Deutscher Stahl: Auch heute noch das Rückgrat der Volkswirtschaft

 

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04.07.2020 18:12
Auch im Zeitalter der Digitalisierung bildet die Stahlbranche noch immer das Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft.
Deutscher Stahl: Auch heute noch das Rückgrat der Volkswirtschaft
Stahl ist aus der heutigen Infrastruktur nicht wegzudenken. (Foto: dpa)

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Die deutsche Stahlbranche führt seit vielen Jahren ein mediales Schattendasein. Im Informationszeitalter – so scheint es – können viele Menschen nichts mehr mit dieser noch immer rauen und erdverbundenen Branche und ihren allgegenwärtigen Produkten anfangen, zumal sich die Medien im Zuge ihrer Berichterstattung zum Beginn eines „digitalen Zeitalters“ hauptsächlich auf billionenschwere Technologiekonzerne wie Amazon oder Google fokussieren. Eine Anstellung bei Thyssenkrupp oder den Stahlwerken im Saarland dürfte nur einer Randgruppe unter den jungen Menschen heute noch als lohnenswerte oder gar prestigeträchtige Lebensaufgabe erscheinen.

Und doch bildet die Stahlerzeugung auch heute noch ein, wenn nicht DAS Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft, weil kein Maschinenbauer, kein Automobilkonzern und auch kaum ein Unternehmen aus anderen Bereichen (Technologie, Elektrotechnik oder Verkehr – um nur einige zu nennen) auf Vorprodukte aus Stahl und anderen metallischen Speziallegierungen verzichten kann.

Der stählerne Kern der Industrialisierung

Die Entstehung der Stahlbranche in Deutschland fällt mit der beginnenden Industrialisierung der Volkswirtschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammen. Dabei war die Verfügbarkeit von Stahlerzeugnissen sowohl eine Vorbedingung für den Erfolg des Treibers der industriellen Revolution in Deutschland und anderen Ländern Europas – dem Eisenbahnbau – als auch für jene Erfindung, welche der gängigen Lehrmeinung zufolge am Beginn des neuen Zeitalters stand – der englischen Dampfmaschine. Der Einsatz von Dampfmaschinen führte zu einer massiven Produktivitätssteigerung in der Wirtschaft, weil nun Produkte schneller und in viel größerer Stückzahl als in der Ära der Handarbeit maschinell hergestellt werden konnten. Mithilfe der vom Dampf angetriebenen Eisenbahnen konnten die Produkte zudem in großer Stückzahl schneller, weiter und günstiger zu den Endabnehmern gelangen als mithilfe des Transports per Kutsche oder Flussschifffahrt.

Schon anhand dieser beiden Faktoren wird klar, dass das Phänomen der Industrialisierung und die Stahlerzeugung aufs Engste miteinander zusammenhingen und sich auch gegenseitig halfen. „Dampfmaschinen sind der unbestrittene Motor der Industriellen Revolution. Sie vervielfachen die Transport- und Produktionskapazitäten aller Industriebereiche und senken zugleich die Frachtkosten. So lassen sich Hüttenwerke und Fabriken über große Entfernungen mit Brennstoffen und verbilligten Rohstoffen versorgen. Der zunehmende Maschineneinsatz führt insgesamt zur wechselseitigen Belebung aller flankierenden Wirtschaftssektoren, die dringend benötigte Rohstoffe (Erz und Kohle) oder Güter (Maschinen und Werkzeuge) bereitstellen. Ab den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelt sich der Eisenbahnbau zum Leitsektor der Industrialisierung. Ihr Ausbau ist auf Energie (Kohle), Rohstoffe (Erz und Stahl) und Lokomotiven angewiesen. Durch die rasante Ausweitung des Streckennetzes entsteht ein übergreifender Wachstumsimpuls, der sämtliche Industriesektoren (Kohlebergbau, Maschinenindustrie, Roheisen- und Stahlproduktion) aber auch den Handel anschiebt“, heißt es in einer Dokumentation des Bayerischen Rundfunks.

Doch der Wirkmechanismus aus Dampfmaschine, Stahl und Eisenbahn im Zentrum der Industrialisierung stieß noch viel weitergehende Entwicklungen an. Letztendlich war er der Schrittmacher für grundlegende Reformen der Gesellschaft, des Staates (genauer gesagt: der zahlreichen deutschen Staaten jener Zeit) und seiner Institutionen.

