Unternehmen

Drama um Wirecard: Chef Braun tritt mit sofortiger Wirkung zurück, eingeflogener US-Manager übernimmt das Kommando

Der Vorstandsvorsitzende des deutschen Technologiekonzerns Wirecard tritt mit sofortiger Wirkung zurück. Es übernimmt ein eingeflogener US-Manager. Um das ins Visier von britischen und amerikanischen Hedgefonds geratene Unternehmen hat sich ein Kriminalfall entwickelt. Banken in Asien wissen derweil nichts von einem angeblichen Treuhandkonto Wirecards - entsprechende Dokumente seien gefälscht.
19.06.2020 13:03
Aktualisiert: 19.06.2020 13:03
Lesezeit: 2 min
Drama um Wirecard: Chef Braun tritt mit sofortiger Wirkung zurück, eingeflogener US-Manager übernimmt das Kommando
Wirecard-Chef Braun. (Foto: dpa) Foto: Lino Mirgeler

Der Vorstandschef des Dax-Konzerns Wirecard, Markus Braun, tritt mit sofortiger Wirkung zurück. Interims-Chef wird der erst am Vorabend in den Vorstand berufene US-Manager James Freis, wie Wirecard am Freitag in München mitteilte.

Das Unternehmen kommt damit auch am Freitag nach dem Kursabsturz am Vortag nicht zur Ruhe: Die Aktien des angeblich in einen Bilanzskandal verwickelten Dax-Konzerns verloren erneut drastisch an Wert, zuletzt um fast 50 Prozent auf etwas mehr als 20 Euro. Am Donnerstag waren die Papiere um knapp 62 Prozent abgestürzt, nachdem Wirecard wegen milliardenschwerer Unklarheiten in der Bilanz seinen Jahresabschluss erneut nicht vorlegt hatte. Das war der zweitgrößte Tagesverlust eines Dax-Titels in der fast 32-jährigen Geschichte des deutschen Leitindex.

Die Bilanzprüfer haben Zweifel an der Existenz von 1,9 Milliarden Euro, die auf Treuhandkonten in Asien verbucht worden sein sollen. "Müssen die 1,9 Milliarden abgeschrieben werden, ist der Nettogewinn der vergangenen zehn Jahre futsch", rechneten die Autoren des täglichen Bernecker-Börsenbriefs aus.

Doch offenbar weiß niemand von diesen Treuhandkonten: Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete am Freitag , dass zwei philippinische Banken auf Anfrage Kundenbeziehungen mit Wirecard verneinten, obwohl sie im Zusammenhang mit den Treuhandkonten genannt worden sein sollen. Inzwischen erklärte die philippinische Bank BDO Unibank, bei der angeblich eines von zwei fraglichen Treuhandkonten für Wirecard geführt wurde, dass das deutsche Unternehmen kein Kunde sei: "Das Dokument, in dem die Existenz eines Wirecard-Kontos bei BDO behauptet wird, ist ein manipuliertes Dokument, das gefälschte Unterschriften von Bankangestellten trägt", hieß es in der Stellungnahme des in der Stadt Makati ansässigen südostasiatischen Geldhauses. "Der Fall ist an die Zentralbank der Philippinen berichtet worden."

Wirecard-Vorstandschef Markus Braun sieht das Unternehmen derweil womöglich in einen gigantischen Betrugsfall verstrickt. Wirecard war in den vergangenen Monaten ins Visier zahlreicher Hedgefonds aus London und New York geraten (hier, hier , hier, hier und hier nachzulesen) welche auf Kurseinbrüche der Aktie wetteten und damit saftige Gewinne machten. Begleitet wurde dies durch immer neue Vorwürfe, welche in der in London erscheinenden Finanzzeitschrift Financial Times erhoben wurden (etwa hier, hier, hier, hier und hier nachzulesen) - und die den Kurs der Aktie stets unter Druck brachten.

