und in Großbritannien auf 0,8 Prozent. Sicherlich hat zuletzt auch die Corona-Krise die Preise gedrückt. Doch zugleich ist allenthalben auch die Geldpolitik eskaliert.

Der entscheidende Grund, warum niedrige Zinsen und eine massive Ausweitung der Zentralbankbilanzen nicht zu einer höheren Inflation geführt haben, ist die Sorge der Sparer. Die Daten zeigen, dass weniger konsumiert und mehr gespart wird, wenn die Zinsen sehr niedrig oder sogar negativ sind. Offenbar bekommen die Bürger es dann mit der Angst zu tun und fürchten, dass ihre Renten künftig nicht ausreichen werden.

Mit dieser Erkenntnis ergibt sich für die Zentralbanken ein erhebliches Problem. Denn ihre beiden bisher wichtigsten Waffen im Kampf gegen die vermeintlich gefährliche Deflation - niedrige Zinsen und Gelddrucken - zeigen nicht nur keine Wirkung mehr, sondern wirken offenbar sogar in die umgekehrte Richtung: Die Preise steigen dadurch nicht stärker, sondern weniger stark.

Doch die Zentralbanken haben längst eine weitere Waffe im Kampf für mehr Inflation ins Spiel gebracht: das sogenannte Helikoptergeld. Dabei wird Geld nicht mehr zum Kauf von ausgewählten Wertpapieren geschaffen, sondern um es direkt für verschiedene Zwecke an ausgewählte Gruppen zu verteilen. Auch beim Helikoptergeld gibt es theoretisch keine Grenzen im Hinblick auf den Umfang des dafür zu schaffenden Geldes.

Die folgende Grafik aus einer Studie die Bank of America zeigt deutlich, dass niedrigere Zinsen zwischen den Jahren 1980 und 2000 tatsächlich noch den Konsum angekurbelt haben, was inflationär wirkte. Doch dann in der Phase von 2001 bis 2020, welche die Bank of America als "Hyper-Globalisierung" bezeichnet, korrelieren niedrigere Zinsen mit weniger Konsum, wirken nun also deflationär.

Die Grafik zeigt, dass niedrigere Zinssätze zwar tatsächlich den Konsum ankurbeln und zu einer niedrigeren Sparquote führen. Doch dieser inflationäre Effekt niedriger Zinssätze wirkt nur bis zu einem Referenzzins (US-Staatsanleihen) von 4 Prozent. Wenn die Zinsen unter diese Marke fallen, so kehrt sich der Trend um und niedrigere Zinsen führen zu weniger Konsum und mehr Sparen.

Die Bank of America selbst erklärt das Phänomen wie folgt: "Da geringes Wachstum und geringe Inflation risikoarme Vermögenseinkommen (zum Beispiel aus Staatsanleihen) verkleinern, sind die Haushalte gezwungen, ihren Konsum zu reduzieren und ihre Ersparnisse zu erhöhen, um ihre Rentenziele zu erreichen. Das erzwungene Sparen drückt den Konsum in einem Teufelskreis weiter nach unten."

Der von der Bank of America beobachtete Teufelskreis ist der folgende: Niedrigere Zinsen führen zu weniger Konsum, was die Zentralbanken zu noch stärkeren Eingriffen zwingt, was wiederum die Verbraucher noch stärker verängstigt und sie zu noch weniger Konsum und noch mehr Sparen zwingt. Mit anderen Worten: Lockere Geldpolitik wirkt deflationär.

Die obige Grafik legt nahe, dass es keinen Ausweg aus dem beschriebenen Teufelskreis mehr gibt, sobald die Zentralbanken die lockere Geldpolitik zu weit vorangetrieben haben. Je stärker Zentralbanken dafür kämpfen, den deflationären Kräfte mithilfe ihrer Geldpolitik entgegenzuwirken, desto stärker ist die deflationäre Wirkung.

Was die Zentralbanken tatsächlich mit niedrigen Zinsen und Wertpapierkäufen erreicht haben und was sie auch weiterhin in nie dagewesenem Maße herbeiführen, sind starke Kursanstiege an den Finanzmärkten und somit eine Umverteilung von der Allgemeinheit an Investoren. Damit treiben sie die Ungleichheit von Vermögen und Einkommen voran, was die Gesellschaft immer weiter spaltet.

Die Aktienindizes sind seit vielen Jahren immer weiter gestiegen. Und Anleihen - selbst jene, die von riskanten Staaten und Firmen ausgegeben werden - verzeichnen sehr niedrige oder sogar negative Zinssätze. Ein Deutsche-Bank-Analyst sieht nach den letzten Eingriffen der Zentralbanken bereits das Ende des freien Marktes. Und laut einem Ex-JPMorgan-Ökonom steht der Welt eine Weimarer Hyperinflation bevor.

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