Die Möglichkeit, rentabel über größere Entfernungen hinweg Handel zu treiben, sorgte langfristig gesehen auch für den notwendigen Druck, der die deutschen Kleinstaaten dazu bewog, einheitliche Zoll- und Handelsregime zu implementieren und ihre Gesetzgebung zu vereinheitlichen. „Den Beginn der handelspolitischen Einigung Deutschlands markiert die zwischen Bayern und Württemberg verabredete Süddeutsche Zollvereinigung von 1828. Im selben Jahr werden auch der Preußisch-Hessische Zollverein (Preußen und Hessen-Darmstadt) sowie der Mitteldeutsche Handelsverein (u.a. Hannover, Braunschweig, Kurhessen, Oldenburg, Nassau, Sachsen) gegründet. Am 1. Januar 1834 fasst der Deutsche Zollverein unter Führung Preußens die meisten Staaten des Deutschen Bundes zusammen; Österreich bleibt ausgeschlossen. 1848 gehören nahezu alle deutschen Mittelstaaten dem Zollverein an. Mit diesem Zusammenschluss ist eines der wesentlichsten Entwicklungshindernisse ausgeräumt: Da nun Waren ohne verteuernde Zollaufschläge innerhalb Deutschlands transportiert werden können, sinkt das Preisniveau bei wachsendem Güteraustausch.“ Letztendlich dürfte dieser wirtschaftspolitische Verschmelzungsprozess ein Vorläufer für den in der Reichsgründung 1871 gipfelnden politischen Einigungsprozess gewesen sein beziehungsweise diesen zumindest erleichtert haben.

Ab den 1840er Jahren entstanden im Zuge des Eisenbahnbaus und der Entwicklung der „eisernen“ Schwerindustrie zudem die ersten Großbanken, Finanzierungsvehikel und Aktiengesellschaften in Deutschland, welche die Nachfrage nach Krediten für den Ausbau der Infrastruktur oder zur Gründung von Fabriken bedienten. Preußen etwa gründete 1846 die Preußische Staatsbank mit dem Zweck, Kredite an Unternehmer zu vergeben, was den Aufstieg Berlins zum deutschen Finanzzentrum des 19. Jahrhunderts einleitete.

Geografische Schwerpunkte der Stahlindustrie bildeten sich insbesondere im Ruhrgebiet, dem Saarland, um Salzgitter und in Eisenhüttenstadt in Brandenburg heraus. Der Aufstieg dieser Zentren der Schwerindustrie gründete sich auf die dort befindlichen, umfangreichen Vorkommen von Stein- und Braunkohle, welche in den Schmelzöfen der neuartigen Großfabriken zusammen mit Koks die bis dahin dominierende Holzverfeuerung schon ab Anfang des 18. Jahrhunderts abgelöst hatte.

Auch an diesem Beispiel tritt der Zirkelschluss zwischen technischem Fortschritt und Stahlindustrie wieder deutlich hervor. Denn die steigende Nachfrage nach Kohle zwang die Minenbetreiber, in tiefer gelegene Flöze vorzudringen, welche aber oftmals durch Grundwasserschichten vor der Ausbeutung geschützt wurden. Erst die Entwicklung von Dampfpumpen machte es möglich, das Wasser abzusaugen und neue Kohlereservoirs zu erschließen.

Das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – auch heute noch

In den 1830er Jahren stieg die Stahlindustrie faktisch zum Rückgrat der deutschen Volkswirtschaften auf. Auch fast 200 Jahre danach muss man zu einem ähnlichen Schluss gelangen – die Branche hat auch heute noch eine zentrale Funktion für das Wirtschaftssystem der Bundesrepublik inne: Mit rund 42 Millionen Tonnen Stahl (2016) lagen die deutschen Produzenten weltweit auf Platz 7 und innerhalb der EU auf Platz 1.

