Wirtschaft

Schifffahrt warnt: Weltweit 400.000 Seeleute wegen Corona gestrandet

Bis zu 400.000 Seeleute sind durch Corona irgendwo auf der Welt gestrandet. Die Branche warnt vor einer ernsten Krise für den Welthandel.
09.06.2020 09:17
Aktualisiert: 09.06.2020 09:17
Lesezeit: 2 min
Schifffahrt warnt: Weltweit 400.000 Seeleute wegen Corona gestrandet
Ein Frachtschiff nähert sich auf dem Meer dem Hafen von Piräus, während andere Schiffe vor Anker liegen. (Foto: dpa) Foto: Petros Giannakouris

Die internationale Schifffahrtsindustrie sieht eine Bedrohung des Welthandels durch eine zunehmende Krise an Bord von Handelsschiffen. Demnach sind bis zu 400.000 Besatzungsmitglieder durch die wegen Corona verhängten Reisebeschränkungen gestrandet - entweder auf See oder in ihrem Heimatland.

Die noch einsatzbereiten Besatzungen sind oftmals übermüdet, was die Sicherheit gefährdet. Viele Besatzungsmitglieder arbeiten schon mehrere Monate über ihre Verträge hinaus und haben dabei die vorgeschriebenen Grenzwerte überschritten. Schiffseigner, Gewerkschaften und Kapitäne haben daher Alarm geschlagen.

"Es ist eine tickende Zeitbombe", zitiert die Financial Times Guy Platten, Generalsekretär der Internationalen Schifffahrtskammer, welche die Reeder und Betreiber von Schiffen vertritt. "Man kann die arbeitenden Menschen nicht auf unbestimmte Zeit beschäftigen. Einige sind schon seit mehr als einem Jahr auf ihrem Schiff. Je länger dieses Problem andauert, desto größer ist das Risiko für die Lieferkette."

Laut Zahlen der UN werden rund 80 Prozent des Welthandelsvolumens auf Schiffen befördert, darunter Containerschiffe, Treibstofftanker und Schüttgutfrachter. Doch derzeit wird der Frachthandel durch die Corona-Reisebeschränkungen massiv behindert. Weder können Besatzungen in ihr Heimatland zurück gelangen noch können jene Häfen erreichen, wo ihr Schiff auf sie wartet.

Viele Seeleute haben Schwierigkeiten, Einreise- oder Ausreisevisa zu erhalten, während die Aussetzung kommerzieller Flüge die Schwierigkeiten bei der Beförderung der Besatzung zusätzlich erhöht. Die Betroffenen machen mehr als ein Fünftel der 1,8 Millionen Seeleute aus, die auf den 96.000 Handelsschiffen der Welt arbeiten.

Im vergangenen Monat veröffentlichte die Internationale Seeschifffahrtsorganisation ein 12-Stufen-Protokoll für einen sicheren Besatzungswechsel. Doch die Staaten der Welt setzten dies nur langsam um. Laut Platten steigt die Zahl der auf See gestrandeten Besatzungsmitglieder mit jeder Woche weiter an.

Die Branche fordert nun die Staaten auf, "sichere Korridore" zu schaffen, um die Freizügigkeit der 1,5 Millionen kommerziellen Seeleute zu ermöglichen. Seeleute sollen ohne Einschränkungen reisen können, wenn sie ein Schiff verlassen oder in ein Schiff einsteigen. In Flughäfen sollen für ihre Durchreise sichere Bereiche geschaffen werden. Offizielle Seefahrtsdokumente sollen als Identitätsnachweis anerkannt werden.

"Es ist dringend notwendig, sichere Korridore zwischen wichtigen Ländern wie den Philippinen und Indien und den wichtigsten Knotenpunkten für den Besatzungswechsel auf der ganzen Welt einzurichten", heißt es bei Maersk, dem Betreiber der größten Containerschiffflotte der Welt. "Wir brauchen jetzt Lösungen und globale Zusammenarbeit."

Nach den geltenden Seeregeln ist es einem Seemann erlaubt, bis zu elf Monate auf See zu verbringen. Aber einige sind nun schon bis zu 15 Monate auf See, sagte Jim Scorer, Generalsekretär des Schiffsführerverbandes IFSMA. Einige dieser Menschen seien "gefährlich müde". Kapitäne könnten strafrechtlich verurteilt werden, wenn sie ein Schiff befahren, wo es Hinweise auf Übermüdung gegeben hat.

Nach Ansicht von Steve Cotton, Generalsekretär der Internationalen Transportarbeiter-Vereinigung, kann man die geltenden Ausnahmeregelungen, wonach Seeleute weit über ihre Verträge hinaus auf See bleiben können, nicht bis nach dem 16. Juni verlängern. "Wir werden den Seeleuten nicht sagen, dass sie an Bord bleiben müssen. Wenn sie von Bord gehen wollen, werden wir ihnen das ermöglichen".

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Finanzen
Finanzen Silber stürzt ab: Schmerzhafte Lektion oder erwartete Chance an einer runden Marke?
28.10.2026

Der Silberpreis ist auf den niedrigsten Stand seit elf Monaten gefallen und liegt inzwischen mehr als 50 Prozent unter seinem Rekordhoch...

DWN
Politik
Politik Analyse: Trump kann nur neidisch sein – Präsident Xi ist bereit für eine vierte Amtszeit
28.10.2026

Im kommenden Jahr soll Xi Jinping eine weitere fünfjährige Amtszeit als mächtiger Präsident Chinas erhalten. In dieser Woche treffen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Das ist Russlands neuer Albtraum
28.10.2026

Das deutsche Verteidigungsunternehmen Helsing bringt zwei neue Luftabwehrraketen und ein KI-gestütztes Abwehrsystem auf den Markt. Ziel...

DWN
Finanzen
Finanzen Einkommensausfall: Viele Deutsche haben kaum finanzielle Reserven
28.10.2026

Eine kaputte Waschmaschine, eine Autoreparatur: Für 37 Prozent wären unerwartete 3.000 Euro ein echtes Problem. Besonders junge...

DWN
Finanzen
Finanzen Drei Dinge, die mir bei Teslas aktuellem Quartalsbericht aufgefallen sind
28.10.2026

Beim Lesen von Teslas aktuellem Quartalsbericht entstand bei mir der Eindruck, es mit zwei getrennten Unternehmen zu tun zu haben. Das eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Longevity-Aktien: Wohin die Milliarden des Booms wirklich fließen – und wo Investoren auf Sand bauen
28.10.2026

Nach Angaben des Longevity Biotech Report von Longevity.Technology stieg das weltweite Investmentvolumen in Longevity-Biotech von 4,7...

DWN
Politik
Politik Wahl von AfD-Politikern: CDU-Abgeordnete sollten eidesstattliche Erklärung unterschreiben
28.10.2026

Wer stimmte für die AfD-Kandidaten im Landtag von Sachsen-Anhalt? Seit der Wahl eines AfD-Politikers zum Landtagspräsidenten steht der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Technologieunternehmen: Jio Platforms legt größten Börsengang Indiens hin
28.10.2026

530 Millionen Kunden, digitale Dienste und KI: Jio Platforms ist längst mehr als ein Mobilfunkanbieter. Wie das Unternehmen seine...