Deutschland

Konjunktur-Prognose des ifo-Instituts zu optimistisch? Fehlt auch nur ein Baustein, bricht das Kartenhaus zusammen

DWN-Gastautor Michael Bernegger und DWN-Chefredakteur Hauke Rudolph liefern eine Einschätzung der ifo-Prognose, der zufolge die deutsche Wirtschaft vor einem gewaltigen Aufschwung steht und die Folgen von Corona Ende 2021 wieder überwunden sind.
02.07.2020 16:38
Aktualisiert: 02.07.2020 16:38
Lesezeit: 4 min
Konjunktur-Prognose des ifo-Instituts zu optimistisch? Fehlt auch nur ein Baustein, bricht das Kartenhaus zusammen
Die Container-Mauer steht nicht mehr: So kann es auch dem Wirtschaftsaufschwung in Deutschland ergehen, wenn nur eine einzige Voraussetzung nicht erfüllt wird. (Foto: dpa)

Das ifo-Institut gibt sich in seiner am Mittwoch veröffentlichten Halbjahres-Prognose optimistisch, was die Entwicklung der deutschen Wirtschaft angeht. Nach einem schweren Einbruch im ersten Halbjahr (vor allem im zweiten Quartal), soll es ab jetzt wieder aufwärts gehen: In den kommenden sechs Monaten soll das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 5,4 Prozent steigen, im nächsten Jahr sogar um 6,4 Prozent. Ende nächsten Jahres soll der Stand des BIP dem BIP von Ende 2019 wieder in etwa entsprechen.

Die Prognose entspricht in etwa dem, was auch die Finanzmärkte derzeit antizipieren. Erwartet wird eine V-förmige Erholung, die etwas verzögert geschieht (verzögert deshalb, weil der Absturz in sechs Monaten geschah, der Aufschwung jedoch 18 Monate benötigt). Das heißt, auf einen steilen Absturz folgt eine rasche Erholung.

An eine W-förmige Erholung (also eine rasche Erholung, auf die eine Stagnation oder gar ein erneuter Einbruch folgt) oder gar an eine L-förmige Erholung (eine langanhaltende Rezession) glauben weder das Ifo-Institut noch die Finanzmärkte.

Jetzt stellen sich zwei Fragen:

1. Ist die Entwicklung ein Grund zur Freude?

2. Ist die Prognose gerechtfertigt?

Zweijähriger Einschnitt

Antwort 1:

Dass das BIP Ende 2021 wieder auf dem Niveau liegen soll wie Ende 2019, hört sich zunächst einmal gut an. Nicht vergessen sollte man allerdings, dass normalerweise jedes Jahr ein Wachstum zu verzeichnen ist, das BIP ohne die Corona-Krise Ende 2021 also ein paar Prozentpunkte höher gelegen hätte als das BIP von Ende 2019.

Andererseits: Berücksichtigt man, dass Corona in einigen Branchen wie beispielsweise der Luftfahrt, dem Tourismus und dem Gastgewerbe regelrechte Verwüstungen angerichtet hat (Ökonomen würden von einem „Strukturbruch“ sprechen), die sicher noch lange über 2021 hinweg wirken, ist die Prognose doch eher Grund zur Freude. Das heißt, die deutsche Wirtschaft wäre am Jahresende 2021 – wenn sich die ifo-Prognose als richtig erweist - gar nicht so weit von ihrem reduzierten Potentialpfad entfernt.

Optimistische Grundannahmen

Antwort 2:

Worauf basiert die Prognose eigentlich? Es sind dies im Wesentlichen vier Faktoren:

  • Die Öffnung der Wirtschaft im Verlauf des zweiten Quartals 2020, wodurch die wirtschaftliche Leistung vom 3. Quartal (also von jetzt) an wieder normalisiert wird.
  • Ein signifikanter Stimulus von über fünf Prozent des BIP in Form von Staatsausgaben und reduzierten Steuern (wobei dieser Stimulus vor allem in der zweiten Jahreshälfte 2020 anfällt). Die staatlichen Rettungs- und Konjunkturpakete fangen die Binnenwirtschaft auf und verhindern einen starken Anstieg der Arbeitslosigkeit.
  • Eine Erholung der Weltwirtschaft, die ebenfalls in der zweiten Jahreshälfte 2020 einsetzt und 2021 an Stärke gewinnt.
  • Schließlich eine überdurchschnittlich gute Entwicklung der deutschen Export-Wirtschaft. Die deutschen Exporte sollen 2021 um 13,4 Prozent wachsen, dies nach einem Absturz von 13,3 Prozent im laufenden Jahr. Die Prognose geht also von einer hohen und sich weiter verstärkenden Wettbewerbsfähigkeit im Außenhandel aus. Dies wird sich in einem rekordhohen Überschuss der Leistungsbilanz 2021 niederschlagen.