„Die Stahlbranche hat als Basisindustrie eine besondere Bedeutung für die deutschen Wertschöpfungsketten. Die zahlreichen Innovationen dieses Wirtschaftszweiges und seine enge Verflechtung mit anderen Industriebranchen tragen zu den Erfolgen beispielsweise der Automobilindustrie oder des Maschinenbaus bei. Rund ein Fünftel der Vorleistungskäufe des Maschinenbaus und 12 Prozent des Fahrzeugbaus entfallen dabei auf die Stahlbranche. Wichtige Abnehmersektoren sind darüber hinaus die Elektrotechnik, das Baugewerbe sowie die Stahl- und Metallverarbeitung. Mit rund 4 Millionen Beschäftigten stehen die stahlintensiven Branchen für zwei von drei Arbeitsplätzen im Verarbeiteten Gewerbe. Darüber hinaus ist die Stahlindustrie ein wichtiger Abnehmer für zahlreiche Zulieferbranchen. Dies liegt zum einen an einer hohen Vorleistungsintensität: So entfällt auf die Stahlindustrie ein jährliches Transportvolumen von insgesamt rund 145 Millionen Tonnen. Hinzu kommen lange Produktionsketten und umfassende Angebote in der Produktion sowie begleitende Dienstleistungen von der Roheisenerzeugung bis hin zum gewalzten Stahl. Studien zur volkswirtschaftlichen Bedeutung zeigen für Deutschland, dass jeder Euro zusätzliche Wertschöpfung in der Stahlindustrie rund 2 Euro Wertschöpfung in vorgelagerten Branchen generiert. Empirisch belegt ist zudem, dass jeder Arbeitsplatz in der Stahlindustrie mit fünf bis sechs weiteren Beschäftigten in Zulieferindustrien verbunden ist“, skizziert die Wirtschaftsvereinigung Stahl die Bedeutung der Branche.

Die gute alte Zeit ist vorbei, die Herausforderungen mehren sich

Allerdings bauten sich in den vergangenen Jahren einige bedrohliche Herausforderungen vor der Branche auf, die imstande scheinen, die Stahlindustrie und ihre Funktion als Schrittmacher der gesamten Wirtschaft grundlegend zu erschüttern. Als akutes strukturelles Problem erweist sich dabei neben dem durch das Coronavirus ausgelösten spontanen Wirtschaftseinbruch die Überproduktion auf dem europäischen Markt und dem Weltmarkt. Im Falle Europas ist diese Überproduktion auf strukturelle Probleme, namentlich eine in vielen Ländern ausbleibende Bereinigung des Marktes durch fehlende Werksschließungen oder Insolvenzen entstanden, wie die Deutsche Bank im Jahr 2015 in einer ausführlichen Analyse darlegte:

„Europa hat es nämlich über viele Jahre versäumt, überschüssige und/oder veraltete Stahlkapazitäten stillzulegen, die wohl auch in Zukunft nicht mehr erforderlich sind. Eine wesentliche Ursache für die offensichtlichen Überkapazitäten sind die sich ändernden Industriestrukturen wichtiger Länder, die per Saldo zu einem geringeren Stahlbedarf als einst erwartet führen. Man denke nur an den allmählichen Bedeutungsverlust der französischen und/oder italienischen Automobilindustrie in den letzten Jahren. Auch deshalb erreichten die nachgefragten Stahlvolumina in Europa zuletzt gerade 145 Millionen Tonnen, also eine Menge, die immer noch rund 30 Prozent unter dem letzten Hoch aus 2007 liegt. Und Europa verfügt trotz der ein oder anderen doch stattgefundenen Stilllegung in den letzten Jahren am aktuellen Rand immer noch über aktivierbare Stahlkapazitäten in Höhe von etwa 210 Millionen Tonnen, also deutlich „zu viel“. All dies hat zur Konsequenz, dass auch bedeutende europäische Stahlunternehmen in den letzten Jahren mit Kapazitätsauslastungen von zum Teil nur bis zu 80 Prozent arbeiten konnten.“

Massiv verschärft wurde die hausgemachte Krise in Europa durch die seit der Finanzkrise von 2008 enorm gestiegene Produktions- und Exportleistung Chinas. Aber auch andere Produzenten wie Russland, die Ukraine, Japan oder Südkorea steigerten ihre Exporte und damit die ausländische Konkurrenz für die deutschen Stahlkochern auf den Weltmärkten in den vergangenen Jahren beträchtlich.

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Lesen Sie morgen, warum die von der Bundesregierung vorangetriebenen Klimaschutz-Bestimmungen die deutsche Stahlbranche zur Unzeit treffen.


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