Finanzen

Wirecard: Verschwundene Milliarden existieren «mit überwiegender Wahrscheinlichkeit» nicht

Scheingeschäfte in Milliardenumfang bei einem Dax-Konzern - wie ist das möglich? Wirecard räumt ein, dass es sich bei den vermissten 1,9 Milliarden Euro sehr wahrscheinlich um Luftbuchungen handelt.
22.06.2020 10:38
Aktualisiert: 22.06.2020 10:38
Lesezeit: 2 min
Wirecard: Verschwundene Milliarden existieren «mit überwiegender Wahrscheinlichkeit» nicht
Das Wirecard-Logo. (Foto: dpa) Foto: Sven Hoppe

«Wir befinden uns mitten in der entsetzlichsten Situation, in der ich jemals einen Dax-Konzern gesehen habe», sagte der Chef der Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, am Montag bei einer Bankenkonferenz zum Bilanzskandal beim Zahlungsabwickler Wirecard.

Der Bezahldienstleister Wirecard gerät immer stärker unter Druck - die Zukunft des Dax-Konzerns hängt vom Wohlwollen der Banken ab. Die vermissten 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten in Asien gibt es nach Angaben des Unternehmens vom frühen Montagmorgen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Deshalb bekommt Wirecard auch kein Testat für die Jahreszahlen 2019. Damit scheint ein Milliardenbetrug offensichtlich. An der Börse wurden die Nachrichten mit Schrecken aufgenommen.

Das Wirecard-Papier stürzte in den ersten Handelsminuten erneut ab. Nach dem Börsenstart büßte die Aktie fast weitere 50 Prozent auf rund 13 Euro ein. Damit knüpften die Wirecard-Anteile nahtlos an die immensen Verluste der vergangenen beiden Handelstage an. Der Börsenwert brach bereits am Donnerstag und Freitag um insgesamt 75 Prozent auf etwas mehr als drei Milliarden Euro ein, nachdem Wirecard eingestehen musste, dass der Konzern 1,9 Milliarden Euro nicht auffinden kann.

Die Banken könnten Wirecard jetzt den Geldhahn abdrehen. Interims-Chef James Freis kämpft ums Überleben des Konzerns: Man stehe weiterhin mit Hilfe der am Freitag angeheuerten Investmentbank Houlihan Lokey in «konstruktiven Gesprächen» mit den kreditgebenden Banken. Am Finanzplatz Frankfurt war zumindest am Wochenende zu hören, dass die Banken Wirecard weiter am Leben halten wollen. Die Sorgen vor den Schockwellen sind wohl zu groß.

Der Wirecard-Vorstand geht nach einer Mitteilung aus der Nacht vom Montag davon aus, dass die Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro «mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen». Die Gesellschaft war bisher von der Existenz dieser Konten ausgegangen und hatte sie als Aktivposten ausgewiesen.

Gleichzeitig nahm Wirecard die vorläufige Einschätzungen des Geschäftsjahres 2019, die Zahlen für das erste Quartal und die Prognosen für 2025 zurück. «Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre können nicht ausgeschlossen werden», heißt es in der Mitteilung weiter.

Die Hoffnung auf ein Stillhalten der Banken wurde von einem Zeitungsbericht gestützt: Wie die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» berichtete, wollen die Banken das Unternehmen nicht fallen lassen. «Keiner hat ein Interesse daran, den Kredit zu kündigen», hieß es demnach am Samstag aus einem der beteiligten Geldhäuser. «Alle wollen jetzt das Ding kurzfristig stabilisieren.»

Wirecard will dem Bericht zufolge Schritte prüfen, das Geschäft fortzuführen. Darunter seien Kostensenkungen sowie Umstrukturierungen, Veräußerung oder Einstellungen von Unternehmensteilen und Produktsegmenten. Die IT-Systeme von Wirecard liefen ohne Einschränkungen, hieß es weiter. Doch Wirecard muss jetzt auch damit rechnen, dass die Kunden angesichts des Vertrauensverlustes das Weite suchen.

Seit Donnerstag vergangener Woche haben sich die Ereignisse im Bilanzskandal um Wirecard dramatisch zugespitzt. Auch der umstrittene Vorstandschef Markus Braun musste seinen Posten räumen. Die Ratingagentur Moody's stufte die Kreditwürdigkeit von Wirecard auf «Ramsch» herab.

Am Freitag hatten die philippinischen Banken BDO Unibank und Bank of the Philippine Islands mitgeteilt, dass der deutsche Dax-Konzern kein Klient bei ihnen sei. Dokumente externer Prüfer, die das Gegenteil besagten, seien gefälscht. Auf den Konten der beiden Banken hätte die Summe eigentlich liegen sollen. Am Sonntag hat auch die Zentralbank in Manila mitgeteilt, dass die fehlenden Milliarden wohl nicht auf den Philippinen sind.

Wirecard wickelt bargeldlose Zahlungen für Händler ab, sowohl an Ladenkassen als auch online. Das Unternehmen ist seit über einem Jahr in Bedrängnis, seit die Londoner «Financial Times» dem Management in einer Serie von Artikeln Bilanzmanipulationen vorwarf. Auch die Finanzaufsicht Bafin und die Münchner Staatsanwaltschaft untersuchen verschiedene Aspekte im Fall Wirecard.

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