In Kürze: Die Prognose basiert auf einer optimistischen Einschätzung der

  1. Entwicklung der Pandemie.
  2. Wirkung der politischen und wirtschaftspolitischen Reaktionen auf die Pandemie.

(Das IFO-Institut gibt in seiner Pressemitteilung übrigens zu, dass sehr hohe Unsicherheiten bestehen, was beide Punkte angeht.)

Fakt ist: Bei pessimistischeren Grundannahmen würde die Prognose automatisch deutlich pessimistischer ausfallen.

Corona sucht die Welt weiterhin heim

An dieser Stelle sollen nun nicht alle möglichen anderen Annahmen skizziert werden. Nur so viel: Die Coronavirus-Pandemie befindet sich weltweit in voller Ausbreitung. Die USA erleben eine volle zweite Welle, vor allem in den bevölkerungsreichsten Bundesstaaten (Kalifornien, Texas, Florida) sowie in zahlreichen südlichen und westlichen mittelgroßen und kleineren Bundesstaaten. Es wird in Amerika keinen zweiten Lockdown geben, so viel haben die Ankündigungen von Präsident Donald Trump klar gemacht. Nach den im Kongress Anfang dieser Woche gemachten Aussagen der für das Gesundheitswesen Verantwortlichen, ist die Pandemie damit im ganzen Land praktisch außer Kontrolle, selbst in den vormals schwer betroffenen Bundesstaaten an der Ostküste, welche die Pandemie praktisch schon ausgemerzt hatten. Ein strukturiertes Vorgehen der Behörden ist nicht mehr wirklich erkennbar.

Gleiches oder noch Schlimmeres gilt für ganz Lateinamerika inklusive Mexiko. Und in zwei weiteren Weltregionen ist Corona auf dem Vormarsch, zum einen im gesamten ölreichen Mittleren Osten (Saudi-Arabien, Iran, Kuwait, Katar, Bahrain) sowie in Indien, Pakistan, Bangladesch, drei Schwellenländern mit niedrigem Pro-Kopf Einkommen, aber zusammen rund 1,7 Milliarden Einwohnern. In vielen anderen Ländern und Regionen breitet sich die Pandemie aus, steht aber noch im Anfangsstadium – es ist schwer, hier brauchbare Vorhersagen zu treffen.

Eine sich ausbreitende (globale oder auf wichtige Regionen beschränkte) Pandemie könnte das Wirtschaftswachstum erheblich dämpfen, unabhängig davon, ob es einen Lockdown gibt oder nicht. Die Wirkungen für Tourismus, Transportwesen und Gastgewerbe – also für die Kernbereiche des Dienstleistungssektors – wären verheerend, genau wie für die Bauindustrie, einer Schlüsselbranche im Wachstumsprozess für Schwellenländer. Unter diesen Umständen erscheint eine so günstige Prognose wie die des ifo-Instituts für die Exporte tendenziell fragwürdig.

Noch mehr Risiken

Andere Risiken für seine Prognose erwähnt das ifo-Institut ebenfalls, so einen „No Deal-Brexit“ und eine Verschärfung des Handelskriegs zwischen den USA und China sowie den USA und anderen Ländern.

Ein Punkt, der von allen Prognostikern – auch vom ifo-Institut – unterschätzt wird, ist die Nachfrage nach Ausrüstungsgütern. Durch den – praktisch weltweit geltenden – Lockdown von März bis Mai dieses Jahres ist die Finanzsituation von Klein- und Mittelbetrieben (KMU) auf globaler Ebene gleich zu Beginn der Krise arg geschwächt worden. Anders als Deutschland, sind die meisten Länder nicht in der Lage, ihre KMU über Wasser zu halten. Dieses – für viele Länder dominante – Unternehmens-Segment wird nächstes Jahr für eine volle Wiederaufnahme seiner Investitionstätigkeit kaum Mittel besitzen, sondern sich zunächst darauf konzentrieren müssen, überhaupt zu überleben. Dass die deutschen Exporte so rasch wieder anziehen, wie von ifo erwartet, scheint unter diesen Umständen mehr als fraglich. Dazu kommt: Die Struktur der deutschen Exporte ist von der Autoindustrie und dem Maschinen- und Anlagenbau geprägt. Ob die Nachfrage für deren Produkte sich rasch erholt, ist sehr ungewiss.

Summa summarum: Die ifo-Prognose ist optimistisch – aber nicht so optimistisch, dass man jetzt schon weiß, dass sie sich nicht erfüllen wird. Aber: Sie ist so optimistisch, dass sie nur eintreten wird, wenn alle dafür notwendigen Bedingungen und Voraussetzungen wahr werden – und das ist beim jetzigen Stand der Dinge eher unwahrscheinlich.

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