Analysten wie Mirko Maier von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hatten sich verwundert gezeigt über die erneute Verschiebung der Bilanzvorlage. Noch am 25. Mai habe Wirecard kommuniziert, dass für die Bilanz 2019 ein uneingeschränktes Testat erwartet werde, erklärte Maier in einer Studie. Insofern überrasche die Meldung mit den Täuschungsvorwürfen. Sollte der Zahlungsabwickler auch an diesem Freitag keinen testierten Abschluss präsentieren, droht die Kündigung von Krediten in Höhe von etwa zwei Milliarden Euro. Experten zweifeln allerdings, dass die Kreditgeber so einfach den Stecker ziehen würden, da dies auch Belastungen für andere Banken zur Folge haben könnte. "Werden die Kredite fällig gestellt, ist fraglich, ob die Liquidität reicht. Es geht schlicht ums Überleben", hieß es im Bernecker-Börsenbrief.

Währenddessen haben Hedgefonds ihre Wetten auf fallende Wirecard-Aktien deutlich erhöht. Die Netto-Leeverkaufspositionen liegen inzwischen bei fast 17 Prozent, wie am Freitag aus Daten des Bundesanzeigers hervorging. Am Mittwoch, bevor der Bilanzskandal um Wirecard so dramatische Züge annahm, waren noch zehn Prozent der Wirecard-Aktien an Spekulanten ausgeliehen. Die größte Position hält mit 2,5 Prozent inzwischen der Hedgefonds Coatue. Auf den US-Fonds TCI mit seinem prominenten Manager Chris Hohn entfallen gut 1,5 Prozent. Mit Leerverkäufen wetten Anleger auf fallende Kurse. Dabei verkaufen sie Wertpapiere, die sie sich zuvor gegen eine Gebühr leihen. Sinkt der Preis bis zum Rückgabe-Datum, können sie sich am Markt billiger mit den Titeln eindecken und streichen die Differenz ein. Steigt der Kurs dagegen, droht den Leerverkäufern Verlust. Die Aktien von Wirecard hatten am Donnerstag mehr als 60 Prozent verloren, am Freitag rauschten sie um weitere 35 Prozent in die Tiefe.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt

 

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Fossiles Heizen: Explodieren die Preise 2027?
30.08.2025

Seit Jahren herrscht ein Kampf in Europa: Wie kann man die klimaschädlichsten Aspekte des Gebäudesektors in Angriff nehmen und...

DWN
Technologie
Technologie Atomkraftwerke in Deutschland: Rückbau "läuft auf Hochtouren"
30.08.2025

Seit dem endgültigen Atomausstieg läuft in Deutschland der Rückbau von Kernkraftwerken. Doch wie weit ist dieser Prozess tatsächlich?...

DWN
Finanzen
Finanzen Erneuerbare Energien-ETF: Vergleich – wie Anleger am besten vom globalen Energieumbruch profitieren können
30.08.2025

Der weltweite Energieumbruch verändert Märkte, Technologien und Kapitalströme – und die globale Energiewende ist längst Realität....

DWN
Technologie
Technologie Europas Energie aus dem All: Die Sonne könnte 80 Prozent liefern
30.08.2025

Forscher sehen eine radikale Lösung für Europas Energiekrise: Solarkraftwerke im All sollen bis 2050 vier Fünftel des Bedarfs decken –...

DWN
Technologie
Technologie Retro-Revival: Warum die Kassette ein Comeback erlebt
30.08.2025

Retro ist wieder in – und die Musikkassette steht dabei im Mittelpunkt. Einst totgeglaubt, erlebt sie heute ein überraschendes Comeback....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Zu viele Tools, zu wenig Schutz: Wie Unternehmen ihre Cyberabwehr selbst sabotieren
30.08.2025

Je mehr Sicherheitslösungen, desto sicherer? Das Gegenteil ist der Fall: Tool-Wildwuchs, inkompatible Systeme und überforderte Teams...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland rüstet auf: Digitale Waagen gegen Brummi-Sünder
30.08.2025

Überladene Lkw ruinieren Straßen und bedrohen die Sicherheit. Deutschland setzt jetzt auf digitale Hightech-Waagen – und erklärt den...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnungslos trotz Job: Wohnungsnot betrifft in Deutschland zunehmend Erwerbstätige
29.08.2025

Die Wohnungslosenzahlen steigen in Deutschland rasant: 474.700 Menschen gelten aktuell als wohnungslos – das sind 8 Prozent mehr als...